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Nach Corona-Lockerungen im indischen New Delhi drängen die Menschen wieder auf die Straße Foto: imago imagtes / Hindustan Times
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Globale Konjunkturentwicklung Eine BIP-Explosion steht bevor

Hendrik Tuch, Aegon AM

Die jüngsten US-Arbeitsmarktdaten haben die Finanzmärkte beruhigt: Sie zeigen, dass sich die Beschäftigung zwar weiter verbessert hat, aber nicht so rasch anzieht, dass ein schnelles Zurückfahren der lockeren Geldpolitik zu befürchten ist. Anleger frohlocken: Die neue Goldlöckchen-Phase (in der Welt der Wirtschaft die perfekte Mitte) könnte den Sommer über anhalten, solange die US-Wirtschaft weiter beschleunigt und die meisten Abschottungsmaßnahmen aufgehoben werden. Andere Länder werden rasch folgen und ihre Volkswirtschaften ebenfalls wieder komplett hochfahren – sodass die Bürger ihre vielen überschüssigen Ersparnisse für Urlaub und andere Annehmlichkeiten ausgeben können.

Fast 20 Billionen US-Dollar an zusätzlichem globalem BIP

Anzunehmen ist, dass wir in diesem Jahr einen synchronisierten globalen Wirtschaftsboom erleben, der die Wachstumszahlen auf Rekordniveau ansteigen lassen wird. Der IWF rechnet in seinem jüngsten Wirtschaftsausblick mit einem Wachstum der Weltwirtschaft von 6 Prozent in diesem Jahr, gefolgt von 4,5 Prozent im nächsten Jahr. Zu bedenken ist, dass es sich hierbei um Schätzungen des realen Wachstums handelt. Der Zuwachs für das globale nominale BIP dürfte im laufenden Jahr bei fast 10 Prozent und im Jahr 2020 bei weiteren 7 bis 8 Prozent liegen – das sind fast 20 Billionen US-Dollar an zusätzlicher globaler Wirtschaftsleistung in nur zwei Jahren; eine Zahl, die das jährliche BIP der gesamten Eurozone übersteigt.

Gestützt werden diese Wachstumszahlen durch zwei Aspekte: Normalerweise werden Rezessionen durch makroökonomische Ungleichgewichte verursacht, die Zeit brauchen, um wieder ins Lot zu kommen. im Fall der Corona-Krise ergibt sich der Aufschwung schneller. Außerdem sind Regierungen in den entwickelten Ländern im Gegensatz zu früheren Rezessionen entschlossen, ihre üppigen Ausgabenprogramme fortzusetzen und die langfristigen staatlichen Investitionen zu erhöhen, was die Produktivität steigert und der Wirtschaft insgesamt auf die Beine hilft.

50 Millionen Menschen jährlich neu in der Mittelschicht

Die vergangenen zwei Jahrzehnte haben Ökonomen damit zugebracht, uns davon zu überzeugen, dass sich die westlichen Volkswirtschaften in einer Art Dauerflaute befinden, mit einem unterdurchschnittlichen Wirtschaftswachstum und einer ähnlichen Inflationsentwicklung. Diese Analyse vernachlässigt jedoch, dass sich die Struktur der globalen Konjunkturentwicklung in diesem Zeitraum erheblich verändert hat, da Schwellenländer inzwischen einen viel höheren Anteil an der Weltwirtschaft ausmachen.

Aus globaler Sicht lag das Wirtschaftswachstum in den beiden vergangenen Dekaden im Durchschnitt also tatsächlich auf einem höheren Niveau als in den 1980er- und 1990er-Jahren, eine Statistik, die kaum zitiert wird. Stattdessen verwenden Volkswirte viel Zeit darauf, die problematische Lage der westlichen Mittelschicht zu beklagen, während es schwierig ist, Quellenmaterial zu den 50 Millionen Menschen rund um die Welt an die Hand zu bekommen, die jährlich den Weg in die globale Mittelschicht finden. Natürlich hat das Corona-Jahr auch dieser Statistik zugesetzt. Aber in Zukunft wird der Trend von 50 Millionen zusätzlichen Konsumenten pro Jahr mit ordentlichem verfügbaren Einkommen anhalten.

Während die meisten Schwellenländer ihre Entwicklung in Richtung des Lebensstandards der entwickelten Länder fortsetzen, haben letztere nun erkannt, dass sie die wirtschaftliche Lage ihrer Bürger, die nicht von den Globalisierungstrends profitiert haben, verbessern müssen. Die fiskalischen Maßnahmen, die sowohl Brüssel als auch das Weiße Haus angekündigt haben, werden sicherlich dazu beitragen, den „Trickle Down“-Effekt in ihren Volkswirtschaften zu verbessern.

Weltwirtschaft wie China zu Beginn der 1990er-Jahre

Ein weltweit synchronisierter Wachstumsboom stellt sich nicht ohne Überhitzungserscheinungen ein. Wir erleben bereits einen starken Anstieg der Rohstoffpreise und stehen schon zu Beginn dieses Aufschwungs vor einer Fülle angebotsbedingter Engpässe. Zweifellos könnte die anziehende Konjunktur durch eine Reihe von Faktoren, wie ein Wiederaufflammen des Handelskriegs zwischen den USA und China oder eine neue Variante des Corona-Virus, an Schwung verlieren.

Aber abgesehen von solchen Risiken bläht sich die Weltwirtschaft in einem Tempo auf, wie wir es praktisch noch nie gesehen haben. Vielleicht wird endlich das viele Geld, das die Zentralbanken im vergangenen Jahrzehnt geschaffen haben, tatsächlich genutzt und beginnt ernsthaft zu zirkulieren. Und weil die meisten Zentralbanken den aufkommenden Inflationsdruck ignorieren, wird der globale Wirtschaftsboom nicht durch eine straffe Geldpolitik behindert werden. Daher lassen sich viele Analogien zwischen dem Ende der Pandemie und den „Roaring Twenties“ finden.

Meiner Ansicht nach ist die Öffnung der Weltwirtschaft nach der Pandemie möglicherweise vergleichbar mit der Öffnung der chinesischen Wirtschaft zu Beginn der 1990er-Jahre, auf die eine längere Periode beispiellosen Wirtschaftswachstums folgte.

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