Sinkende Öl- und Gaspreise haben den großen Ölkonzernen im zweiten Quartal im Vergleich zum Vorjahr drastische Gewinneinbrüche beschert. Im vergangenen Jahr waren die Gewinne, getrieben durch die russische Invasion in der Ukraine und die damit verbundenen Lieferunterbrechungen, noch sprunghaft angestiegen. Aufgrund der eher schwachen Entwicklung der Weltwirtschaft und der sich eintrübenden Aussichten in vielen Regionen war der Preis für die Nordseesorte Brent seit Juni 2022 von rund 122 US-Dollar anschließend jedoch auf 70 US-Dollar gefallen.
Ölpreise im Aufwind: Anstieg seit Juli signalisiert Erholung
Doch nun scheint die Talsohle vorerst durchschritten. Seit Juli sind die Ölpreise wieder stark gestiegen. Aktuell liegt der Preis für die Sorte Brent bei rund 84 US-Dollar. Denn nicht nur die Weltkonjunktur spielt bei der Preisbildung eine Rolle, sondern auch die Angebotsseite. Hier setzen die OPEC-Staaten ihre Bemühungen zur Reduzierung der Fördermengen fort. Dieser Wille wird deutlich, da bereits Anfang Juni Förderkürzungen bis 2024 beschlossen wurden. Insbesondere Saudi-Arabien treibt diese Initiative voran und hat zusätzlich freiwillige Förderkürzungen beschlossen, die bereits in Kraft getreten sind und kürzlich bis September verlängert wurden. Russland hat ebenfalls angekündigt, seine Produktion zu drosseln.
In den USA, dem wichtigsten Förderland außerhalb der OPEC, geht die Bohraktivität aufgrund erschwerter Kreditbedingungen kontinuierlich zurück. Viele Projekte erweisen sich als nicht mehr rentabel. „Auf Basis der Prognosen der Internationalen Energieagentur (IEA) dürfte der Ölmarkt im dritten Quartal ein Angebotsdefizit von circa 2 Millionen Barrel pro Tag und im vierten Quartal von 1,5 Millionen pro Tag aufweisen“, sagt Carsten Fritsch, Rohstoffanalyst bei der Commerzbank. All diese Faktoren haben den Ölpreis in den zurückliegenden Wochen nach oben getrieben.
Langfristiger Bedarf ungebrochen
Die Einflüsse auf den Ölpreis sind jedoch vor allem kurzfristiger Natur und Änderungen sind jederzeit möglich. So könnte die Nachfrage aufgrund der schwachen Weltkonjunktur stärker als erwartet zurückgehen, was den Ölpreis erneut unter Druck setzen würde. Ein stabilisierender Faktor für den Ölpreis könnte hingegen sein, dass viele Länder ihre in den Vorjahren abgebauten strategischen Reserven noch nicht wieder vollständig aufgebaut haben.
Unabhängig von kurzfristigen Markteinflüssen ist der Bedarf an Öl und Gas auch mittelfristig ungebrochen. Die IEA prognostiziert, dass die weltweite Ölnachfrage in den kommenden Jahren zwar langsamer wachsen wird als bisher, die Gesamtproduktion aber bis 2028 auf 106 Millionen Barrel ansteigen wird. Das entspricht einem beachtlichen Wachstum von 6 Prozent pro Tag. Dieser Anstieg wird vor allem von asiatischen Ländern wie Indien getragen. Vieles spricht also dafür, dass der Ölpreis zumindest vorläufig auf dem aktuellen Niveau bleiben könnte.
Weitsichtige Investoren nutzen Kursschwäche in der Ölbranche
Auch wenn die Branche den satten Gewinnen des Vorjahres hinterherhinkt, als der Ukraine-Krieg die Preise in ungeahnte Höhen trieb, verdienen die Ölmultis auf dem aktuellen Preisniveau immer noch sehr gut. So hat BP in den ersten drei Monaten einen Nettogewinn von 8,2 Milliarden US-Dollar erzielt. Das waren zwar 2,6 Milliarden US-Dollar weniger als im vierten Quartal 2012, aber mehr als im ersten Quartal des Vorjahres. Auch bei Total belastete der jüngste Preisverfall das Geschäft. Der Gewinn pro Aktie ging im ersten Quartal um 35 Prozent zurück. Dennoch erhöhte das Management die Quartalsdividende um über 7 Prozent auf 0,82 Dollar je Aktie. Dazu kauften die Franzosen Aktien im Wert von 2 Milliarden Dollar zurück.
Beim italienischen Eni-Konzern hat das Gasgeschäft den operativen Gewinn im ersten Quartal um 47 Prozent auf knapp 1,4 Milliarden US-Dollar gesteigert und rund 28 Prozent zum Konzernergebnis beigetragen. Zwar ging auch bei Eni der Gesamtnettogewinn um ein Drittel auf 2,4 Milliarden US-Dollar zurück, der operative Cashflow blieb jedoch mit knapp 3 Milliarden US-Dollar stabil. Alle Konzerne überzeugen jedoch durch günstige Bewertungskennzahlen und hohe Dividendenrenditen. So liegt das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) für das Jahr 2024 bei Shell bei 7, bei Eni bei rund 6 und bei Total Energies bei 6,5. Etwas teurer sind US-Werte wie Exxon Mobil, deren KGV bei 12 liegt. Weitsichtige Investoren nutzen die aktuelle Kursschwäche zum Kauf.
Breite Angebotspalette: Aktive Fonds und ETFs für den Energiesektor
Für Anleger, die nicht in Einzelaktien investieren können oder wollen, sind aktive Fonds oder ETFs eine interessante Alternative. Im Energiesektor gibt es ein breites Angebot von rund 70 ETFs und Fonds mit unterschiedlicher Ausrichtung oder regionalen Schwerpunkten, was die Vielfalt des Sektors widerspiegelt.
Im Xtrackers MSCI World Energy ETF dominieren große Player wie Exxon Mobil, Chevron, Shell und Total, da diese Unternehmen die höchste Marktkapitalisierung im Energiesektor aufweisen und der ETF seine Titel nach Marktkapitalisierung sortiert. Der iShares Oil & Gas Exploration & Production ETF konzentriert sich dagegen auf spezifischere Bereiche. Der zugrunde liegende S&P Commodity Producers Oil & Gas Exploration & Production Index enthält ausschließlich Aktien von Unternehmen, die weltweit in der Öl- und Gasförderung tätig sind.
Dieser stärker fokussierte Ansatz hat in der jüngeren Vergangenheit zu besseren Ergebnissen geführt. Allerdings ist dieser Fokus auch mit höheren Kursschwankungen verbunden. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass die Gewinne von Unternehmen, die in der Förderung tätig sind, stärker von der Preisentwicklung dieser Rohstoffe abhängen als die Gewinne von Unternehmen, die sich stärker auf den Konsumbereich konzentrieren.
Auf den folgenden Seiten zeigen wir, welche Produkte in den vergangenen drei Jahren die Nase vorn hatten. Bei ETFs, die denselben Index abbilden, wurde jeweils nur der ETF mit der besten Performance berücksichtigt.
Stand aller Daten: 18. August 2023

