„Ein Tool kann nicht denken“

„Ein Tool kann nicht denken“

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DAS INVESTMENT: Das Börsenbeben hält die Finanzbranche in Atem. Doch sollten Berater, die Asset-Allocation-Tools einsetzen, fein raus sein, da sie ihre betreuten Depots beizeiten wetterfest gemacht haben müssten. Sind Ihre Maklerpartner entspannt, Herr Heß? Thomas Heß: Trotz aller technischen Hilfsmittel, die wir zur Verfügung stellen, ist die Verunsicherung groß – das gilt für Vermittler und Kunden. Das ist auch an den Absatzzahlen abzulesen. Aber: Wenn ich eine vernünftige, antizyklisch ausgerichtete Portfolioplanung mit kompetenten Tools durchführe, sollte bei den konsolidierten Börsen jetzt eine gewisse Einstiegsphase beginnen. DAS INVESTMENT: Doch wenden nach unserer Kenntnis nur rund 5 Prozent der Berater von Jung, DMS & Cie. das professionelle Asset-Allocation- Tool an. Wie ist das bei BCA? Michael Keilholz: Unser professionelles Portfolio-Selection-Tool nutzen rund 7 Prozent aller BCA-Makler. Bei den weitgehend kostenfreien Basis-Tools mit Regalbestückung und Portfolio- Vorgaben sieht das natürlich anders aus. In unseren Gesprächen müssen wir aber feststellen, dass die Neigung, prozyklisch zu investieren, noch stark verbreitet ist. Karsten Dümmler: Praktisch alle Märkte – ausgenommen von Gold und Öl – sind in die Knie gegangen. Das kann auch das beste Tool nicht kompensieren. Denn es liegt in der Natur der Sache, dass es in verschiedene Märkte streut, etwa Japan, USA und Europa. Wenn von denen 80 Prozent gefallen sind, kann auch ein optimiertes Tool das Gesamtdepot nicht ins Plus bringen. Aber immerhin wird ein vernünftig gestreutes Depot besser liegen als eins, das zu 100 Prozent im Dax investiert ist. Jürgen Raeke: Wir sollten aber auch nicht den Fehler machen, ausschließlich über Aktienmärkte zu reden, deren Korrelationen größer geworden sind. Es wird oft nur über liquide Assets beraten, was letztendlich zuwenig ist. Man muss das gesamte Vermögen betrachten und in die qualifizierte Beratung illiquide Assets wie Private Equity und Immobilien mit aufnehmen. DAS INVESTMENT: Wie ist das mit Abso lute-Return-Fonds, Trendfolge-Fonds oder Produkten, die zum Teil stark marketinggetrieben sind? Zerschießen solche Offerten die Asset Allocation? Keilholz: Das kann durchaus passieren. In der Krise gibt es immer einige wenige, denen es gelungen ist, positive Erträge zu erwirtschaften. Das wird von den Medien dann breit als Mittel gegen das allgemeine Unheil der Märkte kommuniziert. Aber in jedem Zeitfenster gibt es andere Produkte oder Wege, zum Beispiel das Ziel Absolute Return zu erreichen. Das heißt aber nicht, dass diese Produkte über den gesamten Zyklus hinweg, also auch beim nächsten Aufschwung, funktionieren. Dümmler: Richtig. Die besten Tools können nur so gut sein wie das, mit dem sie gefüttert werden. Wenn das Schrott ist, kann am Ende nur optimierter Schrott dabei herauskommen. Zudem sollten allokierte Assets berechenbare Korrelationen aufweisen, wie es die Portfoliotheorie nach Markowitz fordert. Für ein Containerschiff aus einem geschlossenen Fonds oder eine Einzelimmobilie an der Hamburger Außenalster gibt es keine Korrelation zu einem Japan-Aktienfonds. Raeke: Markowitz zu 100 Prozent umzusetzen geht auch bei uns nicht, dann müssten wir Leerverkäufe zulassen – das haben wir ausgeschlossen. Auch ist eine Normalverteilung, wie sie Markowitz zugrunde legt, nicht in allen Anlageklassen gegeben. Natürlich benötigt man für eine kompetente Asset Allocation vertrauenswürdiges Zahlenmaterial: Bei einem Containerschiff ist beispielsweise dazu der Charterraten-Index geeignet. Dümmler: