Patrick Zweifel

Die Renditen von Schwellenländeranleihen hängen laut unseren Analysen von fünf Faktoren ab. Zum ersten Mal seit zwei Jahrzehnten sind vier dieser Faktoren günstig ausgerichtet und könnten damit die Voraussetzungen für eine neue Phase der Outperformance dieser Anlageklasse schaffen.

Die Schwellenländer (Emerging Markets, EM) waren wohl die größte Überraschung des Jahres 2025 an den Finanzmärkten: EM-Staatsanleihen in Lokalwährung stiegen um rund 16 Prozent und auf US-Dollar lautende Unternehmensanleihen legten um 12 Prozent zu. Damit wurden die Zuwächse von nur 3 Prozent bei globalen festverzinslichen Anlagen insgesamt weit übertroffen.1

Die Outperformance ist besonders bemerkenswert, da sie auf ein „verlorenes Jahrzehnt“ voller Enttäuschungen folgt, in dem sich Investoren zu fragen begannen, ob die Schwellenländer überhaupt noch als gängige Anlageklasse betrachtet werden können.

Die starke Performance der Schwellenländeranleihen ist auf mehrere fundamentale Trends zurückzuführen. Unseren Untersuchungen zufolge hängen die Renditen der Anlageklasse von fünf Schlüsselfaktoren ab: Entwicklung der Zinssätze, Stärke des US-Dollars, globale Handelsbedingungen, Rohstoffpreise und Wirtschaftswachstum in China. Vier dieser Faktoren sind mittlerweile positiv und schaffen so günstige Bedingungen für Schwellenländeranleihen wie seit zwei Jahrzehnten nicht mehr.

1. Geldpolitische Lockerung

Die Zentralbankpolitik in den Schwellenländern ist restriktiv, normalisiert sich aber – ein insgesamt günstiges Zusammenspiel für Schwellenländeranleihen. Obwohl der gewichtete durchschnittliche Leitzins der Zentralbanken auf 6,3 Prozent gesunken ist, den niedrigsten Wert seit dem Zeitraum 2003 bis 2008, liegt er immer noch deutlich über dem von uns geschätzten neutralen Zinssatz von etwa 5,5 Prozent (siehe Grafik 1). Da das Wirtschaftswachstum nahe am Potenzial liegt (bei etwa 4 Prozent) und die Inflation auf 3 Prozent zurückgeht, erwarten wir eine weitere Normalisierung der Geldpolitik, was sich positiv auf Anleihen auswirkt. Darüber hinaus liegen die durchschnittlichen (inflationsbereinigten) Realzinsen über 3 Prozent, einem Niveau, das in der Vergangenheit mit Phasen einer starken Wertentwicklung von Schwellenländeranlagen zusammenfiel.2

Grafik 1: Zinssenkungen in Sicht

EM-Leitzinsen auf Basis des benchmarkgewichteten GBI-EM Index. Quelle: Pictet Asset Management, CEIC, Refinitiv. Daten für den Zeitraum 01.01.1980–30.10.2025.

2. Anhaltende Schwäche des US-Dollar

Der US-Dollar hat seit Jahresbeginn um 9 Prozent gegenüber einem handelsgewichteten Währungskorb abgewertet. Diese Schwäche dürfte sich nach unserer Einschätzung angesichts des konjunkturellen und strukturellen Drucks fortsetzen. Das US-Wachstum kühlt sich ab, die US-Notenbank senkt die Zinssätze und die Risikoprämien sinken. Auch strukturelle Trends schwächen den US-Dollar.

Wie wir in unserem Secular Outlook dargelegt haben, bewegt sich die Welt weg von einem von den USA dominierten System hin zu einem multipolaren System, in dem der Greenback einen Teil seiner Vormachtstellung einbüßt. Seit 2014 ist der Anteil des US-Dollar an den weltweiten Devisenreserven von 66 auf 58 Prozent gesunken, da die Attraktivität von US-Anlagen abgenommen hat – weil diese zunehmend als Waffe instrumentalisiert werden.

Diese Entwicklung hat einige Länder, vor allem Schwellenländer, dazu veranlasst, sich nach Alternativen umzuschauen. Wirtschaftssanktionen und die Drohung der USA, Volkswirtschaften vom SWIFT-Zahlungssystem auszuschließen, gefährden die bisher als sicher geltenden Dollarreserven.

Die Politik von US-Präsident Donald Trump hat diesen Trend durch die Androhung von Steuern auf ausländische Anlagewerte, die Ausweitung des US-Haushaltsdefizits und die offen feindselige Rhetorik seiner Regierung, die die Unabhängigkeit inländischer Institutionen (etwa der Fed) ins Wanken bringen könnte, noch verschärft.

Vor dem Hintergrund des Wirtschaftspopulismus und der institutionellen Instabilität ist der US-Dollar möglicherweise immer noch zu hoch bewertet: Laut unserer Analyse liegt der Kurs fast zwei Standardabweichungen über seinem Fundamentalwert, während die Währungen der Schwellenländer weiterhin um 8 bis 11 Prozent unterbewertet sind (siehe Grafik 2). Eine weitere Abwertung scheint daher wahrscheinlich – was Schwellenländeranlagen in die Hände spielen wird.

