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KI-Disruption – warum Anleihen-Investoren auch auf neuartige Risiken achten sollten
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Am Beispiel erklärt KI-Disruption – warum Anleihen-Investoren auch auf neuartige Risiken achten sollten

Mitarbeiter eines Callcenters
Arbeit in einem Callcenter: Viele Aufgaben lassen sich durch Künstliche Intelligenz ersetzen. | Foto: Pexels / Tima Miroshnichenko

Vor 45 Jahren veröffentlichte Michael E. Porter seine „Five Forces“. Diese reichen allerdings nicht mehr aus, um die Entwicklungen der vergangenen Jahre nachzuvollziehen – ein Geschäftsmodell zu beschreiben und Risiken daraus abzuleiten. Denn sie räumen dem technologischen Fortschritt zwar einen Einfluss auf die Wettbewerbssituation eines Unternehmens ein. Allerdings berücksichtigen sie die technologischen Aspekte aus einer industriellen und Prä-Internet-Sichtweise.

Künstliche Intelligenz (KI) hat das Potenzial, viele Industrien disruptiv zu verändern: Sie optimiert Prozesse, ermöglicht neue Geschäftsmodelle und verändert insgesamt grundlegend die Art und Weise, wie Unternehmen Werte schaffen. Wie schnell und tiefgehend eine technische Disruption etablierte Geschäftsmodelle umwerfen kann, zeigt das Beispiel Spotify. Der Streaming-Dienst ließ nicht nur seinen Wettbewerber Apple Music weit hinter sich. Vielmehr beförderte er die analogen Musikdatenträger und Abspielgeräte in die Nostalgie-Ecke.

 

Diese disruptiven Auswirkungen bestehen in zahlreichen Branchen. KI kann beispielsweise Finanzdienstleistungen durch automatisierte Beratungsdienste, verbesserte Risikobewertung, Betrugserkennung und personalisierte Kundeninteraktionen transformieren. Das kann traditionelle Banken und Investmentfirmen, die nicht in der Lage sind, sich anzupassen, unter Druck setzen. Oder in der Produktion: KI ermöglicht die Automatisierung komplexer Aufgaben, was zu effizienteren Produktionsprozessen führt. Dies kann zu einer Neugestaltung der globalen Lieferketten und zu Veränderungen in der Arbeitskräftenachfrage führen.

Der technologische Fortschritt insbesondere durch KI ist also mehr als ein Randthema. Er braucht einen festen Platz bei der Beurteilung der Zukunftsfähigkeit von Geschäftsmodellen – wie ein aktueller Fall am Kapitalmarkt zeigt.

Zukunftsängste um Callcenter-Betreiber

Ein aktuelles Beispiel für das Disruptionsrisiko durch KI ließ sich beim massiven Kursrutsch der Aktien und Anleihen des Callcenter-Betreibers Teleperformance SE beobachten. Hintergrund des Kursverfalls war eine Pressemitteilung des Zahlungsdienstleisters Klarna AB. Die Mitteilung zog eine positive Zwischenbilanz für den auf ChatGPT basierten Kundenassistenten: Der KI-Assistent übernehme die Arbeit von 700 Vollzeit-Kundenagenten. Er könne rund um die Uhr Kundenanfragen zu offenen Rechnungen und Guthaben in über 35 Sprachen beantworten.

Diese Nachricht sorgte für Unruhe bei Aktien- und Anleihen-Investoren des Callcenter-Betreibers. Es machten sich Sorgen um die Zukunftsfähigkeit des Outsourcing Spezialisten breit. Im Ergebnis fielen die Anleihen des Unternehmens mit Fälligkeit 2028 um 3,3 Prozentpunkte. Außerdem wurde die Ausfallwahrscheinlichkeit bis zur Fälligkeit der Anleihe neu bewertet: von 9,4 auf 15,2 Prozent – ein Abschlag, den auch der 5,25-Prozent-Kupon erstmal eine Zeit lang verdauen muss.

Ausverkauf bei Aktien und Anleihen von Teleperformance

Aktien- und Anleihenkurs von Teleperformance
Aktien- und Anleihenkurs von Teleperformance © Bloomberg / Nordix

Gleichzeitig erlitten die Teleperformance-Aktien einen zweistelligen Kursrutsch und wurden vom Handel ausgesetzt. Der Bewertungsabschlag summierte sich in den darauffolgenden Tagen auf knapp 40 Prozent. Erst als Teleperformance später vermeldete, dass auch sie KI-Use-Cases prüfe und damit ihr Dienstleistungsspektrum verbessern wolle, stabilisierten sich die Kursbewegungen von Anleihen und Aktien wieder ein wenig.

Wie gut das Unternehmen dies umsetzt, wird die Zukunft zeigen. Der Vorfall unterstreicht auf jeden Fall, wie notwendig es auch für Anleihe-Investoren ist, das Disruptionsrisiko von KI in ihre Risikobewertung einzubeziehen.

Disruptionsrisiken auch bei Anleihen relevant

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Die Auswirkungen auf Anleiheinvestoren sind also weitreichend. Die Fähigkeit von Unternehmen, sich an disruptive Technologien anzupassen, kann ihr Kreditrisiko beeinflussen. Unternehmen, die sich erfolgreich erneuern, könnten eine bessere Kreditwürdigkeit genießen, während Unternehmen, die zurückbleiben, einem höheren Ausfallrisiko ausgesetzt sind. Insgesamt sollten auch Anleihen-Investoren die Branchendynamik genau beobachten.

KI kann bestimmte Sektoren aufwerten und andere abwerten. Dies erfordert eine sorgfältige Auswahl und Diversifizierung von Anlagen, um Risiken zu managen. Anleger sollten langfristige Trends und das Potenzial von KI berücksichtigen, um in Unternehmen oder Sektoren zu investieren, die von diesen Technologien profitieren könnten.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die disruptive Kraft der KI weitreichende Auswirkungen auf verschiedene Branchen und die globalen Märkte hat. Anleihen-Investoren sollten diese Entwicklungen verstehen und in ihre Anlagestrategien integrieren, um sowohl Risiken zu managen als auch von den Chancen zu profitieren.

Der aktuelle Kapitalmarkt-Vorfall um Teleperformance und Klarna zeigt eindrücklich, dass auch Anleihen-Investoren das Disruptionsrisiko durch technologischen Fortschritt und KI nicht länger als Randthema behandeln dürfen. Vielmehr sollten sie es als eine neue Risiko-Dimension in ihren Investmentprozess einbeziehen.

 

Vladislav Krivenkov
Vladislav Krivenkov © Nordix

Über den Autor:

Vladislav Krivenkov ist Portfoliomanager beim auf Anleihen und Derivate spezialisierten Asset Manager Nordix aus Hamburg. Dort ist er für den sicherheitsorientierten Anleihenfonds „Nordix Treasury plus“ (ISIN: DE000A2DKRH6) verantwortlich. 

 

 

 

 

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