Dorothee Drögemüller hat einen dieser Berufe, die man erklären muss. Und sie ist eine der wenigen in der Finanzbranche, die genau das kann — ohne Fachchinesisch, ohne Nebelkerzen. Auf Partys antwortet sie auf die Frage nach ihrem Job: „Ich helfe Menschen auf der Vermögensseite, ihr Leben so zu strukturieren, dass sie ihre Ziele und ihre Wünsche erfüllen können." Kein Pitch, kein Beraterdeutsch. Nur Klartext.
Dass sie so spricht, ist kein Zufall. Seit mehr als 25 Jahren arbeitet Drögemüller im Vermögensmanagement. Bei Capital Crafters in Hamburg ist sie verantwortlich für die Fondselektion, steuert Strategien im Vermögensmanagement und berät Kunden bei Finanz- und Nachfolgefragen.
Beratung statt Produktverkauf
Der Weg dorthin war klassisch – und vielleicht genau deshalb so lehrreich. Bankausbildung bei der Dresdner Bank in Hamburg, dann der Bankfachwirt, „den damals irgendwie alle gemacht haben". Die Spezialisierung folgte über den Certified Financial Planner. So „schneite" sie in die Welt des Vermögensmanagements und ins Family Office hinein.
Was sie aus dieser Zeit vermisst?
„Gar nichts."
Die Antwort kommt ohne Zögern. Den Grund liefert sie gleich mit: Die Freiheit, unabhängig von Konzernvorgaben und Produktzwängen zu arbeiten, ist für sie kein Luxus, sondern Voraussetzung. „Ich frage mich immer: Welche Produkte finde ich gut, welche sind wirklich zielführend für unsere Kunden? Ich will in der Finanzplanung auch wirklich Beratung machen und keinen Produktverkauf." Als Honoraranlageberater verzichtet Capital Crafters bewusst auf Provisionen. „Das macht es für uns leicht, unsere Unabhängigkeit zu bewahren."
Ihre Mandanten sind so unterschiedlich wie ihre Lebensentwürfe: Unternehmer, leitende Angestellte, Familien – aber auch „ganz normale Privatkunden, die sich eben ein bisschen Vermögen aufgebaut haben und qualifizierten Rat suchen." Manche starten mit 10.000 Euro, etwa in standardisierten Fondsstrategien für Kinder. Andere bringen zweistellige Millionen in Individualmandate.
Stolz ist sie bis heute auf ihre Abschlüsse: CFP und CEFA. „Das war neben dem Job echt hart." In jüngster Zeit kamen Auszeichnungen für ihre Anlagestrategien hinzu, die „eine schöne Bestätigung der täglichen Arbeit“ seien.
Die Menschen hinter Fonds kennenlernen
Als der Ukrainekrieg kam, als die Märkte fielen, als die Telefone in vielen Häusern heiß liefen – da blieb es bei Drögemüller überraschend ruhig. „Wir hatten genau einen einzigen panischen Kunden“, sagt sie. Der Grund liegt für sie auf der Hand: Weil vorher erklärt wurde, was Risiko bedeutet, was Volatilität heißt und warum Strategie wichtiger ist als Stimmung.
Der Tag beginnt bei ihr mit Zeitunglesen – Handelsblatt, FAZ, Morning Briefings von Volkswirten. Dann folgt die Pflege des eigenen Risikodashboards, um mögliche Schieflagen früh zu erkennen. Danach: Kundentermine, Fondsanalyse, Finanzplanung.
Capital Crafters versteht sich als strategischer Anleger. „Wir überlegen grundsätzlich, wo auf der Welt wir investiert sein wollen. Und wir versuchen, das Bauchgefühl nicht nur bei unseren Kunden auszuschalten, sondern auch bei uns selbst." Die Fondsselektion erfolge vor allem über Manager-Gespräche. „Wir wollen die Personen hinter den Produkten kennenlernen und verstehen, wie sie denken, wie sie entscheiden – und warum.“
Ihr Portfolio ist ein klares Statement: 98 Prozent aktiv. ETFs? Eher für Cash-Parken, Geldmarkt, Xetra-Gold. „Wir sind gut darin, Fonds-Perlen zu finden, also machen wir das, was wir gut können.“
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Broker als Experimentierkasten
Neobroker wie Trade Republic oder Scalable Capital betrachtet sie nicht als Bedrohung – eher als Ventil. Viele Kunden experimentieren dort ein wenig, während sie das langfristige Vermögen bei ihr betreuen lassen. „Das kommt uns sogar entgegen." Die Spielerei andernorts sorge dafür, dass im eigentlichen Depot mehr Ruhe herrsche.
Dass die Branche vor einer weiteren Konsolidierung steht, ist für Drögemüller ausgemacht. Die Babyboomer gehen, Nachwuchs komme kaum nach. „Wir haben in der Finanzbranche selbst hart daran gearbeitet, unseren Ruf kaputt zu machen – durch Optimierung der eigenen Provision vor dem Kundeninteresse, durch Schindluder, durch teilweise zu wenig Kundennutzen." Die Branche müsse nun daran arbeiten, den Beruf für kommende Generationen attraktiver zu machen.
Ruhe bewahren
Was sie für 2026 rät, klingt wenig spektakulär – und ist vielleicht gerade deshalb so klug: ruhig bleiben. Nicht jede Marktphase emotional aufladen. Nicht jede Schlagzeile ins eigene Depot lassen. Bloß nicht kirre machen lassen.
Vielleicht ist genau das ihre Stärke: Drögemüller verkauft keine Geschichten. Sondern Haltung.
Oder, wie sie selbst sagen würde: Sie hilft Menschen, ihr Leben auf der Vermögensseite so zu strukturieren, dass Wünsche nicht zu Wetten werden – sondern zu Plänen.