Andreas Harms (Redakteur)Lesedauer: 7 Minuten

Kommentare zur EZB-Sitzung „Ein Hauch von Tapering“

EZB-Chefin Christine Lagarde
EZB-Chefin Christine Lagarde | Foto: imago images / Xinhua

Konstantin Veit, Portfoliomanager bei Pimco:

Die Änderungen am geldpolitischen Ausblick für die Zinsentwicklung, der Forward Guidance, entsprachen im Großen und Ganzen den Erwartungen. Ähnlich wie das Bekenntnis der Bank of Japan zum Überschießen der Inflation wird der Verweis der EZB auf ein vorübergehendes Überschießen der Inflation die Märkte wahrscheinlich nicht dauerhaft beeindrucken, wenn man bedenkt, dass die vorherige, konservativere Definition von Preisstabilität lange Zeit verfehlt wurde. Wir glauben, dass die EZB im September damit beginnen wird, sich auf ein Ende des Pandemie-Notfallankaufprogramms (PEPP) und eine Aufstockung des regulären Ankaufprogramms (Asset Purchase Programme, APP) im Jahr 2022 vorzubereiten, um die lockeren Finanzierungsbedingungen über das Ende der pandemischen Notfallmaßnahmen hinaus aufrechtzuerhalten, da die Fortschritte in Richtung des Inflationsziels unzureichend bleiben. Die neue Forward Guidance bekräftigt die lockere Geldpolitik auf lange Sicht, was an sich schon Rückenwind für Risikoanlagen bedeutet. Die Frage, wie die EZB ein noch ehrgeizigeres Ziel mit demselben Instrumentarium erreichen will, bleibt unbeantwortet.

Jörg Angelé, Senior-Volkswirt bei Bantleon:

Die EZB hat die Latte für Zinsanhebungen ein gutes Stück höher gelegt. Vor allem da die Notenbank nun sogar ein zeitweiliges Überschießen der Inflationsrate nicht mehr als Handlungszwang ansieht, sofern der Teuerungsdruck zu einem späteren Zeitpunkt des Prognosehorizonts wieder unter 2 Prozent sinkt. Insgesamt suggeriert die neue Forward Guidance, die EZB könne die Inflationsrate feinsteuern. Das widerspricht allerdings jeder Erfahrung. In der Regel sind inflationäre Episoden sich selbst verstärkend, das heißt ohne Einschreiten der Geldpolitik neigen sie dazu, an Dauer und Dynamik zuzunehmen. Das bedeutet, die Währungshüter könnten bei einer Fehleinschätzung der Inflationsentwicklung in zwei oder drei Jahren dazu gezwungen werden, stärker auf die geldpolitische Bremse zu treten als bei vorausschauendem Handeln. Das würde zu einer Verstärkung konjunktureller Auf- und Abschwungphasen führen, statt diese zu glätten.

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