EZB-Chefin Christine Lagarde am 10. Dezember 2020 Foto: imago images / Xinhua

Finanzmarkt-Profis über die EZB-Maßnahmen

„Diese Zahlen verlieren allmählich ihre Wirkung“

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Friedrich Heinemann, Leiter des Forschungsbereichs „Unternehmensbesteuerung und Öffentliche Finanzwirtschaft“ am ZEW Mannheim

Die EZB läuft zunehmend Gefahr, mit ihren massiven Staatsanleihekäufen und der nun erfolgten Laufzeitverlängerung jedes Maß zu verlieren. Wenn sogar zehnjährige griechische Staatsanleihen trotz anhaltender Überschuldung des Landes nur noch eine Rendite von 0,6 Prozent aufweisen, dann ist dies eindeutig eine Übertreibung. Es ist zwar richtig, dass die EZB in der Krise exzessive Zinsaufschläge verhindert. Die fast völlige Einebnung der Renditen für Staatsanleihen in der Eurozone geht inzwischen jedoch über ein nachvollziehbares Ausmaß hinaus. Hinzu kommt, dass die Staatsanleihekäufe der Euro-Zentralbanken inzwischen ganz einseitig auf wenige Hochschuldenländer ausgerichtet sind. So beträgt die Übergewichtung Italiens im Vergleich zum Kapitalschlüssel seit März 25 Prozent.

Dank Zulassung hochwirksamer Impfstoffe ist die Eindämmung der Pandemie zum Jahresende 2021 inzwischen hochgradig realistisch. Die EZB muss ihrerseits endlich Vorbereitungen treffen, die inzwischen faktisch völlige Abhängigkeit Südeuropas vom Geld der Notenbanken zu verringern. Die große Aufgabe für den EZB-Rat für 2021 ist, den Exit aus den Anleihekäufen behutsam und trotzdem glaubwürdig zu kommunizieren. Denn diese sind in Höhe und Struktur nicht länger als bis zum jetzt verkündeten Datum März 2022 zu verantworten. Sonst ist der Vorwurf der monetären Staatsfinanzierung auch bei noch so wohlwollender Bewertung des EZB-Handelns immer schwerer zu entkräften.“

Otmar Lang, Chefvolkswirt der Targobank

Mitten in der schwersten Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg steht der Dax fast auf seinem Allzeithoch – dieses Vertrauen der Anleger haben die Märkte auch der Europäischen Zentralbank und ihrer klaren Linie zu verdanken. Heute hat EZB-Chefin Christine Lagarde erwartungsgemäß nochmals deutlich nachgelegt: Die ultralockere Geldpolitik wird abermals erheblich ausgeweitet; entsprechende Programme werden aufgestockt und verlängert. Eine baldige Zinserhöhung bleibt unverändert in weiter Ferne.

Die EZB versprüht Hoffnung in einer Krise, die eigentlich mit geldpolitischen Mitteln nicht aus der Welt geschaffen werden kann: Das Problem ist eben kein wirtschaftliches, sondern ein medizinisches. Dennoch konnte sie einen Zusammensturz der Wirtschaft, wie ihn die Aktienmärkte noch Mitte Februar vorzeichneten, vermeiden. Und das verdient große Anerkennung.

Damit operiert die Europäische Zentralbank seit dem Frühjahr 2020 in ihrem Bereich deutlich erfolgreicher als die Politik, der es nicht gelingt, wirksame Maßnahmen zu beschließen, um die Pandemie im Euroraum nachhaltig einzudämmen. Bei Christine Lagarde ist von der Erfassung der Notsituation bis zur Formulierung und Umsetzung eines Handlungsstrangs nie viel Zeit verstrichen.

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