Scalable-Capital-Gründer Erik Podzuweit steht wie kaum ein anderer für den digitalen Wandel der Investmentwelt. Im Interview erklärt er, warum Cloud-Technologie und Smartphones den Kapitalmarkt demokratisiert haben, welche Rolle künstliche Intelligenz künftig im Brokerage spielt – und warum „Investieren für alle“ weit mehr ist als ein Werbeslogan. Ein Gespräch über Technologie, Verantwortung und die nächste Welle finanzieller Selbstbestimmung.

DAS INVESTMENT: Welche technischen oder regulatorischen Sprünge der letzten 20 Jahre waren entscheidend, damit ein rein digitales Geschäftsmodell wie Scalable Capital überhaupt möglich wurde?

Erik Podzuweit: Wir profitieren von einer ganzen Reihe technologischer Sprünge. Prinzipiell hat das Internet natürlich alles verändert, aber der wirkliche Gamechanger waren Smartphones und Tablets als mobile Devices mit intuitiver Benutzerführung und dementsprechend niedrigen Zugangshürden. Im Hintergrund sorgen Cloud-Lösungen und clevere Schnittstellen (APIs) dafür, dass alles reibungslos und sicher läuft – und zwar rund um die Uhr. 

Auf der regulatorischen Seite hat vor allem die kontinuierliche Weiterentwicklung der Ucits- beziehungsweise Owaw-Richtlinien den Weg geebnet. Bei anderen Regulierungs-Themen gibt es dagegen noch einiges an Verbesserungsbedarf, um die grenzüberschreitende Skalierung digitaler Geschäftsmodelle innerhalb der EU zu erleichtern – übrigens nicht nur im Finanzbereich.

Technologischer Hebel: Welche einzelne Tech‑Innovation (zum Beispiel Online‑Brokerage 1996, Smartphone 2007, Cloud‑Computing, KI‑Algorithmen) hat deiner Meinung nach den größten Schub für die Demokratisierung des Fondssparens gebracht?

Podzuweit: Man kann das nicht auf eine einzelne Innovation reduzieren, sondern muss das Zusammenspiel aus Cloud-Technologie und mobilen Endgeräten sehen. Die Software leistet im Hintergrund, dass alles sicher, zuverlässig und kosteneffizient läuft. Dadurch ist die ganze Abwicklung zu marginalen Kosten darstellbar – und diesen Vorteil geben wir an unsere Kundinnen und Kunden weiter. 

Und das Smartphone sorgt dafür, dass wir heute nicht nur „Börse in der Hosentasche“ haben können, sondern auch die Benutzerführung niederschwelliger und fokussierter gestaltet werden muss. Unsere App ist ungleich einfacher zu bedienen als klassische Online-Depotzugänge. Das senkt die Zugangshürden im Sinne unserer Mission „Investieren für alle“.

ETF‑Sparpläne ab 1 Euro und „Flat‑Fee‑Broker“ haben das Sparen demokratisiert. Welche drei Faktoren erklären aus deiner Sicht den rasanten ETF‑Aufstieg in Deutschland?

Podzuweit: Der ETF-Boom in Deutschland lässt sich wirklich auf drei starke Faktoren zurückführen, die perfekt ineinandergegriffen haben. Erstens bieten ETFs eine breite und systematische Diversifikation zu marginalen Kosten – vor allem, weil der Wettbewerb unter den Anbietern die Gebühren kräftig gedrückt hat und immer noch drückt.

Zweitens haben digitale Investmentplattformen wie Scalable Capital das Ganze nochmal auf ein neues Level gehoben. Die aus der Kundenperspektive gedachte Übersetzung von ETF – einfach, transparent, fair – spiegelt sich in der Nutzererfahrung wider: Voll digitale Depoteröffnung, revolutionär günstige Konditionen (kostenlose ETF-Sparpläne, Trading-Flatrade PRIME+), intuitive Oberflächen für jedes Endgerät und speziell auf die Bedürfnisse von Privatanlegern zugeschnittene Handelsplätze wie die European Investor Exchange, die wir zusammen mit der Börse Hannover aufgesetzt haben haben.

Und drittens gibt es mittlerweile neben klassischen Medien eine immense Auswahl an kostenlosen und seriösen Finanzbildungsangeboten auf allen denkbaren Kanälen – egal, ob Blogs, Youtube, Podcasts oder Social Media. 

Das alles zusammen hat ETFs und Sparpläne endgültig massentauglich gemacht und das Thema Geldanlage für viele erst so richtig aufgeschlossen.

Wie unterschiedlich gingen Retail‑Kunden 2005 und 2025 mit Kurs­schwankungen um und welche Rolle spielen Mobile‑Apps dabei (Stichwort: Push‑Benachrichtigung vs. Tageszeitung)?

Podzuweit: Retail-Anleger haben heute einen einfacheren und schnelleren Zugang zu (Finanz-)Nachrichten als vor 20 Jahren. Gleichzeitig haben viele Finanzbildungsangebote dazu beigetragen, dass private Anlegerinnen und Anleger vom Mindset her viel besser in der Lage sind, das „Rauschen“ der Tagesaktualität auszublenden und langfristige Investment-Strategien umzusetzen und durchzuhalten. 

Aktive ETFs & tokenisierte Fonds: Wann werden aktive ETF-Strategien und tokenisierte Fonds eine spürbare Rolle auf eurer Plattform spielen?

