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Finanz- und Krypto-Spezialist Hartmut Giesen
Wie Digitalisierung, Blockchain und KI das neue Geld und Bezahlen verändern
Geld und Bezahlen waren lange Zeit getrennte Sphären: das Instrument auf der einen, die Handlung auf der anderen Seite. In der digitalen Welt verschmelzen beide zunehmend. Wer heute über die Zukunft des Bezahlens spricht, muss deshalb die digitalen Zahlungsinstrumente und -verfahren mitberücksichtigen: den digitalen Euro der EZB, privatwirtschaftliche Euro-Stablecoins und Wero als europäisches Zahlungsverfahren.
Ihre Use Cases überlappen sich zum Teil erheblich, was zu Konflikten zwischen den Akteuren und zum Wettbewerb um die Einsatzfelder führt. Die rasante Entwicklung der KI hin zu einer Agentic AI – und damit auch einer Agentic Finance – mischt die Karten noch einmal neu.
Wie das neue Geld und Bezahlen funktionieren
Den digitalen Euro möchte die EZB als digitales Äquivalent zum Bargeld einführen – als gesetzliches Zahlungsmittel, das dem Euro-Bargeld gleichgestellt ist. Er wäre eine direkte Verbindlichkeit der Zentralbank, kein Geschäftsbankgeld. Nach dem Abschluss der Vorbereitungsphase im Oktober 2025 und der politischen Rückendeckung des Europäischen Rates im Dezember könnte das EU-Parlament noch in diesem Jahr über die Rechtsgrundlage abstimmen. Die Erstausgabe ist frühestens für 2029 geplant.
Daneben arbeitet die Bundesbank gemeinsam mit der Banque de France, der Banca d'Italia und der Banco de España an einer Wholesale-Variante – digitalem Zentralbankgeld für den Interbanken- und Kapitalmarkt, das die Abwicklung tokenisierter Wertpapiere ermöglichen soll.
Euro-Stablecoins sind ebenfalls „digitale Euros" – aber herausgegeben von privatrechtlichen Unternehmen mit einer Micar-Lizenz. Sie werden auf öffentlichen Blockchains emittiert und sind 1:1 durch Euro-Reserven gedeckt. Mittlerweile gibt es rund ein Dutzend Micar-konforme Euro-Stablecoins am Markt, darunter Circles EURC, die EURCV von Société Générale und das deutsche EURAU von All Unity.
Hinter den Projekten stehen einzelne Unternehmen oder Konsortien aus Banken und Finanzdienstleistern. Weitere stehen vor dem Start: Zwölf europäische Großbanken, darunter ING, Uni Credit und BNP Paribas, planen unter dem Namen Qivalis einen gemeinsamen Euro-Stablecoin für die zweite Jahreshälfte 2026.
Wero ist kategorisch kein Geld, sondern ein Zahlungsverfahren – vergleichbar mit Paypal, aber in europäischer Hand. Die European Payments Initiative hat seit dem Start im Juli 2024 über 47 Millionen Nutzer gewonnen und wickelt Zahlungen über Sepa Instant ab. Nach dem Start mit P2P-Überweisungen folgen 2026 E-Commerce- und NFC-Zahlungen am Point of Sale.
Über ein Abkommen mit der Euro PA Alliance wächst die potenzielle Reichweite auf 130 Millionen Nutzer in 13 Ländern. Wero ist als dezidiert europäische Alternative zu den US-dominierten Kartensystemen wie Visa und Mastercard sowie zu Zahlungsdienstleistern wie Paypal und Stripe konzipiert.
Wo die Konfliktlinien verlaufen
Die erste Konfliktlinie verläuft zwischen der EZB und den europäischen Geschäftsbanken, die hinter Wero stehen. Viele Funktionen, die der digitale Euro in seiner Retail-Variante bieten soll – Echtzeitzahlungen, europaweite Akzeptanz, mobile Wallets –, sehen die Banken mit Wero bereits umgesetzt oder auf der Roadmap. Aus ihrer Sicht fehlt die funktionelle Notwendigkeit für eine staatliche Digitalwährung im Endkundengeschäft.
Gleichzeitig müssten sie erheblich investieren, um das neue gesetzliche Zahlungsmittel prozessieren zu können – eine Pflicht, die ihnen der Verordnungsentwurf auferlegt. Die EZB hält unter anderem mit dem Argument dagegen, dass Wero nur in den Ländern funktioniert, die ohnehin über eine funktionierende Zahlungsinfrastruktur verfügen. Der digitale Euro bringe seine Funktionen hingegen auch in Länder und Regionen, in denen der Zugang zu sicheren Zahlungsschienen fehlt.
Die zweite Konfliktlinie verläuft zwischen dem digitalen Euro und den Euro-Stablecoins. Die institutionellen Anwendungsfälle der Stablecoins – grenzüberschreitende B2B-Zahlungen, Settlement tokenisierter Wertpapiere, programmierbares Geld – konkurrieren direkt mit der Wholesale-Variante des digitalen Euro.
Anders als Wero ist bisher allerdings kein Stablecoin als alltägliches Zahlungsinstrument am Point of Sale konzipiert. Die Stablecoins besetzen die Nischen, die weder Wero noch der digitale Euro heute bedienen: 24/7-Verfügbarkeit auf öffentlichen Blockchains, globale Reichweite jenseits des Euroraums und native Integration in dezentrale Finanzprotokolle.
Die KI verändert das Spielfeld
Noch einmal neu gemischt werden könnte die Lage durch Agentic Finance – und zwar wesentlich schneller, als die meisten Akteure bisher angenommen haben. In einer Welt, in der KI-Agenten einkaufen, Preise verhandeln, Lieferketten orchestrieren und Dienstleistungen in Echtzeit abrechnen, braucht es programmierbares Geld auf programmierbaren Schienen, die in die Regulatorik eingebettet sind. Das ist eine Paradedisziplin für Stablecoins. Wero ist aktuell nicht agentenfähig. Der digitale Euro wäre programmierbar, kommt aber frühestens 2029.
Damit eröffnet sich für regulierte Stablecoins ein Potenzial, das gerade erst sichtbar wird: Sie sind wahrscheinlich das einzige Instrument, das mit der nötigen Geschwindigkeit weiterentwickelt werden kann, um mit der derzeitigen Dynamik im Bereich Agentic AI Schritt zu halten.
Auch bei den großen Tech-Firmen und Zahlungsdienstleistern stehen Stablecoins und agentisches Bezahlen auf der Roadmap. So investiert der Zahlungsdienstleister Stripe massiv in Stablecoin-Infrastruktur und beteiligt sich gemeinsam mit den führenden KI-Playern an agentischen Zahlungsprozessen, etwa gemeinsam mit Google beim Universal Commerce Protocol und mit OpenAI beim Agentic Commerce Protocol – dessen Bezahlfunktion allerdings von OpenAI gerade aufgegeben wurde. Die Entwicklungen zeigen, dass es kurz- und mittelfristig noch zu einigen weiteren dynamischen Veränderungen in diesem Bereich kommen kann.
