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Softwareentwickler in Bangalore auf dem Weg zur Arbeit Foto: imago images / i Images
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Pandemiebewältigung rund um die Welt

Einige Schwellenländer bieten enormes Wachstumspotenzial

Manraj Sekhon, Franklin Templeton

Die von der Pandemie ausgelöste Korrektur vom März 2020 liegt jetzt ein Jahr zurück. Angeführt von Asien zeigen sich die Schwellenländer relativ widerstandsfähig, da sie sich erfolgreich an das Virus angepasst oder es rigoros eingedämmt haben. Im Gegensatz dazu hängt eine Rückkehr zur wirtschaftlichen Normalität im Westen fast ausschließlich von Impfstoffen ab. Während wir in den USA und Großbritannien rasche Fortschritte bei den Impfungen sehen, bleibt Europa weit zurück und leidet unter anhaltenden Lockdowns und wirtschaftlicher Stagnation.

Ein Jahr nach dem Virusausbruch ist China stärker denn je

In unseren früheren Ausblicken haben wir einige Entwicklungen, die die Schwellenländer heute prägen, bereits vorwegnehmen können: So betonten wir in den frühen Stadien der Pandemie die bemerkenswerte Widerstandsfähigkeit Chinas, die ihren Ursprung in drastischen politischen Maßnahmen hatte. Es zeichnete sich damals schon ab, dass China von den großen Volkswirtschaften letztlich am wenigsten von der Pandemie betroffen sein könnte. Mit Blick auf die entwickelten Länder erwarteten wir größere Risiken durch eine rapide fallende Nachfrage, die aufgrund des dadurch entstehenden Drucks auf die Unternehmen zu einem deflationären Schock führen könnte.

Während die massiven geld- und fiskalpolitischen Maßnahmen in den Industrieländern weltweit mit Optimismus begrüßt wurden, hegten wir Zweifel, ob dies in China zu der von uns erwarteten V-förmigen Erholung führen würde. Unsere Vorsicht hing davon ab, inwieweit die entwickelten Märkte in der Lage sein würden, ihr Engagement gegen die Pandemiefolgen zu verstetigen. Dazu gehörten eine entschlossene Politik (und deren effektive Umsetzung), wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit, unterstützt durch die Digitalisierung, sowie breiter sozialer Zusammenhalt.

Strukturelle Vorteile der Schwellenländer deuten auf rasche Erholung hin

Viele Länder des Westens scheitern an den genannten Faktoren – das Ausmaß der Divergenz zu den erfolgreicheren asiatischen Schwellenländern hat uns dennoch überrascht. Dieses erstaunlich große Auseinanderdriften in den Ergebnissen der Pandemie-Bekämpfung zeigt sich bei den Infektionszahlen, den wirtschaftlichen Auswirkungen, in der zerstrittenen Parteipolitik und im Zusammenhang mit entstehenden sozialen Unruhen – was wiederum die Verbreitung des Virus begünstigt.

Angesichts der anhaltenden Schwäche in den entwickelten Märkten erleben wir eine Fortsetzung der beispiellosen fiskalischen und geldpolitischen Stimulierung. In den Vereinigten Staaten scheinen die langfristigen Auswirkungen auf den Schuldendienst, die beginnende Inflation und die Entwertung der Währung noch weitgehend beherrschbar zu sein. In Europa ist das Risiko, dass eine vorübergehende wirtschaftliche Schwäche in eine strukturelle Stagnation übergeht, umso größer, je länger die Lockerungsmaßnahmen andauern.

Wir sind daher weiterhin der Meinung, dass die Schwellenländer robustere strukturelle Grundlagen für eine rasche Erholung in der Zeit nach der Krise haben. Die wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit der Schwellenländer hat sich in den vergangenen Monaten klar herauskristallisiert.

China will nachhaltigeres Wachstum erreichen

Es ist auffallend, dass China als einzige große Volkswirtschaft im Jahr 2020 ein solides Wachstum aufwies. Angesichts der anhaltend starken Erholung haben die politischen Entscheidungsträger für 2021 ein vorsichtiges Wachstumsziel von 6 Prozent ausgegeben, während der Internationale Währungsfonds sogar von 8 Prozent ausgeht.

Bemerkenswert ist allerdings, dass China erstmals kein längerfristiges durchschnittliches Wachstumsziel bekanntgibt. Begründet wurde der Schritt mit einer stärkeren Betonung von Umwelt- und Sozialreformen und neuen sauberen Technologien – die Wachstumsfolgen einer Umstellung der Wirtschaft auf eine ökologische Grundlage lassen sich offenbar schwer einschätzen. Dennoch signalisieren die Maßnahmen das Bestreben der Regierung nach einem nachhaltigeren und qualitativ hochwertigeren Wachstum auf lange Sicht.

Chinas geld- und fiskalpolitische Stimulierung während der Pandemie fiel weitaus maßvoller aus als im Westen; frühere Perioden der Überhitzung bei Immobilien und Schattenkrediten haben zu einer erhöhten Vorsicht geführt. Dementsprechend sehen wir jetzt in China ein größeres Gleichgewicht zwischen wirtschaftlicher Erholung und politischem Spielraum – ein „Goldliocks“-Umfeld, in dem die Regierung rasch und flexibel auf wirtschaftliche Entwicklungen reagieren kann. Sollte es zu einer Verlangsamung der Wirtschaft kommen, würde es uns nicht überraschen, wenn die chinesische Regierung sich für eine Lockerung ihrer Politik entscheidet.

Wir glauben, dass der Tiefpunkt in den Beziehungen zwischen China und den USA durchschritten ist, obwohl die Spannungen weiterhin hoch bleiben werden. Nach Jahren aggressiver chinesischer Handelspolitik erreicht das US-Handelsdefizit weiterhin neue Höchststände. Wir meinen: Anstatt sich (vergeblich) auf die schwierig zu lösenden Handelsfragen zu konzentrieren, dürften die Vereinigten Staaten eher von innenpolitischen Reformen, Infrastrukturinvestitionen und einer fortschreitenden Digitalisierung ihrer Wirtschaft profitieren.

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