Podzuweit: Der Fokus der Kundinnen und Kunden im Scalable Broker liegt auf kostengünstigen ETFs auf marktbreite Indices. Aktive ETFs verzeichnen Wachstum, werden allerdings bislang vor allem als Beimischung im Rahmen von Core/Satellite-Strategien eingesetzt – wobei ihr Anteil in dem Maß steigen wird, wie Produkte mit nachvollziehbarem Mehrwert gegenüber Standard-ETFs verfügbar sind. 

Tokenisierte Fonds sind ein Zukunftsthema, das aber erst gegen Ende des Jahrzehnts massenbreit relevant werden dürfte – sofern mit der Tokenisierung sichtbare Vorteile verbunden sind, etwa im Hinblick auf die Kosten.

Wie viel menschliche Begleitung braucht ein digitaler Broker im Jahr 2025 noch, wenn KI‑Tools immer stärker werden? Und wo bleibt der Mensch auch in den kommenden Jahren unverzichtbar?

Podzuweit: KI hilft, Prozesse zu automatisieren und zu optimieren – vor allem im Back-end, aber auch beim Navigieren innerhalb der App. So unterstützt unsere KI „Insights“ bei der Suche nach Wertpapieren oder Nachrichten oder bei der Erläuterung von Fachbegriffen. Ein anderes ganz konkretes Beispiel: Unsere Funktion „Smart Predict“ zeigt die Wahrscheinlichkeit an, mit der eine Limit- oder Stop-Order innerhalb der nächsten Stunde ausgeführt wird. Dies erhöht die Qualität der Orders und hilft, sinnvolle Limits/Stopps zu setzen.

Generell schauen wir uns immer an, wie KI das Kundenerlebnis verbessern kann. Unverzichtbar bleibt der Mensch überall dort, wo es in besonderer Weise um Empathie und Vertrauen geht – etwa bei der Bearbeitung komplexer Sachverhalte oder bei der Einordnung des Marktgeschehens.

Mit Eltif & Evergreen‑Strukturen rücken Private Equity, Private Credit und Infrastruktur näher an Privatanleger. Welche Hürden (Liquidität, Mindestbeträge, Bildung) müssen aus deiner Sicht fallen, bevor solche Produkte auf eurer Plattform wirklich massentauglich werden?

Podzuweit: Im Scalable Broker kann man bereits über einen Eltif in Private Equity investieren. Die regulatorischen und technischen Strukturen sind also gelegt – nun gilt es, diese für Privatanleger neue Anlageklasse genau so zu erklären, wie das bei ETFs erfolgreich gelungen ist: Einfach, transparent und fair.

Wir geben im Scalable Broker keine Anlageempfehlungen und machen keine Anlageberatung. Unser Anspruch ist, dass Kundinnen und Kunden Produkte und Märkte verstehen und eine selbstbestimmte Anlageentscheidung treffen können – diesem Ziel dienen auch unsere eigenen Content-Angebote wie Newsletter, Podcasts oder Erklärvideos. Nicht nur bei Eltifs, sondern generell.

Der Frauenanteil in eurer Kundschaft stieg laut Firmenangaben von 7 Prozent (2020) auf 24  Prozent (2022). Welche Maßnahmen waren am wirkungsvollsten? Und welche Formate plant ihr, um die nächste Bildungslücke zu schließen?

Podzuweit: 24 Prozent sind noch viel zu wenig. Um mehr Bewusstsein dafür zu schaffen, haben wir vor einigen Monaten wieder mit einer Out-of-Home-Kampagne gezielt den Blick auf die private Geldanlage von Frauen gelenkt. Unser Hashtag #Tradewife ist viral gegangen und in sozialen Medien durchaus kontrovers diskutiert worden – wodurch genau die Aufmerksamkeit entstanden ist, die „Female Finance“ verdient. „Die Börse kann Frauen unabhängig machen“ ist für uns nicht nur ein Slogan, sondern eine Message, die wir in vielen Formaten transportieren und leben, etwa in der Partnerschaft mit „10 More In“, dem Female Leadership Coaching der Unternehmerin Lea-Sophie Cramer. 

Wenn du 25‑jährigen Anlegern drei historische Lektionen aus 75 Jahren Fondsgeschichte mitgeben dürftest – welche wären das? 

Podzuweit: Erstens der Klassiker: „Time in the market beats timing the market“. Langfristiges, strategisches  Investieren ist ungleich wichtiger als die Suche nach den vermeintlich optimalen Ein- und Ausstiegspunkten. Zweitens, vom großen André Kostolany: „Wer Aktien nicht hat wenn sie fallen, der hat sie auch nicht, wenn sie steigen“. Kurseinbrüche wie zuletzt im April werden immer wieder vorkommen. Wenn Du hier einen kühlen Kopf bewahrst und den Sparplan auf einen breit gestreuten Index durchziehst, nutzt Du solche Krisen automatisch für den Vermögensaufbau – Du bekommst mehr ETF-Anteile für dasselbe Geld und bist umso stärker dabei, wenn es anschließend wieder aufwärts geht. Und drittens: Dein Geld soll für Dich arbeiten, nicht für die Finanzindustrie – also schau auf maximale Effizienz. Breite Streuung, marginale Managementgebühren, kostenfreie Sparpläne, keine Depotgebühren oder Ausgabeaufschläge, liquider Handel in engen Spannen.  

Lesen Sie hier unsere ausführliche Heftgeschichte zu Deutschlands Fondsgeschichte:
„101.925 Prozent! Nicht nur die 75-jährige Performance des ersten deutschen Aktienfonds ist beeindruckend. Wir blicken auf die bewegte Geschichte der Fondsbranche – und voraus!“