814 Milliarden – und das Stockpicking stirbt trotzdem
261 Milliarden flossen 2025 in Aktien-ETFs, 24 aus aktiven Fonds heraus. Passiv schlägt aktiv seit fünf Jahren. Nur bei Anleihen gewinnen die aktiven Manager noch.
Es ist eine schöne, beeindruckende Zahl, und sie steht in jeder Erfolgsmeldung ganz oben: 814 Milliarden Euro. So viel frisches Geld sammelten Europas Ucits-Fonds im Jahr 2025 ein, ein Allzeithoch. „Trotz Zollturbulenzen und Marktvolatilität“, betont Efama-Präsidentin Samantha Ricciardiim Vorwort des neuen Fact Book, habe die Branche ihr stärkstes Jahr hingelegt. EU-Privatanleger kauften Fondsanteile für netto 295 Milliarden Euro, auch das ein nie gesehener Wert. Wer nur die Schlagzeile liest, sieht eine Industrie in Bestform.
Die 101 Seiten des Fact Book 2026 erzählen, genau gelesen, eine zweite Geschichte. Sie widerspricht der ersten. Und der Branchenverband versteckt sie nicht, er rechnet sie selbst vor.
Der Rekord, der keiner ist
Nehmen wir die Aktienfonds, lange das Prestigeobjekt jeder Fondsgesellschaft. 238 Milliarden Euro flossen ihnen 2025 zu, „der höchste Wert seit vier Jahren“, wie Efama notiert, noch unter dem Spitzenwert von 2021 (405 Milliarden). Ein Rekord für die Aktienfonds ist das also nicht; die Bestmarke betrifft die gesamten Ucits-Nettozuflüsse – und die ETF-Zuflüsse. Doch selbst die soliden 238 Milliarden bekommen einen Riss, sobald man fragt, woher das Geld stammt.
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Praktisch der gesamte Zufluss entfiel auf eine einzige Vehikelgruppe. Börsengehandelte Indexfonds, kurz ETFs, zogen allein 261 Milliarden Euro an Aktiengeld an. Rechnet man sie heraus, bleibt für den ganzen Rest ein Minus: klassische Aktien-Ucits außerhalb der ETF-Hülle – überwiegend aktiv gemanagte Fonds, in denen ein Mensch entscheidet, welche Titel ins Depot kommen – verloren netto 24 Milliarden Euro. Es sei, schreibt Efama dürr auf Seite 8, „das dritte Jahr mit Nettoabflüssen aus Nicht-ETF-Aktienfonds“.
Der scheinbare Aufschwung der Aktienfonds ist ein Verpackungseffekt. Das Geld fließt nicht in die Aktienauswahl, es fließt aus ihr heraus, in eine Hülle, die auf Auswahl verzichtet. Wohin genau, lässt sich im Fact Book bis auf die Produktebene verfolgen. Der größte Batzen, 106 Milliarden Euro, ging in globale Index-ETFs, etwa auf den MSCI World. Europa-ETFs sammelten 41 Milliarden ein, US-Indexfonds 29 Milliarden. US-Fonds dagegen, merkt Efama an, dürften 2025 sogar Geld verloren haben. Investiert heute jemand „in Aktien“, kauft er somit immer häufiger den Markt und immer seltener das Urteil eines Fondsmanagers.
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Warum die Anleger gehen
Diese Wanderung ist keine Laune. Sie hat einen handfesten Grund, und er steht in der Performance-Tabelle. Von 2021 bis 2025 schlugen passive Aktienfonds die aktiven in jedem einzelnen Jahr. 2025 erzielten aktive Aktienfonds im Schnitt 7,8 Prozent, die passiven 9,4 Prozent. Selbst im Crashjahr 2022, dem vermeintlichen Heimspiel der aktiven Manager, die dann angeblich klüger gegensteuern, verloren die aktiven Fonds mehr (minus 17,4 Prozent) als die Indexprodukte (minus 13,1 Prozent). Natürlich gab es auch Fonds, die besser abschnitten als die Benchmark. Doch in der Breite gilt: Fünf Jahre, fünf Niederlagen.
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Dazu kommt der Preis. Ein aktiver Aktienfonds kostete 2025 im Schnitt 1,16 Prozent pro Jahr, ein passiver 0,20 Prozent. Fast das Sechsfache für die schwächere Bilanz. Und die teure Seite gibt nur zäh nach: Seit 2021 sanken die Gebühren aktiver Aktienfonds von 1,27 auf 1,16 Prozent. Efama benennt den Zusammenhang nüchtern. Die höheren Kosten aktiver Fonds seien „einer der Hauptgründe für das rasante Wachstum passiver Fonds“. Deren Marktanteil hat sich binnen zehn Jahren mehr als verdoppelt, von 13 Prozent (2015) auf 30 Prozent der langfristigen Ucits-Vermögen (2025).
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Ganz so unaufhaltsam, wie die Verdoppelung klingt, verläuft der Vormarsch zuletzt nicht mehr. 2023 und 2024 legte der Passiv-Anteil je drei Prozentpunkte zu, 2025 nur noch einen. Der Trend ist gesetzt, das Tempo hat sich verlangsamt.
Wo Aktiv noch gewinnt
Es gibt allerdings eine Anlageklasse, in der die aktiven Manager nicht verlieren, sondern gewinnen: Anleihen.
