Darren Williams (Gastautor)Lesedauer: 3 Minuten

Chefvolkswirt von Alliance Bernstein Drei Faktoren treiben die Inflation weiter an

Frau mit Einkaufstasche in New York
Frau mit Einkaufstasche in New York: In den USA ist die Kerninflationsrate zuletzt so schnell wie seit 1992 nicht mehr gestiegen. (Fotoquelle: Imago Images / Levine-Roberts) | Foto: Imago Images / Levine-Roberts

Der aktuelle Aufwärtsdruck auf die Preise spiegelt zu großen Teilen Nachfrageverzerrungen und Angebotsverwerfungen im Zusammenhang mit der Corona-Krise wider. Mit der Zeit dürfte dieser Effekt daher zurückgehen. Darüber hinausgehend sehen wir jedoch Anzeichen dafür, dass die Inflation jetzt aus ihrem langen Schlaf erwacht und beginnt, zu einem neuen und höheren Niveau überzugehen.

Der Staat greift immer stärker ein

Wenn man sich die längerfristigen Aussichten für die Preisentwicklung ansieht, sollten strukturelle Faktoren wie Demografie, technologischer Fortschritt und Populismus nicht außer Acht gelassen werden. Doch unsere Analyse deutet darauf hin, dass das politische System hauptverantwortlich ist für Inflation über längere Zeiträume. Es gibt immer mehr Anzeichen dafür, dass sich dieses gerade ändert, bedingt durch die Reaktion auf den zunehmenden Populismus, durch die Rekordverschuldung und durch eine immer länger werdende Liste politischer Prioritäten. Eins ist klar: Inflation ist immer und überall eine politische Entscheidung.

Aktuell ist Inflation nicht das Hauptproblem für die politischen Entscheidungsträger. Angesichts steigender gesellschaftlicher Ungleichheiten und stagnierender Realeinkommen kann der Eindruck entstehen, dass das bestehende politische System versagt. Hinzu kommt: Es stellen sich neue Herausforderungen – insbesondere die Bekämpfung des Klimawandels. Diese Trends verstärken die Tendenz zu weitaus stärkeren staatlichen Eingriffen in die Wirtschaft als in den letzten Jahrzehnten.

Konkret sehen wir drei Treiber für eine stärkere Inflation:

1. Fiskalpolitische Eingriffe sind wieder in Mode

Covid-19 hat dazu beigetragen, den fiskalpolitischen Aktivismus, der in der inflationären Ära nach dem Zweiten Weltkrieg vorherrschte, wieder aus der Versenkung zu holen. Die Krise hat auch das langjährige Tabu gebrochen, die Zentralbankbilanz zur Erleichterung der staatlichen Kreditaufnahme zu nutzen. Dies ist umso bedeutender vor dem Hintergrund, dass die Regierungen vor umfangreichen Herausforderungen stehen – wie die Bewältigung des Klimawandels und die Bekämpfung des zunehmenden Populismus – wobei die Haushaltslage des öffentlichen Sektors bereits belastet ist.

2. Die Zentralbanken sind überfordert

Bis vor Kurzem hatten die Zentralbanken eine einfache Aufgabe: die Gewährleistung von Preisstabilität. Doch jetzt stehen sie vor dem Dilemma, verschiedene Zielsetzungen verfolgen zu müssen, zu denen unter anderem die Verringerung gesellschaftlicher Ungleichheit zählt oder der Übergang zu einer ökologisch verträglichen Wirtschaft. Wenn die Geldwertentwicklung jedoch nur noch eines von mehreren Zielen ist, besteht ein erhöhtes Risiko, dass sie zugunsten dringenderer Herausforderungen aufgegeben wird.

3. Die Staatsverschuldung ist auf Rekordhoch in Friedenszeiten

Eine weiter anhaltende Phase sehr starken Wirtschaftswachstums halten wir für unwahrscheinlich. Vor diesem Hintergrund lässt sich ein hohes Niveau staatlicher Verschuldung wahrscheinlich nur aufrechterhalten durch eine Verbindung von finanzieller Repression (Zinssätze niedriger halten, als sie es normalerweise wären) und höherer Inflation. Die quantitative Lockerung und die Steuerung der Zinskurve deuten darauf hin, dass der erste Teil dieses Prozesses bereits auf den Weg gebracht worden ist.

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