DAS INVESTMENT: Herr Vogel, der Energieverbrauch von KI-Modellen ist hoch. Können Sie den Bedarf genauer beschreiben und anschaulich machen?

Patrick Vogel: Das stimmt, der Energiebedarf von künstlichen Intelligenz-Modellen ist hoch und nimmt immer weiter zu. So wurde beispielsweise Llama 3, das KI-Modell von Meta, mit 25.000 Nvidia-Chips trainiert, bei Llama 4 geht es auf 100.000 zu. Allein durch diese Zunahme steigt der Energieverbrauch dramatisch – nämlich exponentiell.

So benötigt ein kleines Rechenzentrum je nach Größe zwischen 20 und 100 Megawatt Dauerleistung – das entspricht dem Stromverbrauch einer Stadt mit 50.000 Einwohnern. Aber die großen Rechenzentren für die KI sind mittlerweile im Gigawatt-Bereich. Und durch die Durchdringung von KI-Anwendungen in nahezu allen Wirtschaftssektoren wird dieser Bedarf in den kommenden Jahren erheblich steigen.

Für die USA werden bis 2029 rund 60 Gigawatt zusätzliche Kapazität für Rechenzentren und KI-Anwendungen prognostiziert. Welche Auswirkungen hat dieser massive Anstieg auf Energieversorger und deren Investitionsstrategien?

Vogel: Wir sehen, dass US-Stromversorger ihre Investitionspläne für die Zukunft bereits in einem nie dagewesenen Maß angehoben haben. Zum Hintergrund: Von 1950 bis 2000 gab es in den USA einen Gleichlauf aus realem Wirtschaftswachstum und Stromnachfrage. Doch seit den 2000er-Jahren hat sich das entkoppelt. Die Wirtschaft wuchs weiter, aber die Stromnachfrage stagnierte, weil die Wirtschaft serviceorientierter wurde und Effizienzsteigerungen – zum Beispiel durch LED-Lampen – den Verbrauch reduzierten.

Jetzt ändern sich die Rahmenbedingungen grundlegend. Zum einen benötigen wir durch die Digitalisierung und KI plötzlich deutlich mehr Strom. Zum anderen holt die USA viele Industrieproduktionen zurück ins Land, was ebenfalls den Strombedarf erhöht. Und nicht zuletzt wächst auch der Bedarf durch mehr Klimaanlagen in der Gebäudetechnik. All das bedeutet: Die USA brauchen mehr Kapazitäten und vor allem ein besseres Stromnetz.

Eine Beschleunigung des Netzausbaus in den USA ist folglich unabdingbar. Können Sie Unternehmen nennen, die besonders von dieser Entwicklung profitieren werden?

Vogel: In jedem historischen Goldrausch haben sich Investitionen in die Schaufelhersteller als am sichersten erwiesen. Man sollte also überlegen: Wer sind die Unternehmen, die den Netzausbau umsetzen? Bei den Projektentwicklern in den USA ist zum Beispiel Quanta Services eine Position in unserem Portfolio.

Im Bereich der Netzinfrastruktur gibt es mehrere spannende Segmente: Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung (HGÜ), intelligente Netze und Energiespeicher. Die Wertschöpfungskette reicht von Komponentenherstellern über Netzausrüster bis hin zu Projektentwicklern und Netzbetreibern. Unternehmen aus unserem Portfolio wie Prysmianoder Nexans, die Unterseekabel herstellen, profitieren beispielsweise vom Ausbau der Offshore-Windparks.

In Europa investiert etwa E.ON 25 Prozent ihrer Gesamtinvestitionen in intelligente Stromnetze, die Smart Grids. Warum? Studien von BCG und auch E.ON selbst zeigen, dass intelligentere Netze die Energiewende effizienter machen. Für Smart Grids braucht man Sensoren und Netzsteuerungstechnologie. Hier sind Unternehmen wie ABB aus der Schweiz führend. Auch US-Unternehmen wie Eaton oder Hubbell sind in diesem Bereich stark positioniert.

 

Bleiben wir bei den USA, speziell bei Energieinfrastruktur und Rechenzentren. Welche Regionen oder Projekte beobachten Sie derzeit besonders für Ihr Portfolio?

Vogel: Interessanterweise entstanden Rechenzentren früher vor allem an Internet-Knotenpunkten. Heute schauen die Betreiber eher danach, wo sie günstig Land und günstige Strompreise bekommen – und vor allem, wo sie schnell bauen können. Schnelligkeit ist für die Rechenzentren-Betreiber entscheidend, denn sie wollen nicht fünf Jahre auf einen Hausanschluss warten, sondern rasch aufbauen.

Günstige Flächen und Strompreise bei schneller Realisierbarkeit findet man in den USA oft an den Küstenlinien, besonders in Arizona und Texas. Dort ist schon viel in der Entwicklung.

Schauen wir nach Deutschland: Der bayerische Ministerpräsident Söder möchte Bayern zu einem KI-Hotspot entwickeln, was einen enormen Energiebedarf von mehreren Gigawatt bedeuten würde. Wie realistisch ist es, dass er diese Pläne zeitnah in Bayern umsetzen kann?

Vogel: Das ist genau das Problem, das wir gerade angesprochen haben. Um Bayern als KI-Standort zu positionieren, braucht man Rechenzentren mit entsprechenden Kapazitäten. Ein größeres Rechenzentrum verbraucht so viel Strom wie die gesamte Stadt Regensburg. Das bedeutet, man benötigt neue Kabel, Umspannwerke und Kapazitäten – keine leichte Aufgabe. Hinzu kommt, dass wir wissen, wie kompliziert es ist, in Bayern etwas Neues aufzubauen, und die Bodenpreise dort nicht gerade niedrig sind.