Bei Rentenfonds schlagen die aktiven die passiven seit vier Jahren in Folge. 2025 erzielten aktive Anleihefonds im Schnitt plus 1,0 Prozent, die passiven minus 1,8 Prozent. Der Grund, den Efama liefert, ist einfach: In einem Umfeld heftiger Zinsschwankungen können aktive Manager rasch die Duration oder die Kreditqualität anpassen, während passive Fonds an ihre Benchmark gebunden bleiben. Allein die flexiblen Anleihefonds, die genau das tun, sammelten 80 Milliarden Euro ein. Aus Anleihen flieht das aktive Geld also nicht, es bleibt, wo es noch etwas bewirken kann.
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Das aktive Management verschwindet nicht überall, sondern genau dort, wo es seinen Preis nicht mehr rechtfertigt: in den großen, längst durchanalysierten Aktienmärkten, in denen ein billiger Index die Arbeit nachweislich besser erledigt. Wo es dagegen noch echte Entscheidungen zu treffen gibt, etwa in der Feinsteuerung von Laufzeiten und Bonitäten am Anleihemarkt, überlebt es. Aktiv stirbt dort, wo es nichts mehr zu entscheiden gibt.
Die Flotte schrumpft, der Mantel wandelt sich
Ende 2025 zählte Europa rund 11.100 Ucits-Fonds mit weniger als 100 Millionen Euro Vermögen. Und damit zu klein, um ihre Fixkosten je hereinzuholen. Zusammen bringen sie nur 2,8 Prozent des Marktes auf die Waage, und dieser Anteil sinkt bereits. Die Branche konsolidiert, das Geld wandert in immer größere Vehikel. Die Zahl der Aktienfonds selbst ist mit rund 14.600 seit 2021 stabil. Ein Massensterben ist das nicht, eher ein langsames Austrocknen am unteren Rand.
Zugleich verwischt die Grenze zwischen „aktiv“ und „passiv“, an einer überraschenden Stelle. Auch aktive ETFs, hält Efama fest, „gewinnen an Popularität, zahlreiche neue Fonds wurden zuletzt aufgelegt“. Der Mantel der Indexfonds, der die aktive Aktienauswahl verdrängt, wird so zu ihrem möglichen Überlebensraum. Aktives Management findet künftig vielleicht im ETF-Format statt: börsengehandelt und günstiger, mit täglich einsehbaren Beständen. Die aktive Selektion stirbt dann nicht, sie zieht nur um.
Wer macht künftig die Preise?
Das alles betrifft längst nicht mehr nur die Fondsbranche. Direkte Käufe einzelner Aktien durch die Haushalte tragen, netto über den gesamten EU-Sektor gerechnet, seit Jahren kaum etwas bei (EZB-Daten); selbst der Neobroker-Boom läuft größtenteils über ETF-Sparpläne. Die Rekordsumme von 295 Milliarden Euro ist das Ersparte von Millionen Haushalten: der ETF-Sparplan des Berufseinsteigers, die Altersvorsorge ganzer Familien.
Hier öffnet sich die eigentliche Frage. Indexfonds kaufen den Markt, wie er ist, und übernehmen die Gewichte, die andere gesetzt haben. Das globale Indexgeld fließt überproportional in die größten Titel; der Technologiesektor allein hat seinen Anteil in den Aktienportfolios der Ucits binnen zehn Jahren auf rund ein Viertel verdoppelt. Wenn aber immer mehr Kapital den Index nur nachbildet, statt einzelne Unternehmen zu bewerten: Wer trägt dann künftig die Preisfindung an den Märkten, von der die Passiv-Anleger gratis profitieren?
Übertreiben sollte man trotzdem nicht. Bei 30 Prozent Passiv-Anteil, und das ist der Wert über alle langfristigen Ucits, nicht nur Aktien, ist dieser Kipppunkt nicht erreicht. Aktives Management lebt zudem weit über die Fondshüllen hinaus: in Spezialmandaten, bei Hedgefonds, in den großen institutionellen Portfolios, die in dieser Statistik gar nicht auftauchen. Vom Tod des aktiven Aktienmanagements lässt sich präzise nur für die Retail-Fondshülle sprechen.
Aber die Richtung steht. Das Rekordjahr 2025 ist kein Triumph der Fondsindustrie alter Schule, sondern die Quittung dafür, dass die Anleger gelernt haben, wofür sich die teure Auswahl lohnt und wofür nicht. Die 814 Milliarden Euro sind echt. Nur fließen sie zum Teil an denen vorbei, die den Markt früher gemacht haben.
Christoph Fröhlich deckt bei DAS INVESTMENT die gesamte Bandbreite der Geldanlage ab – von aktiven Fonds bis zu Bitcoin, von Anleihenmärkten bis KI-Investments. Was ihn antreibt: die Menschen hinter den Zahlen. Diese Neugier hat er sich von der BILD-Lokalredaktion über seine Zeit als stern-Ressortleiter bis heute bewahrt. Nun jongliert er zwischen Fondsmanager-Gesprächen in Hamburg und Fintech-Interviews in Berlin, macht daraus mal LinkedIn-Posts, mal Podcasts. Sein Credo: Gute Geschichten lauern überall – man muss nur die richtigen Fragen stellen.
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