Ertragsperlen

Mauerblümchen-Aktien machen in USA das Rennen

Niemand hat es kommen sehen. Um Anfang März eine US-Aktie mit Gewinnpotenzial zu identifizieren, musste man sich unter Werten umsehen, die von Analysten geächtet, von Short-Sellern geliebt und von institutionellen Anlegern gemieden wurden, die aber immerhin Dividenden abwarfen. Aktien mit diesen Merkmalen haben Erträge bis zu 5,8 Prozent gebracht, während der Standard & Poor’s 500 Index stagnierte, wie Daten von Bespoke Investment Group und Bloomberg zeigen.

Die niedrigen Erfolgsaussichten einer solchen Strategie nach fünfjähriger Hausse fordern ihren Tribut bei den Vermögensverwaltern. Mehr als 80 Prozent der Wachstums- und Substanzwertefonds hinken seit Jahresbeginn den Benchmarks hinterher. Investoren können daraus lernen, wie wenig vergangene Entwicklungen über die Zukunft aussagen.

“Wenn man gegen einen Markttrend kämpft, muss man sich entscheiden, ob man gezwungen ist, mit ihm zu schwimmen, oder aber man geht ihm aus dem Weg”, sagt Jerry Braakman, Investmentchef bei First American Trust in Santa Ana, Kalifornien. Seine Gesellschaft verwaltet 1,1 Milliarden Dollar und hielt im ersten Quartal nicht mit dem S&P 500 Schritt. Sie hat die Positionen bei Finanzwerten und den Aktien von Herstellern nicht lebensnotwendiger Konsumgüter verringert, jedoch bei Energie- und Versorgerwerten aufgestockt.“ Es ist ein schwieriger Markt.”

US-Aktien haben in der vergangenen Woche nachgegeben. Der Nasdaq Composite Index verzeichnete den stärksten Rückgang in einem Monat, da der Ausverkauf bei Technologiewerten und Small Caps den Optimismus überschattete, dass die Federal Reserve die Wirtschaft weiter stützen werde.

Aktien, die im vergangenen Jahr wegen ihrer künftigen Ertragsaussichten gesucht waren, wurden im März, April und Mai zu Verlierern. Die Titel von Netflix, die 2013 um 298 Prozent geklettert sind, kommen auf ein Minus von 26 Prozent. Amazon.com hat 19 Prozent eingebüßt, nach einem Anstieg von 59 Prozent im vergangenen Jahr und 383 Prozent seit März 2009.

An ihre Stelle sind Unternehmen getreten, die zu den geringsten KGVs gehandelt werden, die von Wall-Street-Banken die schlechtesten Anlageurteile haben, die wenigsten Investmentfondsbesitzer anlocken und den höchsten Bestand an Leerverkaufspositionen aufweisen. Energiewerte im S&P 500, die Anfang März auf ein durchschnittliches KGV von weniger als 15 kamen, haben seitdem um 7,4 Prozent zugelegt und schlagen mit Ausnahme von Telekomaktien alle anderen Branchen.

Telekomunternehmen wiesen vor zwei Monaten eine durchschnittliche Dividende von 4,9 Prozent auf, und sind seitdem um 8,3 Prozent geklettert. Versorger schütteten 3,8 Prozent aus und waren in einer im März von Citigroup durchgeführten Umfrage am meisten verschmäht - die Titel sind um 4,9 Prozent gestiegen.

Aktien, bei denen auf fallende Kurse gewettet wurde, steigen indes. Der Bergbauausrüster Joy Global und der Telekomdienstanbieter Frontier Communications gehören zu acht Unternehmen, bei denen sich Ende Februar die Leerverkaufspositionen auf mehr als 20 Prozent der in Umlauf befindlichen Aktien beliefen. Seitdem haben ihre Aktien im Schnitt 2,9 Prozent zugelegt.

Dieser Paradigmenwechsel hat einige professionelle Investoren überrascht. Von den Investmentfonds, die in Wachstumswerte mit hoher Marktkapitalisierung investieren, haben sich etwa acht von zehn in diesem Jahr schlechter als der Benchmarkindex entwickelt, wie von Morningstar zusammengestellte Daten zeigen. Das ist der zweithöchste Anteil seit mindestens 2004. Etwa 82 Prozent der Substanzwertfonds hinken hinterher, verglichen mit 63 Prozent 2013. Von allen Fonds wiesen 77 Prozent eine schlechtere Peformance als der Markt auf.

Die Reduzierung der geldpolitischen Impulse durch die Fed mache Prognosen zur Konjunktur und zum Markt schwieriger, sagt Dan Morris, weltweiter Anlagestratege bei TIAA-CREF Asset Management in New York.

“Diese Schubumkehr macht es für Aktien-Investoren sehr kompliziert”, erklärte Morris. “Es gibt immer noch genügend Ungewissheit bezüglich der Fed. Wir werden weiterhin diese Volatilitätsschübe haben, die es weiterhin schwierig machen werden.”

Die Kurse von 50 Unternehmen, die von institutionellen Investoren am wenigsten favoriert werden, wie beispielsweise Exxon Mobil und Windstream Holdings sind seit März um 4,9 Prozent gestiegen. Indes sind die beliebtesten Titel wie Gamestop und Verisign um 0,2 Prozent gefallen.

“Sobald viele der gleichen Meinung sind, ist es eine Art Herdentrieb, der nirgendwo hinführt als nach unten”, sagt Craig Hodges, der den Hodges Small Cap Fund verwaltet. Er hat in den vergangenen drei Jahren 99 Prozent der Vergleichsfonds geschlagen. “Wir versuchen uns gegen den Trend laufende Segmente anzuschauen.”

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