Headphones
Artikel hören
Dividendeninvestor Christian W. Röhl
„Dividendenrenditen sagen nichts über die Qualität von Unternehmen“
Die Audioversion dieses Artikels wurde künstlich erzeugt.
Sven Stoll
13.03.2023

Dividendeninvestor Christian W. Röhl „Dividendenrenditen sagen nichts über die Qualität von Unternehmen“

Investor und Publizist Christian W. Röhl
Investor und Publizist Christian W. Röhl: „Auch bei ETFs zählt nicht die Verpackung, sondern der Inhalt. Deshalb hineinschauen, was drin ist und ob das zum sonstigen Portfolio passt.”
© Studio Monbijou

DAS INVESTMENT: Hallo Christian, schön, dass du heute Zeit für ein paar Fragen rund um Dividendenstrategien hast. Lass uns gleich anfangen. Worauf sollten Anleger am besten bei der Auswahl ihrer Dividendenwerte achten – absolute Dividendenrendite, Dividendenkontinuität (Aristokraten) oder Ausschüttungsquote?

Christian W. Röhl: Ich mag’s ja gerne einfach, aber die absolute Dividendenrendite ist dann doch zu schlicht als Prämisse für eine Investment-Entscheidung:

Dividende geteilt durch Kurs lässt sich zwar fein in irgendwelche Rankings packen, sagt aber nichts aus über die Qualität des Unternehmens – und die Nachhaltigkeit der Ausschüttung.

Dazu zeigen sowohl Studien als auch bestehende Fonds, dass die einseitige Fokussierung auf hohe Ausschüttungsrenditen zulasten des langfristigen Gesamtertrags geht.

Insofern: Ja, Dividendenkontinuität ist allemal ein positiver Trigger.

Ein Unternehmen, das seine Ausschüttung über mehrere Wirtschaftszyklen hinweg nicht gekürzt, sondern sukzessive erhöht hat, muss irgendetwas richtig machen. So ein Track-Record spricht für Resilienz, was ja auch Anpassungsfähigkeit inkludiert. Aber auch die Historie ist natürlich nur ein Qualitätsmerkmal, wenn die Dividende weiterhin verdient wird – also gedeckt ist durch Gewinn und Free Cashflow.

Dividenden: Fokussiere dich nicht zu stark auf fette Prozente

Und in welchen Branchen finden Anleger besonders viele Unternehmen mit konstanten oder steigenden Dividenden? 

Röhl: Natürlich findet man die meisten Unternehmen mit langem Dividenden-Track-Record in traditionellen, eher defensiven Branchen. Basis-Konsum, Gesundheit, Versorger. Aber auch im Industrie-Bereich gibt es eine Vielzahl etablierter Dividendenwerte – und sogar im Tech-Sektor.

 

Gibt es Einzeltitel, die du besonders magst?

Röhl: Es gibt sicherlich Unternehmen, die mir vom Management-Stil und vom Geschäft her näher sind als andere – etwa Microsoft, LVMH, Nestlé, Novo Nordisk, Münchener Rück oder Wolters Kluwer. Gleichwohl muss man bei aller Sympathie die Distanz bewahren und seinen Investment-Case durchziehen.

Die alte Regel: Verliebe dich nie in eine Aktie.

Welche Fallstricke lauern bei Dividendenpapieren sowie der Wahl des richtigen oder auch falschen ETFs?

Röhl: Die einseitige Fokussierung auf kurzfristige Ausschüttungsrenditen ist der gefährlichste Fehler – und das gilt eben auch für Fonds. Das kann man sehr gut erkennen am DAXplus Maximum Dividend ETF, der die deutschen Aktien mit der am höchsten erwarteten Dividendenrendite bündelt und damit über zehn Jahre schlechter abschneidet als DAX, MDAX und TecDAX – die Indizes, aus denen der Fonds sich speist.

Dividendenjagd in Schwellenländern: Ist das eine gute Idee?

Röhl: „Dividendenjagd“ hat immer etwas Krampfhaftes, unabhängig vom Zielmarkt.

Deshalb: Nein.

Zumal die Dividendenrenditen in den Schwellenländern ohnehin hoch sind, sodass ein ausschüttender Emerging Markets-Fonds quasi automatisch auch ein „Dividenden-Investment“ ist.

Wie stehst du überhaupt zu Dividendenfonds und -ETFs? Gibt es Strategien, die dir besonders gefallen? Welche sind das?

Röhl: Ich persönlich suche mir meine Aktien am liebsten selbst aus und greife nur für Small Caps sowie asiatische Titel auf ETFs und aktive Fonds zurück. Aber natürlich werde ich viel zu „Dividendenfonds“ gefragt und auch da ist die Grundregel, genau wie bei Aktien:

Neugierig geworden?

Dann abonniere unseren Newsletter „Clever anlegen“!
Das Wichtigste zum Investieren, 3x wöchentlich, direkt in dein E-Mail-Postfach.

Keine zu starke Fokussierung auf fette Prozente!

Wenn hohe Ausschüttungsrenditen – die ja im Vertrieb durchaus hilfreich sein mögen – im Zentrum des Index-Konzepts oder der Anlagepolitik stehen, bin ich skeptisch.

