126 Millionen Chinesen verdienen wie Japaner, Warschau ist reicher als Tokio. Eine L&G-Studie zeigt: Schwellenländer werden systematisch falsch bewertet. Zeit, den Blick zu weiten.
Wer ist reicher: Japan oder China? Diese scheinbar einfache Frage offenbart einen fundamentalen Denkfehler in der Bewertung von Schwellenländern. Während Japans Pro-Kopf-Einkommen deutlich über dem chinesischen liegt, übersieht diese Betrachtung eine entscheidende Realität: China beherbergt eine ganze japanische Bevölkerung mit japanischem Wohlstandsniveau – und noch mehr.
„In der Makroökonomie und beim Makro-Investing neigen wir dazu, den Entwicklungsstand eines Landes anhand einer einzigen Zahl zu bewerten, seines BIP pro Kopf“, erklärt Erik Lueth, Emerging-Market-Ökonom bei L&G. Diese Vereinfachung führe jedoch zu erheblichen Verzerrungen, da sie die Einkommensverteilung außer Acht lasse.
Das Problem wird am Vergleich zwischen den USA und den Niederlanden deutlich: Obwohl das amerikanische Pro-Kopf-Einkommen 2024 um 27 Prozent höher lag, verdient der Median-Amerikaner 15 Prozent weniger als sein niederländisches Pendant. Der Grund: Eine kleine Gruppe sehr wohlhabender Amerikaner verzerrt den Durchschnitt nach oben.
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In Emerging Markets verstärkt sich diese Problematik dramatisch. „Die meisten Schwellenländer weisen eine größere Einkommensungleichheit auf als das Vereinigte Königreich“, so Lueth. Das liege an zwei strukturellen Faktoren: Erstens steige die Ungleichheit während der wirtschaftlichen Entwicklung zunächst an, wenn Menschen vom wenig produktiven ländlichen in den hochproduktiven urbanen Sektor wechseln. Zweitens hätten ärmere Länder eine geringere Präferenz für wirtschaftliche Sicherheit gegenüber Wachstum als reichere Staaten.
Die Konsequenz: „Viele Schwellenländer können als entwickelte Volkswirtschaften mit einem Anhängsel von Niedriglohnarbeitern betrachtet werden“, so Lueth. Diese Erkenntnis wird durch konkrete Zahlen untermauert.
Pro-Kopf-Einkommen ausgewählter Städte in US-Dollar
Ein Land aus vielen Ländern
Das verdeutlicht etwa die Einkommensverteilung Chinas: Die reichsten 14 Millionen Chinesen – etwa so viele wie Belgien Einwohner hat – verfügen über ein durchschnittliches Einkommen von 130.000 US-Dollar. Zum Vergleich: Das britische Pro-Kopf-Einkommen liegt bei umgerechnet 53.000 Dollar.
Die reichsten 126 Millionen Chinesen – entsprechend der japanischen Bevölkerung – erreichen ein Einkommensniveau vergleichbar mit Japan. „China kann als eine Kombination von Ländern betrachtet werden, die Japan, Polen, vier Rumänien, drei Türkeien und so weiter umfasst“, heißt es in der L&G-Studie.
Die Dimension wird erst im globalen Kontext deutlich: Insgesamt leben in Emerging Markets knapp 700 Millionen Menschen mit einem Einkommen auf dem Niveau Japans oder höher – das entspricht der kombinierten Bevölkerung der USA und der Eurozone. China stellt dabei nur etwa ein Drittel dieser wohlhabenden EM-Bürger.
Auch andere Schwellenländer lassen sich nach diesem Prinzip neu kategorisieren: Polen entspricht einer Kombination aus Schweden, Ungarn, Bulgarien und Aserbaidschan. Südkorea setzt sich zusammen aus der Schweiz, zwei Neuseelands, Portugal, Ungarn, Serbien und Kirgistan. Besonders deutlich wird der Paradigmenwechsel beim Vergleich von Städten, in denen sich Wohlstand konzentriert. Die L&G-Daten zeigen: Warschau ist reicher als Tokio, Seoul wohlhabender als Birmingham.
Diese Neubewertung sollte Konsequenzen für die Portfolioallokation haben. Die pauschale Kategorisierung von Schwellenländern als einheitlich riskante Anlageklasse wird der Realität nicht mehr gerecht. Stattdessen gilt es, die verborgenen Industrieländer-Segmente in diesen Märkten zu identifizieren und entsprechend zu bewerten. „Wenn Sie das nächste Mal an Schwellenländer denken, denken Sie an entwickelte Volkswirtschaften mit großen Pools von Niedriglohnarbeitern“, lautet das Fazit der Studie.
Das 27-Billionen-Dollar-Universum
Was einst ein Nischensegment war, ist heute ein Koloss: Emerging-Market-Anleihen stellen mit 27 bis 30 Billionen US-Dollar mehr als doppelt so viel Volumen wie der gesamte US-Investment-Grade-Corporate-Markt. Das Segment lockt mit attraktiven Renditen – Lokalwährungs-Bonds bei 6,7 Prozent, Hartwährungs-Papiere 350 Basispunkte über US-Treasuries (Stand: Juni 2025) – und bietet echte Diversifikation. Gleichzeitig werden 2025 allein 8,2 Billionen US-Dollar an Schwellenländer-Schulden fällig. Wer EMD untergewichtet, geht ein deutlich höheres aktives Risiko ein als früher.
Christoph Fröhlich deckt bei DAS INVESTMENT die gesamte Bandbreite der Geldanlage ab – von aktiven Fonds bis zu Bitcoin, von Anleihenmärkten bis KI-Investments. Was ihn antreibt: die Menschen hinter den Zahlen. Diese Neugier hat er sich von der BILD-Lokalredaktion über seine Zeit als stern-Ressortleiter bis heute bewahrt. Nun jongliert er zwischen Fondsmanager-Gesprächen in Hamburg und Fintech-Interviews in Berlin, macht daraus mal LinkedIn-Posts, mal Podcasts. Sein Credo: Gute Geschichten lauern überall – man muss nur die richtigen Fragen stellen.
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