Grafik 2: Zeichen stehen auf Aufwertung

Die Bewertungen der Schwellenländerwährungen basieren auf dem ungewichteten Durchschnitt von 31 Schwellenländer-Wechselkursen zum US-Dollar. Gleichgewicht auf der Grundlage relativer Preise, relativer Produktivitäten und Nettoauslandsvermögen. Quelle: Pictet Asset Management, CEIC, Refinitiv, Bloomberg. Daten für den Zeitraum 01.01.1980–30.10.2025.

3. Welthandel trotzt US-Zöllen

Zölle und geopolitisches Säbelrasseln haben die Aussichten für den internationalen Handel eingetrübt. Doch bisher haben sich alle Befürchtungen als unbegründet erwiesen, vielmehr liegen die weltweiten Exporte mittlerweile über dem Niveau vor der Pandemie. Das liegt zum Teil daran, dass die US-Importe nur 13 Prozent des Welthandels ausmachen – nicht genug, um den allgemeinen Trend zu diktieren. Die durchschnittlichen US-Zölle sind auf 18 Prozent gestiegen, daher gehen wir davon aus, dass das US-Importvolumen um nur 2 Prozentpunkte zurückgehen wird.

Angesichts des zunehmenden Handels zwischen den Schwellenländern schlägt dieser Rückgang sogar noch weniger zu Buche – etwa 46 Prozent der Exporte der Schwellenländer gehen heute in andere Schwellen- und Entwicklungsländer, im Jahr 2000 waren es noch 23 Prozent.

Ebenso ermutigend ist die Tatsache, dass die Zahl der Freihandelsabkommen weiter zunimmt, unter der Federführung der Europäischen Union, die vor kurzem Abkommen mit Indonesien unterzeichnet hat und Verhandlungen über Abkommen mit Indien, dem südamerikanischen Handelsblock Mercosur und mehreren südostasiatischen Ländern führt. Der Welthandel verändert sich also eher, als dass er abnimmt.

4. Rohstoffe erholen sich

Die Rohstoffpreise ziehen an. Im Jahresvergleich sind sie um etwa 5 Prozent gestiegen, allen voran Edel- und Industriemetalle. Unterstützt wird dieser Trend durch einen schwächeren US-Dollar, die Erholung im globalen verarbeitenden Gewerbe und die Energiewende (bei Kupfer zum Beispiel ist die Nachfrage sehr hoch, egal ob für Solarmodule oder Elektrofahrzeuge). Umfangreiche Investitionen in energie- und metallintensive Infrastruktur zur Unterstützung des KI-Booms verstärken diesen Trend noch.

Für Rohstoffexporteure, von denen viele in den Schwellenländern ansässig sind, ist das Umfeld doppelt günstig: Durch steigende Preise verbessern sich die Handelsbedingungen, während die Bemühungen um wirtschaftliche Diversifizierung in der Golfregion (Saudi-Arabien, VAE) die Abhängigkeit von Erdöl und die makroökonomische Volatilität, die mit weniger diversifizierten Volkswirtschaften einhergeht, verringern. 

5. Einziger Wehrmutstropfen: China

China ist der einzige unserer fünf Faktoren, der für Schwellenländeranleihen eher neutral als positiv ist, obwohl es auch hier Gründe für Optimismus gibt. Die chinesische Wirtschaft normalisiert sich nach einer starken ersten Jahreshälfte 2025. Das Investitionsgeschehen in der Industrie kühlt sich ab, aber das ist gewollt, denn Chinas Politik zielt darauf ab, exzessive Kapazitätsausweitungen zu bremsen, Preisdumping zu verhindern und die Unternehmensrentabilität zu stabilisieren.

Der unmittelbare Effekt ist zwar ein langsameres Wachstum, dafür aber sind die mittelfristigen Vorteile sehr konkret: eine Wirtschaft, die weniger von Subventionen abhängig ist und in der die Löhne – und damit auch die Preise – potenziell steigen.

Diese Veränderung, so unspektakulär sie auch sein mag, würde die Gewinnspannen südkoreanischer Hersteller und anderer asiatischer Volkswirtschaften, die dem chinesischen Wettbewerb ausgesetzt sind, entlasten – und das würde sich positiv auf die globalen Märkte auswirken. Darüber hinaus dürfte die chinesische Wirtschaft von den Finanzhilfen für die privaten Haushalte profitieren. Einige Maßnahmen wurden bereits angekündigt, andere wurden im jüngsten Fünfjahresplan angedeutet.

Die Schwellenländer manövrieren sich also aus der jahrelangen Phase struktureller Belastungen heraus. Ihre jüngste Outperformance ist keine technische Erholung, sondern spiegelt einen tieferen dynamischen Wandel wider. Dies könnte der Beginn einer neuen Ordnung sein, in der die Schwellenländer nicht mehr nur ein Spiegelbild der Industrieländer sind, sondern wieder deren treibende Kraft werden.

 1 JP Morgan Global Bond Index-Emerging Markets (GBI-EM), Emerging Markets Bond Index (EMBI), Global Bond Index (GBI) Stand 30.10.2025.

2 Berechnet als nominaler Leitzins minus VPI-Inflation, GBI-EM benchmarkgewichtet.