ETFs: Der Inhalt zählt, nicht die Verpackung

Ich mag Ansätze, bei denen Qualität und Wachstum im Fokus stehen, wie bei der „Quality Dividend Growth“-Reihe von Wisdom Tree (z.B.Wisdom Tree US Quality Dividend Growth oder Wisdom Tree US Quality Dividend Growth) oder dem „Quality Income“-Fonds von Fidelity (z.B. Fidelity Global Quality Income).

Und wenn es um Rendite geht, dann bitte mit einem Korrektiv. Hier liefert Invesco mit den „High Dividend Low Volatility“-Produkten (z.B. Invesco S&P 500 High Dividend Low Volatility) eine sinnstiftende Lösung, wobei immer klar sein sollte: Auch bei ETFs zählt nicht die Verpackung, sondern der Inhalt. Deshalb hineinschauen, was drin ist und ob das zum sonstigen Portfolio passt.

 

Die Zinswende ist eingeleitet und es scheint fast, als wäre die Inflation auf dem Rückzug. Technologieaktien und Kryptowährungen sind fulminant ins neue Jahr gestartet. Ist die Outperformance von Dividendenwerten schon wieder vorüber oder stehen wir möglicherweise vor einer Dekade für Substanzwerte?

Röhl: Ach, ich tue mich schwer mit diesen Schubladen.

Dividenden versus Wachstumswerte, Tech- gegen Value-Aktien. Da ist mir zu viel pseudoreligiöser Eifer im Spiel.

Nobelpreisträger Harry M. Markowitz hat uns doch gelehrt, wie’s geht:

„Ein gutes Portfolio ist eine ausbalancierte Einheit, die dem Investor gleichermaßen Chancen und Absicherung unter einer Vielzahl möglicher Entwicklungen bietet.“

Tech- und Dividendenwerte gehören in jedes Depot

Und zu dieser Balance gehören zu jeder Zeit Tech- genauso wie Dividendenwerte, wobei das ja obendrein eine Frage der Definition ist. Microsoft, Oracle, Cisco, Texas Instruments oder Broadcom: Alles Tech-Werte, die Dividende zahlen. Und Amazon ist gerade übrigens sowohl im S&P Value als auch im S&P Growth Index enthalten. Das zum Thema Schubladen.

Abseits davon bleibt festzuhalten: In den letzten Jahren haben große US-amerikanische Aktien – wohlgemerkt nicht nur Tech – deutlich besser abgeschnitten als kleinere europäische und asiatische Firmen. Die Lücke könnte sich wieder verkleinern, was nicht gegen US-Titel, sondern für Europa und Asien spricht.

Über den Interviewten:

Christian W. Röhl (46) ist seit 25 Jahren professionell an den Finanzmärkten aktiv, verwaltet heute vor allem sein eigenes Vermögen und teilt seine Erfahrungen – auf dem Youtube-Kanal echtgeld.tv, über seine Social-Media-Kanäle @CWRoehl sowie in Vorträgen und Workshops für Banken und Privatinvestoren. Kontakt: www.cwroehl.com

Wie hat dir der Artikel gefallen?

Danke für deine Bewertung
Leser bewerteten diesen Artikel durchschnittlich mit 0 Sternen
ETF-Guide Zur kompletten Übersicht
Gender-ETF: Gleichheit, Gerechtigkeit – Geld verdienen!
S, M, Tec – der Dax-Allrounder fürs Deutschland-Comeback
Der älteste Aktienindex der Welt - verstaubtes Konstrukt oder immer noch einen Kauf wert?
Strong Value aus Europa – Chance auf ein lohnendes Comeback?
Heute bestellt, morgen geliefert - Dieser E-Commerce-ETF profitiert vom Shopping-Boom
Auch interessant
Iran gegen Israel Warum die Aktienmärkte um mehr als 20 Prozent einbrechen könnten
Der Krieg im Gazastreifen hat die Krise im Nahen Osten verschärft, die ...
ETF der Woche Portfolio-ETFs: Die Vor- und Nachteile des Komplettpakets für Faule
Durch den Zinsanstieg sind Anleihen auch für Privatanleger wieder deutlich attraktiver geworden ...
Ausschüttungen ohne Ende Dividenden: Diese 5 Dax-Firmen sind am spendabelsten
Im April startet traditionell die Dividendensaison im Dax. Und in diesem Jahr ...
Mehr zum Thema
E-Autos laden unter blühenden Kirschbäumen
Tops und Flops Die besten und schlechtesten ETFs im laufenden Jahr
Technologiewerte und künstliche Intelligenz (KI) dominierten das Börsengeschehen im ersten Quartal 2024 ...
Viele Alte, wenige Junge
Cleverer Move, zig Jahre zu spät Unfaire Unwucht: Das Generationenkapital kann das Demografie-Dilemma nicht lösen
Deutschland wird immer älter und die Aussichten für die Rente düsterer. Nun ...
Bergwerk mit Arbeitern und Bitcoin
Kryptos für Einsteiger So funktioniert das Bitcoin-Halving – und diesen Einfluss hat es auf den Kurs
Um den 20. April dieses Jahres soll das Bitcoin-Halving stattfinden. Du hörst ...
Jetzt Newsletter abonnieren
Hier findest du uns