Als Donald Trump im Februar 2021 Post von J.P. Morgan Chase erhielt, war seine Präsidentschaft gerade erst zu Ende gegangen. Die Nachricht war knapp: Seine Konten würden in zwei Monaten geschlossen. Für den Immobilienunternehmer, der jahrzehntelang über die größte US-Bank Hunderte Millionen US-Dollar abgewickelt hatte, markierte dieser Brief mehr als das Ende einer Geschäftsbeziehung. Es war der Beginn eines Konflikts.

Fast vier Jahre später steht Trump erneut als Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika im Weißen Haus – und verklagt J.P. Morgan Chase sowie deren Chef Jamie Dimon auf mindestens fünf Milliarden Dollar Schadensersatz.

Der Vorwurf: politisch motivierte Kontoschließungen, im Fachjargon „Debanking“ genannt.

Die Bank weist dies vehement zurück. Was auf den ersten Blick wie eine persönliche Fehde aussieht, berührt grundsätzliche Fragen über die Macht von Finanzinstituten, die Grenzen unternehmerischer Entscheidungsfreiheit und den Umgang mit kontroversen Kunden.

Die Chronologie eines Zerwürfnisses

Die Ereignisse, die zur Klage führten, lassen sich bis zum 6. Januar 2021 zurückverfolgen. An diesem Tag stürmten Trump-Anhänger gewaltsam das US-Kapitol, um die Bestätigung von Joe Bidens Wahlsieg zu verhindern. Trump hatte zuvor wochenlang ohne Belege behauptet, ihm sei der Wahlsieg durch Betrug gestohlen worden, und die Stimmung vor der Attacke mit einem Auftritt vor seinen Anhängern angeheizt.

Sechs Wochen später, am 19. Februar 2021, erhielten Trump und mehrere seiner Unternehmen – darunter Trump-Golfklubs und das Trump Miami Resort Management – die Kündigungsschreiben von J.P. Morgan Chase. Die Frist: zwei Monate. Für Trump bedeutete dies nicht nur den Verlust etablierter Bankverbindungen, sondern nach eigener Darstellung auch erhebliche finanzielle Nachteile durch den Verlust lukrativer Geschäftsbeziehungen. Zudem sei er in der Vermögensverwaltung auf eine schwarze Liste gesetzt worden.

Trump hatte bereits im August 2025, kurz nach seinem Wahlsieg, öffentlich erklärt, mehrere Banken hätten ihn diskriminierend behandelt. In einem CNBC-Interview berichtete er, J.P. Morgan habe ihn aufgefordert, jahrzehntealte Bankkonten innerhalb von nur 20 Tagen aufzulösen. Die Bank hatte diese Vorwürfe damals zurückgewiesen und betont, es habe keine ideologischen Gründe für die Kontenschließungen gegeben.

Der juristische Schlagabtausch

Die am Donnerstag beim Bezirksgericht von Miami-Dade County in Florida eingereichte Klage ist umfangreich und detailliert. Trumps Anwalt Alejandro Brito argumentiert, J.P. Morgan Chase habe gegen Bundesrecht und Gesetze des Bundesstaats Florida verstoßen. Die Bank habe gegen ihren eigenen Verhaltenskodex verstoßen, „indem sie einseitig – und ohne Vorwarnung oder Abhilfe – mehrere Bankkonten des Klägers gekündigt hat“.

Besonders scharf formuliert ist laut „Handelsblatt“ der zentrale Vorwurf in der Klageschrift: „Die Kläger sind der festen Überzeugung, dass die einseitige Entscheidung von JPMC auf politischen und gesellschaftlichen Beweggründen beruhte sowie auf JPMCs unbegründeten, 'woken' Ansichten, man müsse sich von Präsident Trump und seinen konservativen politischen Standpunkten distanzieren.“

Die Klage richtet sich nicht nur gegen die Bank als Institution, sondern persönlich auch gegen deren Vorstandschef Jamie Dimon. Dieser habe zudem eine „schwarze Liste“ erstellt, um andere Banken vor Geschäften mit der Trump-Organisation und der Familie des Präsidenten zu warnen.

J.P. Morgan Chase reagierte umgehend mit einer klaren Zurückweisung. „Wir bedauern den Schritt, gehen aber nicht davon aus, dass die Klage Erfolg haben werde“, erklärte die Bank. „Wir respektieren das Recht des Präsidenten, uns zu verklagen, und unseres, uns zu verteidigen – dafür sind Gerichte da.“

Die Bank betonte, man schließe keine Konten aus politischen oder religiösen Gründen: „Wir schließen Konten, weil sie ein rechtliches oder regulatorisches Risiko für das Unternehmen darstellen. Wir bedauern, dass wir dies tun müssen, aber oft zwingen uns Vorschriften und regulatorische Erwartungen dazu.“ Der Aktienkurs von J.P. Morgan Chase zeigte sich von der Klage unbeeindruckt und legte am Tag der Bekanntgabe leicht zu.

Das Phänomen "Debanking"

Der Fall Trump wirft ein Schlaglicht auf ein Phänomen, das in den USA zunehmend kontrovers diskutiert wird: das sogenannte „Debanking“. Damit wird die Praxis bezeichnet, Konten von Kunden ohne unmittelbare wirtschaftliche Not zu kündigen – etwa, weil Banken fürchten, dass diese Kunden das Ansehen des Instituts beschädigen könnten.

