Es war eine jener Entscheidungen des US-Kongresses, die in Washington fast geräuschlos über die Bühne ging, in Brüssel und Frankfurt aber für erhebliche Unruhe sorgte. Als die amerikanischen Gesetzgeber im Juli den „Genius Act“ verabschiedeten – ein umfassendes Regelwerk für den 288 Milliarden Dollar schweren Stablecoin-Markt –, läuteten bei den europäischen Währungshütern die Alarmglocken.

Denn was sich da jenseits des Atlantiks abspielte, war mehr als nur technische Finanzregulierung. Es war ein digitaler Machtzug, der die Vormachtstellung des Dollars im Zeitalter der Kryptowährungen zementieren könnte.

Diese Entwicklung führt nach Informationen der „Financial Times“ zu einer Beschleunigung der europäischen Pläne für einen digitalen Euro. 

Strategische Neuausrichtung in Brüssel

EU-Beamte überarbeiten derzeit ihre Herangehensweise an die digitale Währung. Nach Angaben mehrerer mit den Diskussionen vertrauter Personen prüfen die Verantwortlichen nun auch die Nutzung öffentlicher Blockchain-Netzwerke wie Ethereum oder Solana. Bisher war die Implementierung auf einer privaten Blockchain vorgesehen gewesen.

Die Verabschiedung des sogenannten „Genius Act“ in den USA habe zu intensiveren Beratungen geführt, berichtet eine der Quellen. Man wolle das Projekt jetzt zügiger vorantreiben. Die EZB arbeitet bereits seit mehreren Jahren an der möglichen Einführung einer digitalen Version des Euro, die kostenlos in der gesamten Eurozone nutzbar wäre.

Marktdominanz der Dollar-Stablecoins

Stablecoins sind digitale Token, die im Verhältnis eins zu eins an traditionelle Währungen gekoppelt und durch Reserven wie Staatsanleihen gedeckt sind. Der Markt wird derzeit von Dollar-basierten Produkten dominiert. Unternehmen wie Circle und Tether gehören zu den größten Anbietern. Amerikanische Banken wie Citigroup und J.P. Morgan Chase entwickeln ebenfalls eigene Stablecoin-Projekte.

Im Euroraum existieren zwar bereits Euro-denominierte Stablecoins. Diese spielen jedoch im Vergleich zu Dollar-Stablecoins eine untergeordnete Rolle.

Cipollones Warnung vor der Abhängigkeit

Piero Cipollone, Mitglied des Direktoriums der Europäischen Zentralbank, brachte die europäischen Befürchtungen bereits im April auf den Punkt. Die amerikanische Förderung Dollar-gestützter Stablecoins werfe „Bedenken für Europas finanzielle Stabilität und strategische Autonomie“ auf. Seine Warnung: Europa könne es sich nicht leisten, „übermäßig von ausländischen Zahlungslösungen abhängig zu sein“.

Die Gefahr, die Cipollone skizziert: Wenn europäische Bürger und Unternehmen zunehmend auf Dollar-Stablecoins setzen, könnten Euro-Einlagen in die Vereinigten Staaten abwandern. Dies würde nicht nur die Rolle des Dollars im grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr weiter stärken, sondern auch die geldpolitische Souveränität der Eurozone untergraben.

Technische Überlegungen und Datenschutz

Die Nutzung einer öffentlichen Blockchain würde dem digitalen Euro ermöglichen, global gehandelt zu werden, was seine Verbreitung fördern könnte. Gleichzeitig bestehen Bedenken hinsichtlich des Datenschutzes, da Transaktionen auf öffentlichen Blockchains transparent sind.

Ein digitaler Euro in privater Form würde dem digitalen Yuan der chinesischen Zentralbank ähneln, während die amerikanischen Stablecoins auf privatwirtschaftlichen Strukturen basieren. Die EU-Verantwortlichen nähmen die Option einer öffentlichen Blockchain nun „definitiv ernster“, heißt es in der „Financial Times“.

Der amerikanische Vorstoß hat Europa in Zugzwang gebracht. Die kommenden Monate werden zeigen, ob die EU-Verantwortlichen bereit sind, technische und regulatorische Risiken einzugehen, um im digitalen Währungswettlauf nicht abgehängt zu werden. Eines ist bereits klar: Der gemütliche Entwicklungspfad, den man sich in Brüssel und Frankfurt ursprünglich vorgestellt hatte, gehört der Vergangenheit an.