Drei Jahre und ein bisschen weise Wie deutsche Autokonzerne die Flucht nach vorn proben

Daimler-Chef Dieter Zetsche auf einem Kongress der Partei Bündnis 90/Die Grünen in Münster | © Getty Images

Daimler-Chef Dieter Zetsche auf einem Kongress der Partei Bündnis 90/Die Grünen in Münster Foto: Getty Images

Nun ist es so weit: Mit Porsche macht der erste deutsche Autohersteller Schluss mit Diesel-Technik. Ein für alle Mal, wie Vorstandschef Oliver Blume in einem Interview mit der „Bild am Sonntag“ im September feststellt: „Von Porsche wird es künftig keine Diesel mehr geben. Die Diesel-Krise hat uns viel Ärger bereitet und dem Image geschadet.“ Mit „Diesel-Krise“ meint der Unternehmenschef den Skandal um manipulierte Abgaswerte, der auch drei Jahre nach den ersten Anschuldigungen kein Ende findet.

Los ging die Affäre bereits im September 2015. Damals beschuldigten zwei US-Behörden den Volkswagen-Konzern, Diesel-Pkws mit einer Software ausgestattet zu haben, die auf Prüfständen besonders abgasarme Motorprogramme aktivieren und so die strengen US-Abgasnormen unterlaufen kann. Schon kurze Zeit später folgten Vorwürfe gegen andere Produzenten wie BMW und Mercedes. Schnell kam zudem heraus, dass die Unternehmen die Schummelprogramme auch außerhalb der USA einsetzten. Volkswagen räumte bereits ein, Millionen von Fahrzeugen so präpariert zu haben. Allein in Deutschland und den USA mussten die Wolfsburger dafür Strafen in zweistelliger Milliarden höhe zahlen. Inzwischen können Diesel-Fahrer hierzulande ihre Autos nur noch eingeschränkt nutzen. Deutsche Städte verhängten Fahrverbote wegen der stark belasteten Atemluft. Und es kommen weitere hinzu: So entschied das Verwaltungsgericht Wiesbaden im September, dass auch Frankfurt ab Februar 2019 ein Diesel-Fahrverbot einführen muss. Nur so könne die Luft sauberer werden, heißt es in der Begründung.

Inzwischen sollte die immense Tragweite des Skandals auch in den Konzernzentralen bekannt sein. Bereits seit Juni sitzt Rupert Stadler wegen Flucht- und Verdunkelungsgefahr in Haft. Stadler war Chef des Ingolstädter Herstellers Audi, der wie die Marke Porsche zu Volkswagen gehört und Diesel-Motoren an die Konzernschwester lieferte. Die Behörden ordneten Rückrufe für Zehntausende Fahrzeuge an. Außerdem durchsuchte die Justiz im Frühjahr 2018 den Firmensitz in Zuffenhausen und nahm einen Manager zeitweise in Untersuchungshaft. VW-Manager Oliver Schmidt traf es noch härter. Ein US-Gericht verurteilte ihn wegen seiner Beteiligung an den Betrügereien zu sieben Jahren Freiheitsentzug.

Die Aktienkurse der Konzerne hat der Skandal ebenfalls arg in Mitleidenschaft gezogen. Kein Wunder, schließlich stehen weitere Milliardenstrafen, Schaden ersatz für getäuschte Aktionäre und Kunden sowie mögliche Kosten für Hardware-Nachrüstungen im Raum. Während der deutsche Leitindex Dax seit Anfang 2015 um 26 Prozent zulegte, schaffte die BMW-Aktie lediglich 8,4 Prozent. Daimler brachte Aktionären 2,5 Prozent Minus ein, Volkswagen sogar 12,3 Prozent. Zum Vergleich: US-E-Autobauer Tesla erreichte im selben Zeitraum ein Plus von rund 35,9 Prozent, der deutsche Zulieferer Hella 57,7 Prozent (siehe Grafik).

                                      Quelle: Morningstar

Das lange Festhalten an der Diesel-Technik gefährdet zudem eine große Zahl Arbeitsplätze, wie aus einer aktuellen Studie des Fraunhofer-Instituts hervorgeht. Liegen die Forscher richtig, dürften hierzulande bis zum Jahr 2030 unter dem Strich rund 75.000 hoch qualifizierte Jobs wegfallen. Etwas Positives mag der Schlamassel aber haben: Die Hersteller sehen sich nun genötigt, rasch aufzuholen. So zeigte Daimler-Chef Dieter Zetsche im September auf dem Autosalon in Paris die Serienversion des Elektro-Geländewagens Mercedes EQC und sagte Konkurrent Tesla den Kampf an. Im ersten Halbjahr 2019 soll das erste reine E-Mobil der Marke starten. Lediglich beim Preis des 400-PS-Stromers hält sich Zetsche noch bedeckt.