Benjamin Louvet, Fondsmanager des OFI Precious Metals (FR0011170182)

Es besteht ein direkter Zusammenhang zwischen den Realzinsen, insbesondere in den USA, und dem Goldpreis. Je niedriger die Realzinsen sind, desto höher steigt der Goldpreis. Wir gehen davon aus, dass die westlichen Zentralbanken das derzeitige niedrige Zinsniveau langfristig beibehalten, um die Schuldenlast der Staaten zu begrenzen. Es bleibt nur die Frage, wie sich die Inflation entwickeln wird, mit der die Realzinsen steigen oder fallen, und damit auch der Goldpreis.

Die Finanzkrise 2008 hat uns gezeigt, dass Inflation nicht zwangsläufig eintritt, nur weil die Geldpolitik extrem locker ist. Aufgrund der unzureichenden Kreditnachfrage blieb die von den Zentralbanken zugeführte Liquidität im Finanzsystem und gelangte nicht in die Realwirtschaft, wodurch die Preise unter Kontrolle blieben.

Zieht Inflation an?

Diese jüngste Krise könnte jedoch ganz andere Folgen haben. Neben der Ausweitung der lockeren Geldpolitik hat die Pandemie die Regierungen insbesondere in den USA und Europa veranlasst, ihren Bürgern eine Vielzahl von Konjunktur- und fiskalpolitischen Maßnahmen wie Kurzarbeitergeld, direkte Auszahlungen und finanzielle Hilfen zukommen zulassen, die nicht zurückbezahlt werden müssen. Der Staat zwingt insbesondere über staatlich besicherte Hilfskredite die Banken, Unternehmen Geld zu leihen. Das sind de facto Liquiditätsspritzen direkt in die Realwirtschaft, wovon die Regierungen angesichts ihres geringen geldpolitischen Spielraumes erneut Gebrauch machen könnten und so die Zustimmung der Zentralbanken zur Geldschöpfung umgehen.

Hinzu kommt ein oft ignorierter Faktor, der die Inflation nach oben treiben könnte: Der Energie- und Klimawandel. Regierungsbehörden, insbesondere in Europa, legen in ihren Konjunkturplänen großen Wert auf die Energiewende, was die Strompreise bald in die Höhe treiben könnte. Die Kosten der Umwandlung alternativer Energieträger in elektrischen Strom sinken zwar, doch die Marktpreise sind nach wie vor hoch. Nach Angaben der französischen Energieregulierungskommission (CRE) werden die Kosten der Windenergie für EDF im Jahr 2021 bei 92,4 Euro/MWh liegen, während die Solarenergie 278,2 Euro/MWh kosten wird.

Gold bei 2.400 US-Dollar/Unze möglich

Die Schlussfolgerung: Anders als während der Finanzkrise ist es heute gut möglich, dass die Inflation in den nächsten Monaten steigt. Wenn die Inflation auf 2,5 Prozent steigen und folglich die Realzinsen um einen Prozentpunkt sinken würden, könnte dies den Goldpreis auf einen neuen Höchststand von bis zu 2.400 US-Dollar pro Unze treiben. Wenn die Inflation aufgrund neuer Konjunkturprogramme noch weiter steigen sollte, dann wäre sogar ein noch höherer Goldpreis möglich.