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Volkswirt Jörn Quitzau

Der Dollar-Höhenflug ist noch nicht zu Ende

Jörn Quitzau, Moritz Paysen | 22.11.2022
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Jörn Quitzau, Berenberg
Jörn Quitzau arbeitet als Volkswirt bei der Berenberg Bank. Bildquelle: Berenberg
Wer in diesen Wochen in die USA fliegt und dort im Supermarkt einkauft, stellt schnell fest, dass das tägliche Leben in Übersee weitaus teurer als in Deutschland ist. Der Grund liegt auf der Hand: Der Euro ist aktuell kräftig unter- und der Dollar überbewertet. Moritz Paysen und Jörn Quitzau von Berenberg nennen Gründe und geben einen Ausblick auf die kommenden Monate.

Die Preise sind in den USA aktuell so hoch, dass man sich einen Euro-Wechselkurs von 1,50 herbeisehnt, um in den USA ungefähr die gleiche Kaufkraft zu haben wie in der Heimat. Natürlich gibt es in den USA auch Güter des täglichen Bedarfs, die günstiger sind als in Deutschland – allen voran wird dort beim Tanken das Portemonnaie stärker geschont. Wenn man alle Güter- und Dienstleistungspreise berücksichtigt, dann dürfte die Kaufkraftparität bei einem Wechselkurs von etwa 1,30 US-Dollar je Euro liegen. Tatsächlich dümpelt der Eurokurs aber seit Monaten um die Parität herum. Der Euro ist also kräftig unter- und der Dollar überbewertet. Ist deshalb eine baldige Trendwende wahrscheinlich? Eher nicht.

Im aktuellen Wechselkurs spielen die üblichen Bewertungsmaßstäbe wie Kaufkraftparitäten oder Zins- und Wachstumsdifferenzen natürlich auch eine Rolle. Doch diese Fundamentalkriterien werden derzeit von den geopolitischen Unsicherheiten und den daraus resultierenden Unwägbarkeiten für die künftige wirtschaftliche Entwicklung überlagert. Die Dollar-Stärke bringt zum Ausdruck, dass die wirtschaftlichen Risiken für die USA viel geringer sind als für die Länder der Eurozone, die noch nicht recht wissen, wie sie durch den Winter kommen. Während in Europa – trotz derzeit gut gefüllter Gasspeicher – ein Risiko besteht, dass die Energieversorgung brüchig wird, ist die Energieversorgung in den USA gesichert. Auch wenn partielle Produktionsausfälle aufgrund von Strom- oder Gasmangel für die Eurozone nur ein Risikoszenario darstellen, das zudem Tag für Tag etwas unwahrscheinlicher wird, wird dieses Risiko am Devisenmarkt bepreist. Und während in Europa noch Ungewissheit grassiert, bleibt die US-Währung als sicherer Anlagehafen tendenziell attraktiv.

Hinzu kommt, dass Europa geographisch näher am Kriegsgebiet liegt und die Friedensdividende der vergangenen Jahrzehnte versiegt ist. Und schließlich hat die Europäische Zentralbank länger als die US-Notenbank Fed gezögert, die Geldpolitik angesichts der rasant steigenden Inflation zu straffen. Auch diese Aspekte belasten den Euro und stärken den US-Dollar. Die Belastungsfaktoren werden sich nicht über Nacht auflösen – es sei denn, dass der Krieg gestoppt wird.

Auch ein Blick auf die Wechselkurszyklen spricht nicht für ein baldiges Ende der Dollarstärke. Wir sehen zwei wichtige Argumente.

Wenn wir den aktuellen US-Dollar Bullenmarkt auf der zeitlichen Ebene betrachten, so lässt sich vermuten, dass es noch etwas dauert, bis der Trend zu Ende geht. Die fünf großen US-Dollar-Bullenmärkte von 1980 bis 2020 haben im Durchschnitt 569 Tage angedauert. Der aktuelle Bullenmarkt, der im Juni 2021 seinen Anfang fand, besteht „erst“ seit 367 Tagen und hat vor diesem Hintergrund noch Zeit sich fortzusetzen. Auch die jüngsten Verluste des US-Dollars (EUR/USD von 0,95 auf 1,04) sollte man nicht überbewerten. Bereits in vergangenen Trends gab es immer wieder Rücksetzer vor neuer US-Dollar-Stärke.

Auch wenn der Trend zeitweise pausiert, so ist dessen Stärke schon jetzt beachtlich: Seit Beginn des aktuellen Trends hat der US-Dollar knapp 24 Prozent an Wert gewonnen und damit schon mehr als bei drei der fünf großen US-Dollar-Bewegungen. Nur die beiden US-Dollar-Rallys von 1980 bis 1982 (plus 44 Prozent) und von 1983 bis 1985 (plus 34 Prozent) waren noch stärker. Es gibt einige Parallelen zwischen dem aktuellen Trend und den Trends in den 80er Jahren: Beide Dollar-Bullenmärkte in den 80ern waren das Ergebnis des Zusammenspiels von expansiver Fiskalpolitik auf der einen und restriktiver Geldpolitik auf der anderen Seite. Fed-Präsident Paul Volcker erhöhte in der Phase von 1980 bis 1982 die Zinsen, um die ausufernde Inflation zu bekämpfen, während die Reagan-Administration versuchte, die Wirtschaft zu stimulieren. Die Kombination führte zu einem Anstieg der langfristigen Zinsen, was ausländische Investoren anzog und den US-Dollar aufwertete. Gleichwohl: Damals waren sowohl die Inflation als auch die Zinserhöhungen deutlich drastischer. Die heutige Situation hat insofern zwar Ähnlichkeiten, sie ist aber deutlich milder.

Andreas Busch ist Analyst beim Fondsanbieter Bantleon.
Bantleon-Analyst Andreas Busch
Der US-Immobilienmarkt gerät ins Wanken
Von Andreas Busch
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Über die Autoren

Jörn Quitzau | Bergos Privatbank
Jörn Quitzau ist Chefvolkswirt bei der Schweizer Privatbank Bergos. Zuvor war er 17 Jahre beim Bankhaus Berenberg und sechs Jahre bei Deutsche Bank Research in Frankfurt.
[Alle Beiträge von Jörn Quitzau]
Moritz Paysen | Berenberg Bank
Moritz Paysen ist bei der Berenberg Bank als Optionshändler tätig.

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