Die Bosporus Brücke in Istanbul. Sie verbindet den asiatischen und den europäischen Teil der türkischen Hauptstadt miteinander. Foto: Getty Images

Die Bosporus Brücke in Istanbul. Sie verbindet den asiatischen und den europäischen Teil der türkischen Hauptstadt miteinander. Foto: Getty Images

Emerging Markets: Getürkte Klischees

Wer hätte das gedacht? „Seit der Bankenkrise 2000/2001 hat sich die Finanzbranche der Türkei zum Musterkandidaten entwickelt. Sie ist Vorbild für Europa und den Rest der Welt“, sagt Carlos von Hardenberg, Analyst und Fondsmanager im Templeton-Emerging-Markets- Team von Mark Mobius.

Der in Istanbul lebende Türkei-Experte erklärt auch gleich, warum: „Nach der Krise haben Politik und Zentralbank die Bankenaufsicht und die Regulierung komplett überarbeitet. Herausgekommen ist eine vorbildliche Transparenz. Einige Zahlen müssen die Banken sogar wöchentlich veröffentlichen.“

Ein weiterer Faktor ist von Hardenberg zufolge die geschäftliche Ausrichtung: „Die Banken haben eine Kernkapitalquote, die zwei bis dreimal so hoch ist wie die 6,5 Prozent der Deutschen Bank. Und dennoch sind türkische Banken immer noch hoch profitabel. Zudem spielt das Investmentbanking in der Türkei kaum eine Rolle.“

Entsprechend hoch sind Banken nahezu in jedem Türkei-Fonds gewichtet. Ercan Güner etwa, Manager des HSBC GIF Turkey Equity (WKN: A0D 9FL), setzt gleich mit zwei Dritteln seines Portfolios auf die Branche. „Ich erwarte, dass die großen Rating-Agenturen im ersten Halbjahr 2013 ihr Rating für die Türkei anheben werden. Am meisten werden davon die türkischen Banken profitieren.“

Bester Aktienmarkt 2012

Aber nicht nur dank der Banken, sondern auch wegen einer allgemein gut laufenden Wirtschaft hat sich der türkische Aktienmarkt seit Jahresbeginn sehr gut entwickelt. Güners Begründung dafür lautet: Anfang 2012 hatte der Markt einen kurzfristigen Rückgang des Wirtschaftswachstums auf ein Prozent erwartet und bereits eingepreist. Ein sogenanntes Hard Landing.

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Stattdessen verlangsamte sich das Wachstum aber nur von 8,5 Prozent (2011) auf 3 bis 4 Prozent. Güner schätzt, dass sich der Aktienmarkt nach der bisherigen Rally nun bis Ende des Jahres seitwärts bewegen wird, bevor er dann 2013 wieder gegenüber anderen Schwellenländermärkten outperformen wird. Ähnlichkeit zu diesen besteht nach wie vor.

Auch in der Türkei sind zurzeit Bevölkerungswachstum, Konsum sowie der Ausbau der Infrastruktur die Themen schlechthin. Hohe Inflationsraten dagegen belasten die Wirtschaft nicht mehr. „Jahrzehntelang lag die Rate zwischen 72 und 100 Prozent. Seit 2003 hat die Zentralbank die Inflation nunmehr bei 5 bis 10 Prozent gehalten“, sagt Güner.

Ein weiteres Türkei-Klischee ist die politische Instabilität des Landes, vor allem die Spannung zwischen demokratischer Verfassung und einer zunehmenden Islamisierung des Landes. „Die Gerüchte über eine versteckte Agenda von Ministerpräsident Erdogan, die Türkei in einen Islamstaat umzuwandeln, haben sich als unwahr entpuppt“, erklärt von Hardenberg. „Große Instabilität gab es dagegen immer dann, wenn eine Koalition an der Regierung war.“

Seit 2002 regiert Recep Erdogans Partei AKP das Land mit absoluter Mehrheit. Die Folgen geopolitischer Spannungen und Risiken dagegen sind entweder wie der Bürgerkrieg in Syrien bereits vom Markt verdaut oder betreffen wie die Iran- Konfrontation die ganze Welt. „Aus dem Iran bezieht die Türkei zwar 60 Prozent ihres Erdöls. Bei Ausbruch eines Konfliktes sollte es aber nicht zu extremen Verwerfungen kommen, denn dafür geht es dem Land mittlerweile zu gut“, erklärt von Hardenberg.

Daran Anteil haben neben den Banken auch weitere Branchen, vor allem die- Konsumgüterhersteller. „Langfristig hat die Branche die besten Wachstumsaussichten, denn die Türkei hat mit einem Durchschnittsalter von 28 Jahren die jüngste Bevölkerung Europas. Sie ist produktiv sowie konsumfreudig und benötigt Wohnraum“, erklärt Stefan Herz, Fondsmanager des Charlemagne Magna Turkey (A0D N7J).

Entsprechend setzt er auf Hersteller von Konsumgütern (12 Prozent) und Werkstoffen (19 Prozent). Eine der größten Einzelpositionen ist etwa der Flughafenbetreiber TAV, der vom demografischen Wandel profitiert.

Europas Autowerkstatt

Ähnlich verfährt auch Pavel Kopecek, der den KBC Equity Fund Turkey (A0M RMD) managt. Sein Favorit für die Zukunft unter den Branchen ist der Automobilsektor. „In der Türkei produzieren mittlerweile wegen der niedrigen Kosten viele Zulieferer aus Europa. Von den Großen sind Ford und Fiat vertreten“, so der Fondsmanager. Aber auch türkische Zulieferer wie Tofas seien attraktiv: „Die Firma ist mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 8,8 günstig bewertet.“

Aber nicht nur der Export von Autos treibt die Entwicklung voran. Die Türkei hat großen Nachholbedarf bei der Motorisierung ihrer Gesellschaft. „Nur 140 von 1.000 Türken besitzen bisher ein Auto. In Osteuropa sind es dagegen schon 250 bis 350 und in Westeuropa rund 500 von 1.000 Verbrauchern“, so HSBC Fondsmanager Güner. Auch das spricht für die Türkei.

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