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Digitalexperte Serhan Ili
Digitalisierung in Deutschland: Warum Unternehmen Chancenintelligenz entwickeln müssen
Löwen im Zoo führen ein bequemes Leben mit niedrigem Risiko. Da sie regelmäßig und zu festen Uhrzeiten gefüttert werden, brauchen sie sich nicht um das Jagen zu kümmern. Dementsprechend verkümmern jedoch ihre Jagdinstinkte.
Ganz anders Löwen in freier Wildbahn: Sie müssen ständig schauen, wie sie satt werden können und stehen dabei in Konkurrenz zu anderen Tieren. Dabei nutzen sie ihre scharfen Instinkte und ergreifen Chancen. Der Begriff dafür: Chancenintelligenz.
Innovationen werden als Risiko angesehen
Die meisten Führungskräfte von deutschen Großunternehmen verhalten sich wie die Löwen im Zoo. Sie ruhen sich auf ihrem Erfolg aus, anstatt neue Chancen zu nutzen. Dies war aber nicht immer so. Deutsche Unternehmen haben das Industriezeitalter geprägt und haben Pionierarbeit beim Aufbau des Maschinenbaus, der Automobilindustrie oder in der Pharmazie geleistet.
Heutzutage sind diese Unternehmen Konzerne mit mehreren hunderttausend Mitarbeitern, wo angestellte Manager Entscheidungen treffen müssen. Der Anreiz zum strategischen Risiko ist verloren gegangen, denn die Sicherung der Erträge und des persönlichen Status quo haben oberste Priorität. Innovationen werden als Risiko angesehen, die die eigenen Pfründe gefährden. Warum langfristig die Wachstumsperspektiven aufrechterhalten, wenn die Belohnungssysteme allenfalls auf die nächsten drei Jahre ausgerichtet sind?
Deutschland bei der Digitalisierung nur im Mittelfeld
Diese „gesättigte“ Einstellung kann nun in einer dynamischen Weltwirtschaft mit veränderten Rahmenbedingungen und Herausforderungen wie höheren Energiepreisen, neuen aggressiven Wettbewerbern oder fragilen Lieferketten zum Verhängnis werden. Gerade jetzt, wo die beschleunigte Digitalisierung Neues erschafft und Gewohntes in Frage stellt, kann sich eine geringe Chancenintelligenz als fatal erweisen.
Der Index für die digitale Wirtschaft und Gesellschaft 2022 der EU-Kommission platziert Deutschland bei der Digitalisierung auf dem 13. Platz und damit im Mittelfeld. Beim IMD World Digital Competitiveness Ranking 2023 landete Deutschland auf dem 23. Platz von insgesamt 64 Plätzen und fiel im Vergleich zum Vorjahr um vier Plätze zurück. Durch die rasante Entwicklung im Bereich der künstlichen Intelligenz, wo vor allem die USA und Asien führend sind, könnte sich der Rückstand Deutschlands bei der Digitalisierung noch weiter vergrößern.
Digitale Bildung sollte in Schulen gefördert werden
Neben der Behäbigkeit der Großunternehmen spielt für die mangelnde Digitalisierung in Deutschland auch eine in Deutschland gering ausgeprägte Fehlerkultur eine Rolle. Im Vergleich zu den USA gibt es in Deutschland nur eine kleine Venture-Capital-Szene. Dies zeigt auf, dass die Bereitschaft, neue digitale Geschäftsideen zu entwickeln, umzusetzen und eventuell damit zu scheitern, wenig vorhanden ist.
Darüber hinaus muss die Chancenintelligenz in den Unternehmen auf jeden Fall auch von staatlicher Seite durch einen geeigneten Rahmen und gegebenenfalls durch Unterstützung flankiert werden. Stichworte sind der Ausbau der digitalen Infrastruktur und der gleichzeitige Abbau bürokratischer Hürden. Dem Löwen hilft es nichts, vor der Jagd einen Antrag zu stellen. Auch die Förderung digitaler Bildung in Schulen und anderen Bildungseinrichtungen oder die Anwerbung hochqualifizierter IT-Fachkräfte aus dem Ausland liegen in der Verantwortung des Staates.
Dabei bietet die Digitalisierung von Produkten, Prozessen und Geschäftsmodellen für Unternehmen ein hohes Potenzial, effizienter zu werden, neue Märkte zu erschließen und weitere wirtschaftliche Standbeine aufzubauen. Dies wirkt sich wiederum positiv auf die Geschäftsentwicklung aus. Auch andere Baustellen wie die nachhaltige Transformation oder der Fachkräftemangel können mit Hilfe der Digitalisierung erfolgreich gemanagt werden.
