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Immobilienkrise in China Die Welt vertraut der kommunistischen Zentralregierung

Xi Jinping im Kreis seiner Mitstreiter
Xi Jinping im Kreis seiner Mitstreiter: Politik-Insider erwarten, dass die chinesische Regierung eingreift, um in letzter Instanz die erforderlichen Garantien für den Evergrande-Immobilienkonzern zu gewähren. | Foto: IMAGO / Xinhua
Gene Podkaminer, Franklin Templeton

China hat eine rasante Verstädterung erlebt: Im Jahr 2020 lebten 61 Prozent der Bevölkerung in städtischen Gebieten, kalkulieren die Vereinten Nationen (United Nations Population Division UNPD). Im Jahr 1960 waren es nur 16 Prozent. Chinas bislang führender Immobilienkonzern Evergrande profitierte von diesem Wandel – und trug dazu bei, ihn voranzutreiben –, indem er Immobilien an die chinesische Kundschaft verkaufte, lange bevor die Projekte abgeschlossen waren. Das Unternehmen wurde immer größer und expandierte schließlich in den Bau und den Betrieb von Freizeitparks, ins Mineralwasser-Business und heftete sich sogar eine eigene Fußballmannschaft ans Revers.

Nachdem die chinesische Regierung jedoch im Rahmen ihrer Kampagne für „gemeinsamen Wohlstand“ versucht, den Immobiliensektor zu entschulden, um eine gefürchtete Blasenbildung zu vermeiden, war Evergrande unlängst nicht in der Lage, seine Schulden zu bedienen. Viele Marktteilnehmer beunruhigen sich infolgedessen, inwieweit Ansteckungsgefahren für die Branche drohen – und darüber hinaus.

Chinas Regierung vor einer gewaltigen Herausforderung

Spill-Over-Effekte sollten sich bei Evergrande in Grenzen halten. Politik-Insider haben erklärt, dass die chinesische Regierung eingreifen dürfte, um in letzter Instanz die erforderlichen Garantien zu gewähren – aber erst dann, nachdem die anderen Branchenteilnehmer ins Schwitzen gebracht worden sind und die Aktieninhaber des Unternehmens die Hauptlast für dessen übermäßige Risikobereitschaft tragen müssen.

Mit dem Kauf der Evergrande-Beteiligung an einer Bank hat die Regierung bereits erste Schritte in diese Richtung unternommen. In der Vergangenheit hat sie ähnliche Situationen erfolgreich gemeistert. Sollten bei Evergrande Betrug oder Unregelmäßigkeiten in der Bilanzierung offenkundig werden – was durchaus möglich ist –, könnten sich die Sachlage und unser Ausblick natürlich ändern. Die wirtschaftliche Entwicklung bei den Bauträgern insgesamt muss beobachtet werden, um herauszufinden, wie weit ungesunde Verbindlichkeiten verbreitet und wie ansteckend sie sind. Sollten zusätzliche Risiken im gesamten Sektor auftreten, würde dies eindeutig das Vertrauen zerstören und die Regierung vor gewaltige Probleme stellen.

Chinas Nationaler Volkskongress hat 2018 mit großer Mehrheit die Amtszeitbegrenzung des Präsidenten aufgehoben und Xi Jinping wird alles dafür tun, weiterhin seine Macht in der Kommunistischen Partei zu erhalten und die von ihm offensichtlich angestrebte dritte Amtszeit über das Jahr 2022 hinaus abzusichern. Es ist daher anzunehmen, dass das Evergrande-Debakel letztlich gelöst wird.

Ähnelt Evergrande der Lehman-Pleite?

Wir sehen eine Reihe von Gründen, warum die chinesische Regierung anders auf eine etwaige Finanzkrise reagieren könnte als die Vereinigten Staaten. Im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten kontrolliert die chinesische Regierung ihre Banken. Sie sind dazu angehalten, der chinesischen Wirtschaft Vorrang vor ihrer eigenen Rentabilität einzuräumen. Außerdem hat Peking Zugriff auf ihre Einlagen und kontrolliert zudem den grenzüberschreitenden Geldverkehr sowie die Gerichte.

