Das militärische Eingreifen der USA in Venezuela ist keine regionale Eskalation, sondern ein globales Signal: Im Interview erklärt Arun Sai, welche strukturellen Trends hinter dem geopolitischen Konflikt stehen – und warum sie die Dynamik der globalen Anleihenmärkte nachhaltig verändern. Er rechnet mit einer weiteren Abwertung des US-Dollars und einem anhaltenden Aufwärtstrend für Schwellenländeranleihen.

DAS INVESTMENT: Herr Sai, hat sich durch die Intervention der USA in Venezuela etwas am strategischen Umfeld für Investoren geändert?

Arun Sai: Wir sehen eine anhaltende Tendenz, Portfolios umzuschichten und weg von den USA zu diversifizieren – nachvollziehbar angesichts der Tatsache, dass auf die USA 64 Prozent der weltweiten Aktienmarktkapitalisierung entfallen, sie aber nur etwa ein Viertel der globalen Wirtschaftsleistung ausmachen. Diese Umschichtung, die Raymond Sagayam, Co-CEO von Pictet Asset Management, als „De-USifizierung“ bezeichnet, ist nicht gegen die USA gerichtet, sondern spiegelt vielmehr die Abschwächung des US-Exzeptionalismus und die Erkenntnis der Marktteilnehmer wider, dass es auch außerhalb der USA attraktive Anlagechancen gibt.

64
Prozent
der weltweiten Aktienmarktkapitalisierung entfallen auf die USA – aber nur etwa ein Viertel der globalen Wirtschaftsleistung. - Arun Sai, Senior Multi-Asset-Stratege bei Pictet Asset Management

 

Was bedeutet diese Entwicklung für den US-Dollar?

Sai: Der US-Dollar hat 2025 gegenüber einem Korb von Währungen um knapp 10 Prozent abgewertet. Die Umschichtungen der Portfolios weltweit deuten darauf hin, dass sich die Entwicklung in diesem Jahr fortsetzen wird, zumal die Investoren angesichts der unbeständigen Haltung der USA in den internationalen Beziehungen unruhig werden.

Die Dollarschwäche könnte sich noch verstärken, wenn es Präsident Donald Trump gelingen sollte, die US-Notenbank zu Zinssenkungen zu drängen, die nicht gerechtfertigt wären.

Auf welche Auswirkungen sollten sich Anleger in US-Staatsanleihen einstellen?

Sai: Eine lockere Geldpolitik würde sich tendenziell positiv auf das vordere Ende der US-Renditekurve auswirken, aber die Höhe der US-Laufzeitprämie – die zusätzliche Vergütung, die Investoren für Investitionen in Anlagen mit längerer Laufzeit verlangen – scheint zu niedrig zu sein. Es besteht die Gefahr, dass ein geldpolitischer Fehler der USA die Renditen länger laufender Anleihen in die Höhe treibt, oder mit anderen Worten, dass es zu einem Ausverkauf von US-Staatsanleihen kommt. Das würde sich wiederum negativ auf Aktien auswirken, ungeachtet der guten Fundamentaldaten der US-Unternehmen. In unserem Basisszenario gehen wir davon aus, dass die Renditen 10-jähriger US-Staatsanleihen unter 5 Prozent bleiben, aber höhere Renditen stellen nach wie vor ein erhebliches Extremrisiko dar.

Wie lassen sich die Risiken eingrenzen?

Sai: US-Staatsanleihen bleiben zweifellos ein zentraler Baustein globaler Portfolios. Doch die Unberechenbarkeit der US-Außenpolitik ist ein Risikofaktor, der aktiv gemanagt werden muss. Eine gezielte Absicherung ist daher unerlässlich. Ein zentraler Baustein ist Gold, das sowohl als geopolitischer Schutz als auch als natürliche Absicherung gegenüber dem US-Dollar fungiert.

Was könnte sich durch die von den USA bewirkte politische Dynamik für Investoren in lateinamerikanischen Anleihen und Währungen ändern?

Sai: Die Außenpolitik der USA ist heute so stark auf Nord- und Südamerika ausgerichtet wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Gleichzeitig hat sich das politische Kräfteverhältnis in Südamerika spürbar nach rechts verschoben – ein Trend, der durch den Kurs Washingtons zusätzlich verstärkt wird.

Dass die USA sich politisch und wirtschaftlich stärker in der Region engagieren, sendet zudem ein wichtiges Signal: Washington ist offenbar bereit, diese Volkswirtschaften direkter zu stützen. Ein Beispiel dafür ist die Stabilisierung des argentinischen Peso im Oktober 2025 durch ein milliardenschweres Währungstauschabkommen. Für Anleger bedeutet das: Das wahrgenommene Ausfall- und Währungsrisiko sinkt – und damit auch die Risikoprämien, die Investoren für lateinamerikanische Anleihen und Währungen verlangen.

Zwar entsteht durch diese Vorgehensweise der USA ein gewisses „moralisches Risiko“, weil sich Regierungen auf externe Hilfe verlassen könnten. Gleichzeitig verbessert sich jedoch die Finanzierungsbasis vieler Länder.

Hinzu kommt ein zweiter, strategisch wichtiger Faktor: Südamerikanischen Staaten ist es gelungen, ihre Rohstoffstärke gegenüber China in Handels- und Investitionsvorteile umzuwandeln – auch wenn die USA versuchen, den chinesischen Einfluss in der Region zu begrenzen. Das verschafft den Ländern zusätzlichen Spielraum und stärkt ihre wirtschaftliche Verhandlungsposition (siehe Grafik).

Grafik: Handelsplätze

Quelle: CEIC, Pictet Asset Management. Daten für den Zeitraum 01.01.2000–01.08.2025

Vor allem lateinamerikanische Staatsanleihen in Hartwährung profitieren davon. Sie werden für Investoren zunehmend attraktiver – letztlich auch im Vergleich zu asiatischen Anleihen, deren Renditen bereits deutlich unter Druck stehen.

Bei Lokalwährungsanleihen ist die Sache nicht ganz so klar. Zwar sprechen die politische Stabilisierung und die stärkere internationale Einbindung für die Region. Währungsgewinne sind daher möglich, aber nicht garantiert – die Erträge hängen stärker von der jeweiligen Landespolitik und der wirtschaftlichen Entwicklung ab.

Abschließend: Wie wirken sich die aktuellen weltweiten politischen und geopolitischen Entwicklungen auf die Attraktivität von Anleihen aus Schwellenländern aus?

Sai: Die strukturellen Argumente für Allokationen in Schwellenländeranleihen sind sehr überzeugend. Trotz ihrer Rally in 2025 sind Schwellenländeranleihen immer noch relativ günstig.

Sie dürften außerdem von gerechtfertigten geldpolitischen Lockerungen profitieren. Die Zinssätze in den Schwellenländern lagen im Durchschnitt bei 5,5 Prozent, in einem weitgehend inflationsarmen Umfeld. Wir sehen Potenzial für weitere Zinssenkungen um 1,5 Prozent.

Aber die Schwellenländer wachsen nicht nur deutlich schneller als die entwickelten Märkte – auch ihre zentrale Rolle in der globalen KI-Lieferkette lässt sie direkt vom Boom dieser Schlüsseltechnologie profitieren.

Zur Person

Arun Sai ist Senior Multi‑Asset‑Stratege bei Pictet Asset Management, wo er seit 2020 vor allem makroökonomische und renditedynamische Analysen für Multi‑Asset‑Portfolios verantwortet. Zuvor arbeitete er neun Jahre als Emerging Markets‑Stratege bei Credit Suisse.