Finanzmarkt-Profis über die EZB-Maßnahmen „Diese Zahlen verlieren allmählich ihre Wirkung“
Paul Diggle, Senior-Volkswirt bei Aberdeen Standard Investments
Die EZB hat heute eine Reihe von geldpolitischen Lockerungsmaßnahmen angekündigt, darunter mehr Quantitative Easing und eine Lockerung der Kreditvergabe. Der entscheidende Punkt ist jedoch, dass diese ziemlich genau so ausfielen, wie erwartet wurde, so dass die Ankündigung nicht viel Wirkung gezeigt hat. Die gedämpften Wirtschaftsprognosen der EZB – die eine relativ vorsichtige Sichtweise auf die Geschwindigkeit, mit der die Impfstoffe eine Rückkehr zur Normalität erlauben, einnehmen – bedeuten, dass dies wahrscheinlich nicht der letzte Vorstoß in Sachen monetärer Stimulierung in diesem Zyklus ist.
Ulrike Kastens, Volkswirtin Europa bei der DWS
Die Europäische Zentralbank (EZB) hat wieder einmal geliefert und setzt, wie von uns erwartet, in ihrer Rekalibrierung der Geldpolitik auf die bewährten Instrumente: Anleihekäufe durch das Pandemic Emergency Purchase Programm (PEPP) und gezielte Langfrist-Tender. Hinzu kommen noch eine längere Reinvestitionsphase beim PEPP und die Bereitschaft der EZB, die geldpolitischen Instrumente bei Bedarf anzupassen. Es handelt sich um ein umfassendes Paket, das langfristig für sehr günstige Finanzierungsbedingungen auf den Kapitalmärkten und in der Kreditvergabe sorgen soll. Dies ist letztlich auch aufgrund des pessimistischeren Konjunkturbilds der EZB notwendig.
Vor allem die Aufstockung des Pandemic Emergency Purchase Programme (PEPP) um 500 Milliarden Euro und die Verlängerung bis März 2022 mutet sehr großzügig an und muss daher als eine Art Versicherungsprämie verstanden werden. Mit dem derzeitigen noch nicht genutzten Volumen des PEPP und den seit dem Sommer gesunkenen monatlichen Ankaufvolumina stehen genug Mittel zur Verfügung, um mit der notwendigen Flexibilität auf Risiken reagieren zu können. Dies sollte dem Markt Sicherheit bis Ende 2021 geben. Ob das gesamte Volumen tatsächlich gebraucht werden wird, ist letztlich weniger wichtig. Wichtig ist das Signal der EZB, dass sie genügend Mittel hat, um sich alle Optionen offen zu halten und schnell reagieren zu können.
Mit Spannung wurde die Einschätzung der Wechselkursentwicklung erwartet, nachdem der Euro über die Marke von 1,20 Dollar je Euro geklettert ist. Die EZB betonte, die Wechselkursentwicklung und ihren Einfluss auf die Inflationsentwicklung genau zu beobachten. Dies sollte als Signal an die Währungsmärkte genügen. Offensichtlich würde die EZB nur ungern eine Fortsetzung der Aufwertung des Euro sehen, da dies vor allem auf die Inflationsentwicklung drücken würde. Diese wird ohnehin bereits durch den neuerlichen Lockdown gedrückt, auch wenn dessen wirtschaftlichen Auswirkungen weniger gravierend als im Frühjahr ausfallen sollten.