Die großen US-Geldhäuser sind in den vergangenen Jahren verstärkt ins Visier der Kritik geraten, insbesondere aus dem konservativen Lager. Der Vorwurf: Die Institute würden einer „woken“ Agenda folgen und bestimmte Branchen wie die Rüstungs- oder Ölindustrie systematisch benachteiligen. In Trumps zweiter Amtszeit hat dieser Druck auf die Institute deutlich zugenommen.

Bereits im Dezember veröffentlichte die US-Aufsichtsbehörde OCC (Office of the Comptroller of the Currency) einen Bericht. Demnach hatten neun US-Banken die Geschäfte mit umstrittenen Sektoren eingeschränkt. Der Bericht wurde nach einer Exekutivanordnung Trumps aus dem August erstellt, die eine regulatorische Überprüfung aller Banken forderte, ob sie Kunden aufgrund ihrer politischen oder religiösen Überzeugung ausschließen.

Der OCC-Bericht nannte zwar keine konkreten Beispiele, erwähnte aber, dass es sich bei den untersuchten Unternehmen unter anderem um J.P. Morgan Chase, die Bank of America und die Citigroup handelte. „Künftig wird das OCC die Banken für diese Handlungen zur Rechenschaft ziehen und dafür sorgen, dass die unrechtmäßige Schließung von Konten nicht fortgesetzt wird“, kündigte der Leiter der Behörde, Jonathan Gould, an. Die Überprüfung sei noch im Gange, und man plane, die Banken zur Rechenschaft zu ziehen, einschließlich möglicher Weiterleitungen an das Justizministerium.

Die Abkühlung zwischen Trump und Dimon

Das Verhältnis zwischen Trump und Jamie Dimon, einem der einflussreichsten Manager der US-Wirtschaft, hat sich merklich abgekühlt. Dabei hatte die amerikanische Finanzbranche von Trump zunächst sogar Vorteile durch den Abbau von Regulierung erwartet.

Doch die Spannungen nahmen zu, als Dimon nach Bekanntwerden der Ermittlungen gegen Fed-Chef Jerome Powell öffentlich die Unabhängigkeit der US-Notenbank verteidigte. Trump konterte scharf, Dimon liege mit einem Engagement für die Linie der Fed falsch: „Wir sollten niedrigere Zinsen haben. Jamie Dimon will wahrscheinlich höhere Zinsen, vielleicht verdient er so mehr Geld.“

Der Konflikt eskalierte weiter, als Dimon sich nicht mit Kritik an einem Vorschlag Trumps zurückhielt, Kreditkartenzinsen auf zehn Prozent zu deckeln. Am Mittwoch auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos sagte der Bankchef, dies käme einer „wirtschaftlichen Katastrophe“ gleich und würde den Kreditzugang für viele Verbraucher einschränken. Zusätzlich hatte Dimon in derselben Rede betont, dass es eine stärkere Nato und ein stärkeres Europa brauche – Aussagen, die bei Trump auf wenig Gegenliebe gestoßen sein dürften.

Trump reagierte auf die Äußerungen aus Davos an Bord der Air Force One. J.P. Morgan Chase sei nicht befugt gewesen, die Konten zu schließen, sagte der Präsident. Kurz darauf folgte die Klage.

Politische Dimensionen und Konsequenzen

Der Rechtsstreit markiert eine weitere Eskalation im Verhältnis zwischen dem Weißen Haus und der Wall Street. Und sie wirft grundsätzliche Fragen auf: Inwieweit dürfen oder müssen Banken bei der Auswahl ihrer Kunden auf Reputationsrisiken achten? Wo verläuft die Grenze zwischen legitimer Risikoabwägung und politisch motivierter Diskriminierung? Und welche Rolle sollte der Staat bei der Regulierung solcher Entscheidungen spielen?

Für Trump geht es um mehr als nur Geld. Die erzwungene Suche nach neuen Bankverbindungen habe seinen Ruf erheblich geschädigt, argumentiert seine Seite. Nach dem Sturm auf das Kapitol verlor Trump auch die Präsenz auf großen Online-Plattformen, was ihn zu Klagen gegen Techkonzerne veranlasste. Die Kontenschließungen durch J.P. Morgan Chase fügen sich in dieses Muster ein.

Direkt zu Beginn seiner zweiten Amtszeit hatte Trump rund 1.500 militante Anhänger begnadigt, die 2021 das Parlament besetzt hatten. Er behauptet weiterhin, die Wahl sei manipuliert worden. Die Klage gegen J.P. Morgan Chase kann somit auch als Signal an die Finanzbranche verstanden werden: In Trumps Amerika wird es für Unternehmen riskant, sich gegen den Präsidenten zu positionieren.

Für J.P. Morgan Chase und die US-Bankenbranche insgesamt steht viel auf dem Spiel. Sollte Trump mit seiner Klage Erfolg haben, könnte dies weitreichende Folgen für die Geschäftspraxis der Institute haben. Banken würden möglicherweise zögern, Konten zu schließen, selbst wenn sie erhebliche Risiken sehen. Andererseits könnten sie auch regulatorischen Sanktionen ausgesetzt sein, wenn sie Geschäftsbeziehungen aufrechterhalten, die aufsichtsrechtlich bedenklich erscheinen.

Der Ausgang des Verfahrens bleibt abzuwarten. Während Trump auf politische Unterstützung und öffentliche Sympathien im konservativen Lager setzen kann, verfügt J.P. Morgan Chase über erhebliche juristische Ressourcen und die Rückendeckung durch regulatorische Vorgaben. Sicher ist: Sollten beide Seiten den Streit nicht beilegen, dürfte der Fall die amerikanische Justiz über Jahre beschäftigen.