Wenn man die Lage am Goldmarkt mit einem Bild beschreiben soll, dann trifft vermutlich eine Landschaft mit Packeis am besten zu. Von ein paar Hochpunkten und Tälern abgesehen scheint sich oberflächlich nur wenig zu bewegen. Auf den Goldpreis übertragen bedeutet dies, dass für den Preis pro Feinunze in US-Dollar seit Ende Mai zwischen dem Hoch- und Tiefpunkt deutlich weniger als fünf Prozent liegen. Auch für Investoren aus dem Euroraum war die Schwankungsbreite im gleichen Zeitraum mit rund 5,5 Prozent nur unwesentlich höher.
Wenig Argumente für Gold – Preis bleiben trotzdem stabil
Auf Verkäuferseite lässt sich feststellen, dass Investoren von Gold-ETFs ihre Bestände seit Ende Mai kontinuierlich reduziert haben und bis heute unter dem Strich umgerechnet etwa 165 Tonnen Gold veräußert haben. Dieses Verhalten ist absolut verständlich, da ETF-Investoren als tendenziell trendfolgende Anleger bekannt sind und mit der restriktiven Geldpolitik der Notenbanken wenig Argumente pro Gold zur Hand hatten.
Auch in Indien scheint die Nachfrage nach Gold seit geraumer Zeit gedämpft zu sein. Die in hohem Maß preissensitiven Käufer leiden hier erheblich unter dem hohen Goldpreis in Rupien sowie den geringeren Monsunniederschlägen in für die Landwirtschaft wichtigen Regionen. Dementsprechend sind die zu erwartenden Ernteerträge weniger üppig, was letztlich zu weniger verfügbaren Kapital für Goldkäufe im Vorfeld der Hochzeitsaison führen wird. Auch die schnell agierende Gruppe der Spekulanten war die meiste Zeit auf der abgebenden Seite zu finden und reduzierte die Bestände in den vergangenen Wochen um mehr als 130 Tonnen.
Grafik ETFs vs. Spekulation
Unter normalen Umständen hätte die Kaufzurückhaltung des weltweit zweitwichtigsten Nachfragelandes, gepaart mit den anhaltenden Verkäufen der ETF-Gemeinde sowie den Abgaben spekulativer Anleger für eine ausgeprägte Kursbewegung nach unten gesorgt. Die Tatsache, dass sich der Preis für eine Feinunze Gold lange Zeit stabil über der Marke von 1.900 US-Dollar gehalten hat, lässt darauf schließen, dass andere Käufergruppen kräftig gestützt haben.
Im Vergleich zum Weltmarktpreis an der London Bullion Market Association (LBMA) erscheint die Aufstellung des World Gold Councils zum Auf- beziehnungsweise Abschlag des lokalen Goldpreises in China transparenter. Bei der LBMA handelt es sich um den für Edelmetalle bedeutendsten Umschlagsplatz und damit um einen Referenzwert beim gelben Edelmetall. Laut dem World Gold Council wurde Gold an der Shanghai Gold Exchange in der Spitze mit einer Prämie von etwa 120 US-Dollar je Feinunze gegenüber dem Weltmarkt gehandelt.
Damit lag der Preis zeitweise auf dem höchsten Niveau seit Gründung der Börse. Berichten zufolge habe sich die Goldnachfrage im Rahmen des chinesischen Valentinstags spürbar erholt. Zudem sei der Lagerabbau, der über weite Teile des zweiten Quartals stattgefunden habe, zum Erliegen gekommen und die Schmuckhersteller hätten begonnen ihre Bestände wieder aufzustocken. Als Reaktion auf den hohen lokalen Aufschlag werde man von Seiten der chinesischen Zentralbank überdenken, ob einige Beschränkungen für Goldimporte weiterhin aufrecht erhalten bleiben.
Unsicherheiten bei den Notenbanken
Mit deutlich mehr Unsicherheit behaftet sind die von den Notenbanken gemeldeten Bestände. Die Notenbanken melden ihre Veränderungsraten bei den staatlich gehorteten Goldvorkommen auf freiwilliger Basis und mit einem gewissen Zeitverzug. Hier fällt auf, dass die Notenbanken in den ersten sieben Monaten in der Summe ihre Goldvorräte aufstockten. Damit bestätigen die Zentralbankchefs eine Umfrage zu Jahresbeginn, in der 57 Zentralbanken teilnahmen und sich mit der überwältigenden Mehrheit von 71 Prozent für einen Ausbau der Goldreserven aussprachen.
Auf der Abgabeseite war bislang vor Allem die türkische Zentralbank zu finden. Um die heimische Lira zu stärken, veräußerte die Zentralbank im Vorfeld der Wahlen Gold im Wertvon deutlich mehr als 100 Tonnen, wodurch, so die Kalkulation, der Amtsinhaber Erdogan gestärkt werden sollte. Mit Blick auf die Käuferseite wird ersichtlich, dass mittlerweile eine größere Anzahl an Staaten Gold als strategisches Vehikel ansehen. Dementsprechend erhöht sich zum einen die absolute Anzahl der Notenbanken und es tauchen in der Statistik Länder auf, die in den vergangenen Jahren am Goldmarkt nicht aktiv waren, aber auch die pro Monat absorbierte Menge pro beteiligter Notenbank zeigt nach oben.
Grafik Notenbanken
Allerdings handelt es sich bei den veröffentlichten Zahlen keinesfalls um eine gesicherte Datengrundlage, da diverse Notenbanken bereits in der Vergangenheit Veränderungen erst verspätet oder teils gar nicht gemeldet haben. Verschärft wurde die unsichere Datenlage durchden Einmarsch Russlands in der Ukraine, da vor allem Staaten, die dem Westen gegenüber kritisch eingestellt sind, die strategische Bedeutung des eigenen Goldschatzes erkannt haben und ungern den tatsächlichen Umfang dieses Vermögensgegenstands teilen.
Gold bleibt wichtiger Portfoliobaustein
Unter dem Strich bleibt die Frage, welche der beiden oben genannten Gruppen in den kommenden Wochen die Oberhand behalten wird. Auch wenn Notenbanken ihre strategischen Kaufabsichten nicht vorrangig an das vorherrschende Preisniveau beim Gold binden und die Kaufabsichten in China derzeit erhöht sind, so darf bezweifelt werden, ob dies ausreichen wird um dem anhaltenden Abgabedruck von Seiten der Kapitalmarktteilnehmer standzuhalten.
Als Baustein eines diversifizierten Portfolios hat Gold unbestritten weiterhin eine Berechtigung. Wie immer geht es bei Anpassungen im Portfolio aber auch um das richtige Timing und hier sehen wir derzeit noch keinen akuten Handlungsbedarf, um die Position aufzustocken. Vermutlich werden sich bis zum Jahresende günstigere Einstiegschancen bieten.
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Über den Autor:
Daniel Rauch ist Portfoliomanager des Rohstofffonds LBBW Rohstoffe 1 bei der LBBW.