In Europa sieht man diesen Aufbau aktuell eher außerhalb Deutschlands. In Spanien beispielsweise wird deutlich mehr investiert, besonders in der Region Aragon zwischen Madrid und Barcelona. Dort gibt es viel günstiges, brachliegendes Land. Zudem hat Spanien einen deutlich günstigeren Strompreis als Deutschland, dank eines hohen Anteils an Photovoltaik und Wind, 20 Prozent Kernenergie und günstigem LNG. Kurz gesagt: Die großen Projekte finden aktuell eher nicht in Deutschland statt, sondern punktuell anderswo in Europa.

Wie sollte das Wachstum bei Photovoltaik und Wind ausfallen? Wird sich der Kapazitätsmix bis 2050 global gesehen grundlegend ändern?

Vogel: Angesichts des vermeintlichen Abgesangs auf erneuerbare Energien ist das eine spannende Frage. Trump propagiert „Drill Baby, Drill“, Offshore-Wind wird in den USA verteufelt – aber was passiert wirklich? Bei TBF blenden wir die politische Rhetorik aus und fokussieren uns auf wirtschaftliche Fakten. Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Laut IEA soll sich die installierte Kapazität erneuerbarer Energien bis 2030 verdreifachen, der weltweite Strombedarf bis 2050 mindestens verdoppeln.

Politische Statements können diese Entwicklung kaum aufhalten. Wer schnell ein Rechenzentrum bauen will, hat verschiedene Optionen. Die Kernenergie erlebt eine Renaissance, doch selbst bei Vorreitern wie NuScale Power oder Hitachi gehen neue Anlagen frühestens ab 2035 ans Netz. Für den schnellen Ausbau von KI ist Kernkraft daher keine kurzfristige Lösung.

Was ist mit Gas?

Vogel: Siemens Energy und Mitsubishi Heavy sind mit Gasturbinen bis 2028 ausverkauft – Alternativen sind gefragt. Wind- und Solarenergie bieten im Energienotstand schnelle Lösungen: Onshore-Windparks benötigen rund 16 Monate bis zum Netzanschluss, Photovoltaik oft noch weniger. Schon unter Trump wuchs der Ausbau. Spannend dabei: Rechenzentren von Meta und OpenAI setzen verstärkt auf „behind the meter“-Lösungen, also eigene erneuerbare Energiequellen – schneller und flexibler als regulierte Versorger.

Wie lässt sich die Entwicklung dieser immer höheren Energienachfrage mit den Klimazielen vereinbaren? Welche technologischen Lösungen sehen Sie da in erster Linie?

Vogel: Man muss hier differenziert denken. Die Gesetze der Photovoltaik sind weltweit gleich: Abends geht die Sonne unter, morgens geht sie wieder auf. Wir brauchen möglichst rasch steuerbare Energiekapazitäten zum Ausgleich.

Batteriespeicher sind dabei nur ein Teil der Lösung. Wir können gar nicht so viele Batterien bauen, um damit über den Winter zu kommen – das wäre zu kurz gedacht. Wir müssen immer den gesamten Energiemix betrachten.

Erneuerbare Energien werden ihr starkes Wachstum fortsetzen, begleitet von verschiedenen Energieträgern wie Batteriesystemen. Auch Wasserkraft wird genannt, aber man kann nur begrenzt neue Staudämme bauen. Daher wird man auch auf Gaskraftwerke zurückgreifen müssen, vielleicht mit CO2-Speicherlösungen, um umweltverträglicher zu sein.

Kommen wir zu dem von Ihnen gemanagten TBF SMART POWER Fonds. Er fokussiert fast vollständig auf Energieübertragung statt Erzeugung. Was waren die wichtigsten Faktoren für diese Entscheidung?

Vogel: Erneuerbare Energien wachsen rasant, doch das Stromnetz hält nicht Schritt – ein globales Problem von Deutschland bis Pakistan. Die Netze sind überlastet, und Schwankungen nehmen zu. Ohne gezielten Ausbau und Steuerung bleibt die Energiewende begrenzt. Die Zahlen verdeutlichen den Handlungsdruck: Bis 2030 sind in Europa 584 Milliarden Euro für das Übertragungsnetz nötig, weltweit bis 2040 rund 10 Billionen US-Dollar. Der Investitionsbedarf ist gewaltig.

Ohne den Netzausbau als Investitionstreiber in der Energiewende geht es folglich nicht. Aber warum sind Erzeuger erneuerbarer Energien weniger attraktiv für Investoren?

Vogel: Als Investoren streben wir nachhaltigen Mehrwert an und setzen auf Unternehmen mit starken Margen und Wachstumspotenzial. Während der Photovoltaikmarkt unter starkem Preisdruck leidet, bieten Netzinfrastrukturen stabile Margen und strukturelles Wachstum. Unternehmen wie Siemens Energy und Schneider Electric profitieren von diesem Trend. Deshalb legen wir den Fokus zunächst auf den Ausbau der Stromnetze – denn sie sind die Voraussetzung für eine erfolgreiche Erweiterung erneuerbarer Energien. Oder, wie es heißt: „Die Energiewende ist auch eine Übertragungswende.“ Erst müssen die Netze ausgebaut werden, dann kann die erneuerbare Energie folgen.

Über den Interviewten:

Patrick Vogel ist Investment-Experte und Fondsmanager des TBF SMART POWER Fonds, mit Fokus auf globale Energieinfrastruktur und Netzausbau.

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