In der Frankfurter Finanzszene gibt es Traditionen, die so verlässlich sind wie der Börsenstart um 9 Uhr. Eine davon: das milde Schmunzeln, wenn die Sprache auf „Mister Dax“ kommt. Doch im Herbst 2025 erreichte die Tragikomödie einen neuen Höhepunkt. Dirk Müller strich seinen vollen Namen aus der Fondsbezeichnung. Offiziell, weil der Name in Datenbanken oft abgeschnitten wurde.

Ein Schelm, wer Böses dabei denkt und vermutet, dass man nach zehn Jahren konsequenter Underperformance vielleicht ganz froh ist, wenn der eigene Name nicht mehr direkt neben einem fünfjährigen Minus von 5,03 Prozent steht. Auch im vergangenen Jahr verpasste man die Benchmark mal wieder.

Die linke Kurve zeigt den Fonds „DM Premium Strategie defensiv Euro“, die grüne Kurve den Sektor der globalen Aktienfonds
Die linke Kurve zeigt den Fonds „DM Premium Strategie defensiv Euro“, die grüne Kurve den Sektor der globalen Aktienfonds | Bildquelle: DAS INVESTMENT

Die Kunst, im Bullenmarkt Geld zu verlieren

Der defensive Müller-Fonds ist ein kleines Wunder der Finanzgeschichte. Er hat geschafft, was vielen unmöglich schien: In einer Dekade steigender Aktienmärkte, expansiver Geldpolitik und technologischer Disruption nahezu keine Rendite zu erzielen. Während der Dax, der MSCI World und selbst brave Rentenfonds zulegen, verharrt das Müller-Portfolio in einer Art Rendite-Koma.

Die Strategie ist von bestechender Konsequenz: Man kauft erstklassige US-Tech-Werte wie Microsoft oder Salesforce, nur um deren Potenzial sofort mit teuren Short-Positionen wieder im Keim zu ersticken. Das ist etwa so, als würde man einen Ferrari kaufen, aber zur Sicherheit den Anker auswerfen, bevor man den ersten Gang einlegt.

Der offensive Versuch: Fast drei Millionen Euro Vertrauen

Im Oktober 2022 startete dann der große Befreiungsschlag: der offensive Fonds Dirk Müller Premium Aktien - Offensiv (ISIN DE000A2PX1T5). Endlich sollte es losgehen, endlich Rendite statt Absicherung. Der Halbjahresbericht per Juni 2025 zeigt: Das Fondsvermögen liegt bei 3,04 Millionen Euro. Mittlerweile sind es nur noch 1,55 Millionen. Zum Vergleich: Ein durchschnittlicher deutscher Aktienfonds verwaltet ein Vielfaches davon. Offenbar haben die Anleger die ersten zehn Jahre defensiv noch nicht vergessen.

Und das Portfolio? Lehrbuchmäßig: Apple, Microsoft, Nvidia, Meta – die üblichen Verdächtigen der US-Tech-Hausse. Mit einer Aktienquote von 92,6 Prozent könnte man meinen, hier wird endlich offensiv investiert. Doch ein Blick in die Details zeigt: Selbst beim offensiven Fonds gibt es Währungsderivate. Man kann es eben nicht lassen. Die DNA des Absicherns ist stärker als jeder strategische Neuanfang. Immerhin: Mittlerweile scheint sich die Aktienquote erhöht zu haben.

Dirk Müller: Absicherung als Lebensgefühl

Müller hat das „Geschäft mit der Angst“ perfektioniert: Er mahnt Doomsday-Szenarien an, verkauft Bestseller darüber, wie man sein Geld rettet, und bietet dann einen Fonds an, der das Kapital so gründlich „schützt“, dass am Ende weniger übrig bleibt als am Anfang.

Unvergessen bleibt Müllers Analyse zur Wirecard-Aktie. Nach einer Prüfung „bis ins letzte Detail“ befand er das Unternehmen für „sauber“ – kurz bevor das Kartenhaus zusammenkrachte. Solche Prognosequalitäten sind legendär. Sie reihen sich nahtlos ein in die lange Liste der Crash-Vorhersagen, die dann doch nicht eintraten, und der Hausse-Phasen, die man konsequent verschlief.

DM wie Dauerhaftes Minus

Dass der Namensgeber 2025 zur Abkürzung „DM“ mutierte, hat Symbolkraft. In der Branche steht das Kürzel längst für „Dauerhaftes Minus“. Andere spekulieren, es sei eine nostalgische Referenz an die D-Mark – jene stabile Währung, nach der sich viele Müller-Anhänger offenbar zurücksehnen, während ihr Fondsvermögen real schrumpft.

Mit einer Gesamtkostenquote von 2,08 Prozent beim defensiven Fonds (und 3,25 Prozent bei der offensiven Variante) bewegt sich das Produkt am oberen Ende der Gebührenskala. Man muss die Anleger deshalb bewundern, die trotz allem dabeibleiben und mehr als 200 Millionen in dem Fonds bündeln. Sie leisten einen wertvollen Beitrag zur Gebührenstabilität der Warburg Invest – auch wenn sie dafür auf das verzichten müssen, was andere schlicht „Rendite“ nennen. Und sie beweisen eine Leidensfähigkeit, die in der schnelllebigen Finanzwelt selten geworden ist. Während andere schon nach einem Fondsmanagerwechsel die Reißleine ziehen, halten sie zehn Jahre durch. Das ist nicht nur Treue – das ist fast schon Hingabe.

Der Fonds wartet derweil. Auf den Reset. Auf den großen Knall. Auf den Moment, in dem sich die jahrelange Absicherung endlich auszahlt. Und während der Rest der Welt investiert, verdient und Vermögen aufbaut, murmelt der Fonds leise vor sich hin: „Wartet nur ab.“

Dies ist ein persönlicher Kommentar, der ausschließlich die subjektive Meinung und Sichtweise des Autors widerspiegelt. Die hier dargestellten Ansichten, Interpretationen und Schlussfolgerungen repräsentieren nicht notwendigerweise die Position oder offizielle Haltung des Unternehmens.