Von leidenschaftlicher Unterstützung zu scharfer Kritik – so schnell kann sich das Blatt wenden, wenn es um die Bewertung von Donald Trumps wirtschaftspolitischem Kurs geht. Edouard Carmignac, Gründer und Chef des gleichnamigen französischen Vermögensverwalters, hat in einem ungewöhnlich scharf formulierten Brief an seine Investoren eine radikale Abkehr von US-Anlagen angekündigt – und rechnet dabei mit der Wirtschaftspolitik Donald Trumps ab.
Dabei galt der Fondsmanager bisher eher als Unterstützer des amerikanischen Präsidenten. Nun bezeichnet er dessen handelspolitischen Kurs als „absurd“ und befürchtet drastische Folgen für die US-Wirtschaft.
„Donald Trump, der mit dem Versprechen eines stärkeren Wachstums, einer niedrigeren Inflation durch Investitionsanreize, einem Abbau von Regulierungen und einer Kürzung der öffentlichen Ausgaben wiedergewählt wurde, ruft nun einen totalen Handelskrieg aus“, beginnt Carmignac sein Schreiben. Die prognostizierten Konsequenzen fallen düster aus: „Sollten die vorgeschlagenen Zollerhöhungen umgesetzt werden, könnte die US-Wirtschaft in eine Rezession abgleiten.“
Der Franzose rechnet vor, wie teuer die neue Zollpolitik für amerikanische Konsumenten werden könnte: „Die Zölle würden eine Abgabe von fast 2 Prozent auf das verfügbare Einkommen der amerikanischen Verbraucher bedeuten, während die Inflation 5 Prozent erreichen könnte.“ Sein Fazit: „Eine solch absurde Politik ist untragbar.“
Neue Favoriten: Europa und Schwellenländer
Für Carmignacs Investitionsstrategie hat das Folgen: „Wir bevorzugen weiterhin Technologiewerte mit Fokus auf künstliche Intelligenz, haben jedoch unser Gesamtengagement in den USA reduziert“, erklärt der Investor und prognostiziert einen „unvermeidlichen Kapitalabfluss aus den USA, deren Marktkapitalisierung zu Beginn des Jahres fast 70 Prozent des Wertes der weltweiten Aktienmärkte ausmachte“.
Doch wohin mit dem Geld? Carmignac setzt verstärkt auf Europa – insbesondere Deutschland. „Deutschland wird seine Rolle als Motor des europäischen Wachstums wieder aufnehmen, da es sich darauf vorbereitet, sein öffentliches Defizit auf 4 bis 5 Prozent zu erhöhen, verglichen mit einem Durchschnitt von 1,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts in den letzten 75 Jahren“, schreibt der Fondsmanager. Er prognostiziert, dass die deutsche Wachstumsrate „vom Stagnationsniveau der letzten zwei Jahre auf nahezu 2 Prozent ansteigen wird“.
Auch Lateinamerika und Indien stehen auf Carmignacs Kaufliste weit oben. Die Region Lateinamerika sei „weitgehend von der Bedrohung durch US-Zölle verschont geblieben, und deren eklatante Unterbewertung von Vermögenswerten sollte durch den 'Javier-Milei-Schub' korrigiert werden“, meint Carmignac mit Blick auf den argentinischen Präsidenten.
Indien wiederum könne mit einer „stabilen Regierung, die private Investitionen begünstigt“, weiterhin mit einer Rate von nahezu sechs Prozent wachsen.
Als größten Profiteur der aktuellen Entwicklung nennt Carmignac jedoch China, den „großen Gewinner des Rückzugs der USA“, der vor allem den Technologieunternehmen einen noch nie dagewesenen Aufschwung beschere.
Zwischen den Zeilen: Kritik an geopolitischer Neuausrichtung
Der Zerfall des amerikanischen Imperiums sei „zweifellos Anlass zur Sorge“, resümiert der erfahrene Fondsmanager. „Aber das Entstehen einer neuen Weltordnung bietet viele attraktive Chancen, die wir ergreifen sollten.“
Damit schließt sich Carmignac einer wachsenden Zahl von internationalen Vermögensverwaltern an, die ihre Anlagestrategien angesichts der unberechenbaren US-Politik neu justieren. Die jüngsten Daten zeigen bereits Rekordzuflüsse in europäische Aktien-ETFs in zwei aufeinanderfolgenden Monaten (Februar und März), während US-amerikanische Small-Cap-Aktien nennenswerte Abflüsse verzeichneten.
Die kommenden Monate werden zeigen, ob Carmignacs dramatische Neupositionierung der richtige Schritt war – oder ob der von Donald Trump im Wahlkampf viel beschworene „gesunde Menschenverstand“ in Washington doch früher als erwartet die Oberhand gewinnt.