Angesichts der Macht und Reichweite der Regierung kann sie staatliche Immobilien- und Bauunternehmen anweisen, Evergrande bei der Fertigstellung der rund 800 unvollendeten Immobilienkomplexe zur Seite zu springen. Es würde Chinas Kampagne für „gemeinsamen Wohlstand“ gut zu Gesicht stehen, wenn private Immobilienkäufer und privatwirtschaftliche Investoren vor Verlusten geschützt werden und die Integrität des Immobiliensektors angesichts seiner systemischen Bedeutung für die Wirtschaft gewahrt bleibt. Die Regierung verfügt über viele Instrumente: Sie kann nicht zuletzt die öffentliche Wahrnehmung und Reaktion steuern, weil sie sowohl die Medien kontrolliert als auch öffentliche Proteste unterbindet.

Darüber hinaus sind wir der Ansicht, dass es ausreichend Vermögenswerte gibt, um die Schulden von Evergrande mit kontrollierten Immobilienverkäufen zu decken. Dies geht aus Gesprächen mit verschiedenen Fachleuten innerhalb von Franklin Templeton und externen Umstrukturierungsexperten hervor, die über umfassende Chinakenntnisse verfügen.

In der Finanzkrise 2008/09 weiteten sich die Spreads der Credit Default Swaps (CDS) drastisch aus und es waren starke Währungsschwankungen zu verzeichnen – Banken und Anleger sahen sich aufgrund der dramatischen Krise in die Enge getrieben. Anders bei Evergrande: Diesmal haben sich die CDS-Spreads für chinesische und US-amerikanische Banken nicht allzu sehr ausgeweitet. Die Volatilität des Renminbi war ebenfalls nicht sehr ausgeprägt.

Um einem systemischen Problem die Spitze zu nehmen, hätte die chinesische Regierung zudem herkömmliche Hebel, um Liquidität zuzuführen, wie etwa die zusätzliche Senkung des Mindestreservesatzes, die bereits im Juli eingeleitet wurde.

Hemmt der chinesische Immobilienmarkt das globale Wachstum?

Unter anderem aus den oben genannten Gründen werden die Auswirkungen im Zusammenhang mit Evergrande wahrscheinlich nur begrenzte globale Folgen haben. Wir erwarten allerdings, dass das Wachstum in China im Jahr 2022 im Vergleich zu anderen Regionen unter dem Trend liegen wird.

Insgesamt ist dennoch Vorsicht angeraten: Könnte die Krise im Immobiliensektor sich auf eine Weise verstärken, die zum Kontrollverlust der Regierung führt? Das ist wohl nicht ausgeschlossen. In diesem Fall würde China hinter den Wachstumserwartungen zurückbleiben. Werden sich ausländische Investoren zurückziehen, wenn die Regierung weitere regulatorische und sektorale Änderungen vornimmt? Das ist schon jetzt zu beobachten. Viele Anleger bekommen kalte Füße angesichts des kontinuierlichen Wandels in China, dessen Anfangsphase wir sehen und der sich noch über viele Jahre hinziehen wird.

Letztendlich erwarten wir, dass die chinesische Regierung für Evergrande eine Art Rettungspaket schnürt, um die Finanzstabilität der Volkswirtschaft und den „gemeinsamen Wohlstand“ zu bewahren. Selbst wenn Evergrande trotz seiner schieren Größe unter Umständen nicht zu groß ist, um zu scheitern, sind wir der Meinung, dass der chinesische Immobiliensektor als Ganzes zu groß ist, um in die Pleite zu rutschen oder auf dem Weg dahin nicht gestoppt zu werden: Er macht fast 30 Prozent des chinesischen BIP und nach manchen Schätzungen 60 bis 70 Prozent des Nettovermögens eines durchschnittlichen chinesischen Privathaushalts aus.

Wichtige rechtliche Hinweise:

Diese Unterlage soll ausschließlich allgemeinem Interesse dienen und ist nicht als persönliche Anlageberatung oder Empfehlung oder Aufforderung zum Kauf, Verkauf oder Halten eines Wertpapiers oder zur Übernahme einer Anlagestrategie zu verstehen. Sie stellt auch keine Rechts- oder Steuerberatung dar.

Die in diesem Dokument enthaltenen Meinungen, Aussagen und Analysen geben die aktuelle Einschätzung zum Erscheinungsdatum (oder in einigen Fällen zu einem bestimmten Datum) wieder und können sich jederzeit ohne Vorankündigung ändern. Die vorliegenden Informationen stellen keine vollständige Analyse aller wesentlichen Fakten in Bezug auf ein Land, eine Region oder einen Markt dar.

Hinweis: Diese News ist eine Mitteilung des Unternehmens und wurde redaktionell nur leicht bearbeitet.
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