Personeller Paukenschlag in der Finanzbranche: Florian Toncar, Ex-FDP-Staatssekretär unter Christian Lindner im Bundesfinanzministerium wechselt zum Allianzvertrieb Deutsche Vermögensberatung (DVAG). Wie der 46-jährige promovierte Jurist gegenüber dem Onlineportal „Focus+“ bestätigte, wird er zum 1. Juni 2026 Teil der Unternehmensführung und übernimmt die Funktion des Bereichsvorstands für „Markt und Regulierung“.
Karenzzeit nach politischem Abschied eingehalten
Karenzzeiten für parlamentarische Staatssekretäre in Deutschland dauern in der Regel zwölf bis maximal 18 Monate nach Ausscheiden aus dem Amt, wenn sie in die Privatwirtschaft wechseln. Toncar war im November 2024 aus dem Amt ausgeschieden. Er blieb nach seinem Abschied als Staatssekretär weiterhin bis März 2025 Abgeordneter der FDP im Deutschen Bundestag.
Sein Fachgebiet als Anwalt war die Banken- und Finanzaufsicht, nach Studium und Promotion war er für die internationale Wirtschaftskanzlei Freshfields tätig. Was er in den vergangenen anderthalb Jahren konkret gemacht hat, ist nicht öffentlich bekannt.
Weitere Aufgabe in DVAG-nahen Branchenverband
Parallel zu seiner neuen Aufgabe im Unternehmen soll Toncar laut des Medienberichts zudem eine Führungsrolle bei der Deutsche Unternehmensverband Vermögensberatung (DUV) übernehmen. Der Branchenverband war ursprünglich von DVAG-Gründer Reinfried Pohl als Interessenvertretung für den Berufsstand aufgebaut worden. Dessen Sohn Andreas ist heute Vorstandsvorsitzender der DVAG mit inzwischen rund 18.000 hauptberuflichen Vermögensberatern. Die Familie Pohl ist auch Mehrheitseigner des Konzerns.
Traditionell enge Verbindungen in die Politik
Die DVAG selbst äußerte sich zu der Personalie bisher nicht. Das Unternehmen pflegt seit jeher enge Kontakte in die Politik, die wiederholt für öffentliche Diskussionen sorgten. Legendär ist die freundschaftliche Verbindung zwischen dem damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl und Reinfried Pohl. Kohl war für die DVAG beratend tätig und half dabei, das Unternehmen in der Finanzwelt zu etablieren. Später übernahm er die Position des Ehrenvorsitzenden des Beirats der DVAG.
Und auch die aktuelle Personalentscheidung bietet Zündstoff, denn in seiner neuen Rolle dürfte sich Toncar mit ähnlichen regulatorischen Fragen der Finanz- und Versicherungsbranche beschäftigten, wie auch zu seiner Zeit im Ministerium. Hier fiel er mit einer großen Nähe zu Versicherern und Vermittlern auf und setzte sich stark für deren Interessen bei Gesetzgebungsverfahren ein.
Hohes Ansehen bei Versicherern und Vermittlerverbänden
In der Folge wurde er in seiner Amtszeit von den Lobbyorganisationen der Branche immer wieder gelobt, unter anderem für seinen Einsatz gegen ein Provisionsverbot auf EU-Ebene und die Pläne zur Reform der privaten Altersvorsorge mit einem Altersvorsorgedepot, das wegen des Ausscheidens der FDP aus der Ampel-Regierung nicht mehr zustande kam.
Passend zum Toncar-Abschied schrieb sein Vorgänger im DVAG-Vorstand für den Bereich „Markt und Regulierung“ und Vorsitzender des Vermittlerverbands Bund Deutscher Vermögensberater, Helge Lach, bei Linkedin: „Mit Ihnen geht wohl auch die Chance auf eine überfällige Reform der privaten Altersvorsorge (...). Die Organisation und Koordinierung der Fokusgruppe mit den höchst unterschiedlichen Interessen aller Beteiligter war ein Meisterstück. Hätte die Koalition in allen Bereichen so gearbeitet, wäre sie durchweg erfolgreich geworden.“
Scharfe Kritik von Bürgerbewegung Finanzwende
Für Kritiker liegt nahe, dass die DVAG vor allem auf Toncars gute Kontakte ins politische Berlin setzt. So schreibt Daniel Mittler vom Verbraucherverein Bürgerbewegung Finanzwende, der die DVAG schon in der Vergangenheit hart kritisierte, in einem Linkedin-Post: „Er beginnt dort während des laufenden Gesetzgebungsverfahrens für die private Altersvorsorge, von dessen Ausgang die DVAG sehr profitieren könnte.“
Überraschend komme der neue Job nicht: Die DVAG sei sehr generös bei Parteispenden. Laut Mittler hat die DVAG über 300 000 an CDU, CSU, SPD, FDP und Grüne gespendet und in ihrem Beirat sitzen mehrere Ex-Politiker. Auch der aktive Kontakt von Toncar und dem Allfinanzvertrieb sei nicht neu.
Vorwurf: Toncar setzte Lobbyinteressen um
Mittler zitiert einen früheren Finanzwende-Bericht: „Nachdem EU-Finanzkommissarin Maired McGuinness im Frühjahr 2023 Abstand von einem generellen Provisionsverbot in der Anlageberatung genommen hatte, brüstete sich der DUV-Vorsitzende Helge Lach, zugleich ein DVAG-Vorstandsmitglied, dass es dem DUV gelungen sei, die ‚entscheidenden Argumente gegen ein generelles Provisionsverbot bei den Entscheidungsträgern einzubringen‘. In einem Brief an den ‚lieben‘ Staatssekretär im Finanzministerium, Florian Toncar, hatte er vorher ‚um Unterstützung der Bundesregierung‘ gegen das Provisionsverbot gebeten. ‚Wir würden uns sehr freuen, wenn Sie sich wie bisher auch in dieser Sache engagieren‘, schrieb er.“
Kurz darauf habe sich Finanzminister Christian Lindner persönlich eingeschaltet und in einem Brief an McGuinness gegen ihr geplantes Provisionsverbot gewettert. Auch der CSU Europaabgeordnete Markus Ferber, Mitglied im Beirat der DVAG, habe sich mehrfach an McGuinness gewandt, um das Provisionsverbot zu verhindern. „Die Kampagne ist ein Lehrstück über die Macht der Finanzlobby“, hatte das Portal Abgeordnetenwatch laut Mittler damals befunden.
Bei Social Media kommt die Personalie nicht gut an
Die Kommentare unter dem Post dürften der DVAG ebenso wenig gefallen. Sie äußern sich fast alle ablehnend zur Toncar-Personalie und werfen die Frage nach Interessenkonflikten auf. Ein User schreibt: „Meines Erachtens widerlich und unmoralisch.“ Ein weiterer: „Kenn ihn noch aus dem SF-Beirat und wie er dort die Versicherungsbranche hofiert hat.“ Oder: „Zufälle gibt's. Das ist natürlich neu und gab es vorher noch nie. Wir sind eine korrupte Nation.“

