Mit der Abschaffung der E-Autoprämie von einem Tag auf den anderen hat Wirtschaftsminister Robert Habeck die Menschen in Deutschland ziemlich überrascht. Vor allem Käufer, die bereits ein Elektroauto bestellt haben, aber noch keinen Förderantrag stellen konnten, hat der Grünen-Politiker auf dem linken Fuß erwischt. Denn diesen hat Habeck die bis zu 4500 Euro hohe Subvention einfach mal so gestrichen. 

Eigentlich sollte die staatliche Förderung von E-Autos erst Ende 2024 auslaufen oder wenn das Geld verbraucht ist. Planungssicherheit sieht anders aus. Der Autoexperte Professor Ferdinand Dudenhöffer befürchtet jetzt, dass die Konkurrenzfähigkeit der deutschen Automobilwirtschaft durch die Subventionsstreichung stark geschädigt wird.

Politiker verunsichern die Branchen

Schon beim Ringen um das Heizungsgesetz hat der Bundeswirtschaftsminister jede Menge Unmut auf sich gezogen. Habeck ist aber längst nicht der einzige Politiker, der für politische Unsicherheiten sorgt. So hat der britische Premierminister Rishi Sunak nicht nur für die Briten überraschend das Verkaufsverbot neuer Autos mit Verbrennungsmotoren von 2030 auf 2035 verschoben. Auch darauf muss sich die Autoindustrie erst einmal einstellen.

Dementsprechend verschnupft reagierte sie in Großbritannien auf die Verschiebung des Verbrenner-Aus um fünf Jahre. Ford-UK-Chefin Lisa Brankin sagte: „Unsere Branche braucht drei Dinge von der britischen Regierung: Ambitionen, Engagement und Konsistenz.“

Unklare Lage in den USA

In den Vereinigten Staaten sehen sich zwar derzeit nicht die Autohersteller mit mangelnder politischer Stabilität konfrontiert, dafür aber die Betreiber von Offshore-Windparks. Sie kommen in Nöte, weil unter anderem der Bezug steuerlicher Vergünstigungen aus dem dafür eingerichteten Inflation Reduction Act nicht transparent genug geregelt ist. 

Außerdem werfen Branchenvertreter US-Präsident Joe Biden vor, mit dem Subventionsprogramm die Inflation und damit auch die Zinsen zu unterstützen, was die kapitalintensiven Offshore-Windparks ausbremse. Schließlich sorgen die Präsidentschaftswahlen im November 2024 für politische Unsicherheiten. Sollte Donald Trump die Wahl gewinnen, ist bei der Energiewende in den USA eine Vollbremsung beziehungsweise sogar eine Kehrtwende zu befürchten.

 

Elektroautos auf der Überholspur

Für die Investitionstätigkeit von Unternehmen sind jedoch Planungssicherheit und die langfristige Wirtschaftlichkeit von Investitionsprojekten notwendig. International ist eine intensive Konkurrenz um Standortvorteile entbrannt: Zugang zu umweltfreundlicher und günstiger Energie, schnelle Genehmigungsverfahren, Ausbau der digitalen Infrastruktur und Fachkräfteförderung zählen hier zu den entscheidenden Wettbewerbsfaktoren. Das gilt auch und insbesondere für die E-Autoindustrie.

Auch wenn jetzt in Deutschland ein heftiger Dämpfer zu erwarten ist, gibt es weltweit immer mehr Elektroautos. Bei deren Verbreitung ist China, der größte Automarkt der Welt, führend. Die Volksrepublik hat bei der Produktion von E-Autos mittlerweile Platz 1 errungen und drückt die Produktionskosten immer weiter nach unten. Im Jahr 2022 betrug der Durchschnittspreis für ein Elektroauto der Mittelklasse in China, das eine mit europäischen und amerikanischen EVs vergleichbare Reichweite hat, weniger als 30.000 US-Dollar. In Europa und den USA sind es im Vergleich mehr als 40.000 US-Dollar.

Chancen bei der Elektromobilität

Nur mit einem starken Binnenmarkt und einer starken Nachfrage kann Europa die notwendigen Anreize für die Industrie schaffen, hier wichtige Produktionsstandorte und Kapazitäten zu sichern. Das ist aus drei Gründen notwendig.

Ohne eine starke E-Autoindustrie auf den Heimatmärkten geht den europäischen Herstellern die internationale Wettbewerbsfähigkeit verloren. Zweitens lässt sich ohne den Umstieg auf die Elektromobilität die Erwärmung des Klimas wohl kaum begrenzen. Dazu müssen die E-Autos aber grünen Strom laden. Schließlich sind erneuerbare Energien der Schlüssel für Europa, um Energiesicherheit zu erlangen. Noch kommt ein (viel zu) großer Teil des hier verbrauchten Öls und Gas aus politisch unsicheren Ländern.

Anleger sollten diese Herausforderungen als Chancen begreifen. Die bieten sich vor allem im Bereich der Elektromobilität. Die Beschleunigung der Nachfrage nach E-Autos können Anleger nicht nur bei den Automobilherstellern, sondern auch bei attraktiven Unternehmen entlang der gesamten Wertschöpfungskette wie bei Rohstoffen, Batterien, EV-Zubehörteilen und -Technologien sowie Ladestationen finden. Es wäre wünschenswert, wenn hier die Politik eine klare Richtung vorgäbe.

 

Steffen Kunkel Foto: Bethmann Bank

Über den Autor:

Steffen Kunkel arbeitet bei der Bethmann Bank, einer Marke der ABN AMRO Bank N.V. Frankfurt Branch, als Chef-Investmentstratege (Chief Investment Strategist). Davor war der Diplom-Volkswirt unter anderem bei der Credit Suisse und Universal-Investment tätig.