Einspruch – wenn das Schiff eine Zehn-Jahres-Festcharter abgeschlossen hat, kann es sein, dass der Index steigt und der Wert des Fondsanteils sinkt. Wir sollten bei der Berechenbarkeit illiquider Assets keinen Sand in die Augen streuen. Aktien und Zertifikate haben zumindest immer einen Börsenkurs. Raeke: Aber auch bei deren Korrelation greift man auf Indizes zurück. Für Immobilien oder Schiffe ist das natürlich etwas schwieriger, aber durchaus machbar. Die Umsetzung ist ohnehin das Entscheidende: Welche Datenreihen nehme ich? Vergangenes Jahr haben viele in der Branche über die Attraktivität von Reits gesprochen, wo der Markt bereits seit Jahren extrem bullish war. Wir sahen Renditen von 15 Prozent bei einem Risiko, das geringer als das von Aktien sein sollte. Es wurde geraten, dass man unbedingt einsteigen müsste. Das war natürlich ein sehr hohes Risiko – kann aber so auch von einem Tool vorgegeben werden. Typischerweise werden Tools, die vergangenheitsbezogene Daten verwenden, in einem steigenden Markt mehr Aktien allokieren. Da ist dann die taktische Umsetzung gefragt. Keilholz: Da pflichte ich Ihnen bei. Unser Tool allokiert seit längerem aufgrund der Spread-Entwicklung hohe Anteile von Unternehmensanleihen. Doch die Spreads sind wegen der Finanzkrise weiter auseinandergelaufen. Wir haben darum unsere Berater gewarnt: Das Tool wird langfristig recht behalten, aber es kann nicht denken und kennt die aktuelle Finanzkrise nicht. DAS INVESTMENT: Kritisiert wird an den Tools auch, dass sie nur Vorsteueroptimierung betreiben. Heß: Das ist so pauschal nicht ganz richtig. Wir haben zum Beispiel vor kurzem mit Fundsaccess ein Tool zugekauft, das die Nachsteuerbetrachtung vorsieht. Dieses nutzen bereits 480 unserer Top-Berater mit vermögensverwaltendem Ansatz. DAS INVESTMENT: Wie wird sich der Markt weiter entwickeln? Heß: Marktstudien belegen, dass für die Mehrzahl der freien Vermittler die Beratungstechnologie unter den Top-3-Themen rangiert. Die Frage ist nur, wie hoch die Hemmschwelle ist. Noch werden vielfach „Quick-and-dirty-Lösungen“ bevorzugt: ein paar Eingaben, ausdrucken, fertig. Auf anspruchsvolle Asset- Allocation-Tools muss ich meine gesamte Büroarbeit und meinen Beratungsansatz ausrichten. Dass Asset Allocation in der Breite nicht geschieht, zeigt nicht zuletzt die Bundesbank- Statistik zum Anlageverhalten der Deutschen. Nach wie vor sind 80 Prozent in festverzinsliche Anlagen, also etwa Spareinlagen und Termingelder investiert. DAS INVESTMENT: Eine Riesenchance für Finanzberater, sich über Asset Allocation zu positionieren. Gehören Hedge-Fonds dazu? Raeke: Hedge-Fonds gehören nicht nur dazu, sondern stehen nach unserem Ansatz mit bis zu 20 Prozent des Gesamtvolumens dem Aktienanteil nur wenig nach. Selbstredend ist das nicht bei allen Kunden entsprechend umzusetzen. Für die Akzeptanz spielt auch die Performance eine Rolle. Zurzeit steht der Index bei minus 9 Prozent, bis Jahresende werden wir vielleicht bei minus 5 landen. Doch wer in dieser Zeit Hedge-Fonds und keine Aktien hat, kann prinzipiell froh sein. Dümmler: Hedge-Fonds spielen bei uns im Fondsbereich nur eine ganz untergeordnete Rolle, weil es der Staat geschafft hat, die Dach-Hedge-Fonds durch Überregulierung absolut unattraktiv zu machen. Das Wesen des Absicherns, das Hedging, ist mit den Produkten nicht zu machen. Was bei uns im Haftungsdach eine gewisse Rolle spielt, sind Hedge-Fonds-Zertifikate. Die sind preisbar und können deshalb auch in unsere Tools eingebracht werden. Deren Volumen liegt aber bei nur rund 2 Prozent. Das Gespräch führten Markus Deselaers und Peter Ehlers

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