Finanzmarkt-Profis über die EZB-Maßnahmen „Diese Zahlen verlieren allmählich ihre Wirkung“
Vor allem der Ausblick auf die erwarteten Inflationsraten bleibt schwach mit 1,0 Prozent in 2021, 1,1 Prozent in 2022 und 1,4 Prozent in 2024. Die mittelfristigen Inflationserwartungen könnten angesichts der im kommenden Jahr anstehenden überdurchschnittlichen konjunkturellen Erholung sowie der anhaltenden Flutung der Volkswirtschaften mit geld- und zumindest in 2021 wohl auch noch mit fiskalpolitischer Liquidität übertroffen werden. Sollten dadurch die Inflationserwartungen steigen, könnte zwar bei längeren Laufzeiten ein gewisser Zinssteigerungsdruck entstehen, der jedoch durch die anhaltenden Wertpapierkäufe gedeckelt werden dürfte. Damit bleibt das strukturelle Niedrigzinsniveau in allen verzinslichen Segmenten vorerst erhalten und unterstützt reale Anlageklassen, wie Aktien, Immobilien und Edelmetalle grundsätzlich weiter. Zwar unterstützt die EZB damit ein von ihr jüngst im Finanzstabilitätsbericht adressiertes Risiko, die Gefahr von Überbewertungen bzw. größeren Korrekturen an den Kapitalmärkten. Offensichtlich überwiegt aber derzeit das Ziel der Stabilisierung der konjunkturellen und damit der Inflationserwartungen in der akuten Krisenphase.
Paul Brain, Anleihechef bei Newton Investment Management und Manager des BNY Mellon Global Dynamic Bond (ISIN: IE00B432GG85)
Die EZB wird diese lockere Geldpolitik höchstwahrscheinlich auch nach der Einführung eines Impfstoffs beibehalten, der mögliche Schaden für die Wirtschaft ist sonst einfach zu groß. Niedrige Zinsen zusammen mit fiskalischer Unterstützung unterstützen die Erholung und helfen den Volkswirtschaften, die aktuellen Herausforderungen zu meistern. Auch der starke Euro und die langwierigen Brexit-Verhandlungen bleiben ein Kriterium für die Zentralbank und bestärken sie in ihrer lockeren Politik.
Das Pandemie-Notkaufprogramm wurde um 500 Milliarden auf 1,85 Billionen Euro erhöht und zudem um neun Monate verlängert, zusammen mit einer Verlängerung des TLTRO3-Programms bis Juni 2022. Die Beschränkungen für Banken, die das Programm nutzen wollen, wurden leicht gelockert.
Sorgen über die Wirtschaft und eine starke Währung fließen wahrscheinlich auch in die Vorhersagen ein – die Kommunikation konzentriert sich deshalb darauf, wieviel Potenzial für weitere Maßnahmen besteht. Der starke Trend des Euro gegenüber dem US-Dollar sollte auch nach den heutigen Ankündigungen nicht abbrechen, zumal der Diskontsatz unverändert bleibt. Interessant würde es natürlich, wenn die EZB Bedenken über die weitere Entwicklung äußern sollte. Schließlich erwarten wir eine weitere Einengung des Spreads zwischen den Anleihenmärkten der Peripherie- und Kernländer, solange die EZB ihre lockere Politik beibehält.

