Finanzmarkt-Profis über die EZB-Maßnahmen „Diese Zahlen verlieren allmählich ihre Wirkung“
Die Zentralbank dürfte also auf absehbare Zeit bei ihrer lockeren Politik bleiben, um Volatilität entgegenzuwirken – doch Anleger sollten dennoch die Marktrisiken im Blick behalten.
Jörg Angelé, Senior-Volkswirt der Bantleon Bank
Die EZB reagiert mit der heutigen Entscheidung auf die erneute Verschärfung der Pandemie sowie die sich daraus ergebenden Abwärtsrisiken für Konjunktur und Inflation. Im Unterschied zum Frühjahr, als die Risikoaufschläge von Staatsanleihen vor allem der Peripherieländer sowie von Unternehmensanleihen kräftig anstiegen, ist aktuell jedoch keine Gefahr in Verzug. Die Spreads liegen nahe mehrjährigen Tiefstständen. Die Rendite deutscher Bundesanleihen liegt weit im negativen Bereich (2 Jahre: minus 0,78 Prozent; 10 Jahre: minus 0,63 Prozent) und die Geldmarktsätze liegen sogar klar unter dem Vorkrisenniveau (3-Monats-Euribor minus 0,55 Prozent gegenüber minus 0,42 Prozent Ende Februar). Wir halten die heute angekündigten Maßnahmen daher in erster Linie für ein psychologisches Signal. Insbesondere, da die Pandemie dank der Verfügbarkeit von Impfstoffen im Laufe des nächsten Jahres abklingen sollte und mit dem EU-Wiederaufbaufonds bald ein schlagkräftiges fiskalisches Instrument zur Verfügung stehen wird.
Insgesamt liegt das Maßnahmenpaket der EZB am unteren Ende der Markterwartungen. Insbesondere der Verzicht auf eine erneute Aufstockung des APP ist eine Enttäuschung. Der Wegfall der Käufe von monatlich gut 13 Milliarden EUR muss ab Januar 2021 über das PEPP kompensiert werden. Kaufte die EZB weiterhin Anleihen im Umfang von gut 100 Milliarden EUR pro Monat wie seit März, wäre das Volumen des PEPP Ende 2021 erschöpft.
EZB-Präsidentin Christine Lagarde betonte jedoch, dass das erhöhte PEPP-Volumen nicht zwangsläufig ausgeschöpft wird und eher eine Absicherung für die Notenbank darstellt. Falls nötig kann sie damit rasch und entschlossen etwaigen Verwerfungen des geldpolitischen Transmissionsmechanismus entgegenwirken. Unerwartet ist auch der Verzicht der Währungshüter, den Freibetrag für Einlagen bei der EZB anzuheben. Durch die zusätzlichen Anleihekäufe und TLTROs wird die Überschussliquidität weiter steigen. Dies belastet vor allem Banken aus der Kern-Eurozone, die schon jetzt im Geld schwimmen und jährlich Milliarden Euro an Strafzinsen bezahlen müssen. Banken aus der Peripherie dürften dagegen von der großzügigen und günstigen Liquiditätsversorgung profitieren.
Wir gehen davon aus, dass eine Kombination aus Impffortschritten und einer günstigeren Witterung ab dem Frühjahr 2021 zu einem enormen Konjunkturschub führen wird, der bis weit ins Jahr 2022 anhält. Im Zuge dessen dürfte auch die Inflationsrate stärker steigen als von der EZB aktuell unterstellt. Insbesondere die Annahmen der Notenbank zum unterliegenden Preisauftrieb teilen wir nicht. Die von uns wie von den Währungshütern erwartete dynamische Konjunkturerholung im nächsten und übernächsten Jahr wird im Zusammenspiel mit höheren Energiepreisen, zusätzlichen Abgaben beziehungsweise Steuern für den Klimaschutz und einem spürbar steigenden Mindestlohn zu einem erkennbaren und vor allem nachhaltigen Anstieg des unterliegenden Preisdrucks führen. Wir halten es daher für fraglich, ob die EZB den ausgeweiteten Rahmen bei den Anleihenkäufen am Ende ausschöpft. Wahrscheinlicher erscheint eine Reduzierung der Käufe ab der 2. Jahreshälfte 2021 und eine Einstellung 2022. Eine erste Zinsanhebung wäre dann 2023 möglich.