Analoge Schätze durch Digitalisierung heben
Doch es wäre zu einfach, nur auf den Mangel zu verweisen und die Stärken Deutschlands zu ignorieren: Eine starke Volkswirtschaft, zahlreiche Weltkonzerne, ein leistungsfähiger Mittelstand, ein immer noch gutes Bildungsniveau und Innovationskraft, die sich auch in einer großen Zahl von Patentanmeldungen manifestiert.
Die genannten Assets der deutschen Wirtschaft können durch eine umfassende Digitalisierungsstrategie skaliert werden. Laut einer Erhebung des Digitalverbands Bitkom haben lediglich 32 Prozent der befragten Verantwortlichen eine umfassende Digitalisierungsstrategie für ihr Unternehmen entwickelt.
Außerdem zeigt sich eine hohe Diskrepanz zwischen der Bewertung und dem tatsächlichen Einsatz digitaler Technologien. So misst beispielsweise nahezu die Gesamtheit (98 Prozent) der zu diesem Zusammenhang befragten deutschen Unternehmen Big Data eine hohe Bedeutung bei, aber nur 37 Prozent nutzen Big Data bereits.
Auch die Relevanz des Internet of Things (IoT) wird mit einem Zustimmungswert von 93 Prozent als hoch eingestuft, aber nur 30 Prozent der befragten Firmen nutzen es. Ähnlich sieht es beim Trendthema künstliche Intelligenz aus: 82 Prozent der Unternehmen sehen sie als sehr bedeutend für die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit an, aber nur 13 Prozent setzen sie schon ein. Zögern macht einen nicht zum Gewinner.
Klassische Banken und Sparkassen sind durch Digitalisierung unter Druck geraten
Damit bei der Digitalisierung den Worten auch Taten folgen, muss zuerst beim Geschäftsmodell eines Unternehmens angesetzt werden. Ein Blick auf die Finanzbranche verdeutlicht dies. Die klassischen Banken und Sparkassen sind durch die Digitalisierung in den vergangenen 20 Jahren deutlich unter Druck geraten. Online-Banking und der Siegeszug agiler Fintechs haben bei vielen Banken die Geschäftsgrundlage ausgehöhlt.
In dieser kritischen Situation ist Chancenintelligenz gefragt, bei der sich die Banken-Löwen auf ihre Stärken besinnen sollten, um nicht als Bettvorleger der Fintechs zu enden. Dabei verfügen die „klassischen“ Banken über enorme Assets, für die sie von Fintechs beneidet werden: Seit Jahrzehnten etablierte Kundenbeziehungen, umfassende Kundendaten und Kundenzugang. Diese Haben-Seite gilt es, mit den Möglichkeiten der Digitalisierung zu verknüpfen und zu skalieren und so neue Geschäftsmodelle zu entwickeln.
Für die Bankkunden entstehen auf diese Weise neue, digitale Produkte, die ihnen bei Zukunftsthemen Mehrwert liefern. Die Finanzinstitute erschließen sich neue Erlöspotenziale. So wie es beispielsweise eine mittelgroße Volksbank mit einem digitalen Produkt für Firmenkunden zur schnellen Berechnung ihres CO2-Fußabdrucks vorgemacht hat. Die Datengrundlage hierfür bildet die BWA (betriebswirtschaftliche Auswertung) der Unternehmen, die monatlich erstellt wird und bei Finanzierungsthemen mit der Bank ohnehin mit auf dem Tisch liegt.
Aus diesem traditionellen Dokument des klassischen Bankalltags wird unter zur Hilfenahme künstlicher Intelligenz die verursachte CO2-Emission abgeleitet. Das passiert fast sekundenschnell und mit erstaunlich hoher Genauigkeit. Das Ergebnis für die betreffende Volksbank ist ein Beyond-Banking-Angebot für ihre wichtigen Firmenkunden, das angesichts der EU-Regulierung und der zukünftigen Pflicht, einen Nachhaltigkeitsbericht zu veröffentlichen, stark an Bedeutung gewinnen wird.
Digitaler Fortschritt sollte oberste Priorität haben
Unternehmen müssen sich fortwährend darüber im Klaren sein, dass Digitalisierung kein Randbereich ist, dem sie sich nur widmen, wenn Zeit und finanzielle Mittel es zulassen. Vielmehr müssen die Entwicklung digitaler Strategien, die Digitalisierung bestehender Geschäftsabläufe und vor allem die Implementierung neuer digital basierter Geschäftsmodelle hoch priorisiert werden. Jeden Tag und im gesamten Unternehmen. Nur dann können wirtschaftliche Potenziale ausgeschöpft werden.
Das Vertrauen darauf, dass irgendein externer Impuls schon die Wettbewerbsfähigkeit sichern wird, ist hingegen ein gefährlicher Ansatz, mit dem Unternehmen schnell zum zahnlosen Tiger – oder Löwen –werden. Ein „Weiter so“ kann zum raschen Aussterben führen.
