Ein klassisches Drama besteht aus fünf Akten: Exposition, ansteigende Handlung, Höhe- und Wendepunkt, fallende Handlung und Auflösung. Der Höhe- und Wendepunkt im dritten Akt, auch als Peripetie bezeichnet, steht für die unerwartete Umkehr im Handlungsverlauf des Dramas.

An dieser Stelle wird auch ersichtlich, ob die Handlung einen guten oder einen schlechten Ausgang nimmt. Der Höhepunkt der Niedrigzinsphase und gleichzeitig der Wendepunkt in Sachen Leitzinsen fand am 9. Juni 2022 statt. In der Ratssitzung der Europäischen Zentralbank (EZB) kündigte die Präsidentin Christine Lagarde eine erste Leitzinserhöhung im Juli 2022 an. Damit läutete sie die Zinswende ein. In zehn Schritten, erstmals im Juli 2022, dann im September, Oktober, Dezember 2022 sowie im Februar, März, Mai, Juni, Juli und September 2023 hat die EZB dann den Leitzins wieder auf aktuell 4,5 Prozent angehoben, im Oktober beließ die Zentralbank den Zins unverändert auf diesem Niveau.

Dramatische Folgen für Lebensversicherer

Für Lebensversicherer könnte die Zinswende zusammen mit der steigenden Teuerungsrate dramatische Folgen haben, warnt Gerrit Heine von Munich Re. „Hohe Inflation und ein rapide gestiegenes Zinsniveau erschweren ihr Geschäftsmodell und den Vertriebserfolg ihrer Produkte gleich mehrfach“, sagt der Leiter DACH-Region beim Rückversicherer. Der Wettbewerb um Kundengelder habe sich wieder erheblich verschärft. Vor der Zinswende hätten Banken nämlich versucht, Sichteinlagen zu reduzieren, unter anderem durch den Vertrieb von Altersvorsorgeprodukten und teilweise durch Negativzinsen auf größere Geldsummen auf dem Girokonto. Im aktuellen Umfeld stark gestiegener Zinsen hingegen bieten sie wieder eigene Produkte an, die zumindest im direkten Vergleich zu Versicherungsprodukten mit einem hohen „Klassik“-Anteil sehr wettbewerbsfähig seien. Zugleich sinke aufgrund der hohen Inflation die Sparfähigkeit der Bevölkerung und damit die Nachfrage nach Altersvorsorgeprodukten.

Doch das Vertriebstief betrifft laut Heine nicht alle Lebensversicherungen gleichermaßen. Bei chancenorientierten Produkten wie den fondsgebundenen Lebensversicherungen mit und ohne Garantie rechnet er sogar mit steigender Nachfrage. „In einem Umfeld, in dem der Marktzins deutlich über dem Höchstrechnungszins liegt, ist generell zu erwarten, dass Produkte, deren Garantieerzeugung nicht über das konventionelle Sicherungsvermögen, sondern durch Absicherung an den Kapitalmärkten erfolgt, beliebter werden“, sagt er.

„Die Zinswende ist insgesamt positiv zu sehen"

Auch Joachim Kaeß, Versicherungsmathematiker beim Analysehaus Morgen & Morgen, gibt sich optimistisch. „Die Zinswende ist insgesamt positiv zu sehen, da sie Entlastung bei der Finanzierung von hohen Garantien im Bestand bringt“, sagt er. Mittel aus der Zinszusatzreserve werden frei und eine sichere Neuanlage und Wiederanlage von Geldern könne zu deutlich besseren Zinskonditionen erfolgen. „Dennoch ist zu beachten, dass vor dem Hintergrund der langfristig ausgerichteten Kapitalanlage der Versicherer Steigerungen beim Zins nicht sofort in entsprechende Steigerungen der Gesamtverzinsung umgesetzt werden können“, so Kaeß weiter. Der schnelle Zinsanstieg führe nämlich dazu, dass sogenannte stille Lasten entstünden, die kurzfristig den Marktwert des gesamten Zinsportfolios im Sicherungsvermögen drücken würden. Denn die Bestände an festverzinslichen Wertpapieren, die in der Niedrigzinsphase gekauft wurden, verlieren an Wert, da ja nun neue Anleihen und Schuldverschreibungen mit deutlich höheren Zinsen als die der früheren Papiere auf den Markt kommen.

Höhere Gesamtrendite

Dass es zu gravierenden Problemen kommt, erwartet der Versicherungsmathematiker indes nicht. „Viele moderne Produkte sind nicht rein zinsbasiert, sondern beziehen chancenorientierte Anlagen spürbar ein“, sagt er. Viele klassische Produkte im Bestand seien mit attraktiven Garantien ausgestattet. Und auch die konkurrierenden Banken täten sich mit dem Zinsanstieg schwer. Schließlich hätten auch sie in Zeiten der EZB-Negativzinsen in länger laufende sichere Zinspapiere mit niedrigem Zins investiert.

Es sei nicht unwahrscheinlich, dass die Gesamtverzinsungen vor allem mittelfristig wieder ansteigen, so Kaeß weiter. Höhere Gesamtverzinsungen wirken sich in allen Hybridprodukten positiv auf die Rendite aus. Unter Hybridprodukten versteht man fondsgebundene Lebensversicherungen, die bei Vertragsablauf und während einer Rentenbezugsphase bestimmte Mindestleistungen garantieren. Um dies zu gewährleisten, fließt ein Teil der Beiträge in Fonds. Der Rest landet im Anlagestock des konventionellen Lebensversicherungsgeschäfts. Bei statischen Hybridprodukten bleibt diese Aufteilung immer gleich. Bei dynamischen Hybridprodukten strebt der Versicherer einen möglichst hohen Aktienanteil an, muss aber bei schlechter Marktentwicklung zur Sicherung der Garantie in sichere Anlagen umschichten.