New Yorker Wall Street Foto: imago images/ blickwinkel

Vermögensverwalter wägt ab

Ist der Aktien-Bullenstimmung zu trauen?

Marco Herrmann
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Die Anleger sollten nicht nur auf geschlossene Geschäfte und Restaurants schauen, denn jenseits des Dienstleistungssektors brummt die Wirtschaft. Lieferengpässe zum Beispiel bei Halbleitern, die Rally der Rohstoffpreise und explodierende Frachtraten zeichnen ein konjunkturell positiveres Bild.

Das spiegelt sich auch in den überdurchschnittlich guten Ergebnissen der Unternehmen im Schlussquartal des Corona-Jahres wider. Hier gab es reihenweise positive Gewinnrevisionen. In USA liegen mehr als 80 Prozent der Gewinne für das 4. Quartal 2020 über den Erwartungen der Unternehmensanalysten. Selbst in Europa liegt diese Rate bei ungewöhnlich hohen 64 Prozent. Gleichzeitig zeigen sich die Unternehmen zuversichtlich für die Zukunft, was für steigende Gewinnschätzungen sorgt.

Weltwirtschaft boomt

Trotz der erneuten Lockdowns hat der Internationale Währungsfonds (IWF) im Januar seine Prognosen für das weltweite Wirtschaftswachstum für 2021 um 0,3 Prozent-Punkte auf 5,5 Prozent angehoben. Für die USA sogar um zwei Punkte auf 5,1 Prozent. Für Europa reduzierten die Konjunkturforscher allerdings ihre Erwartungen einen Prozent-Punkt auf 4,2 Prozent. In China boomt dagegen die Konjunktur mit einem erwarteten Plus von acht Prozent.

Es ist kein Wunder, dass die US-Wirtschaft der europäischen enteilt, da die Amerikaner ihre Konjunktur mit deutlich stärkeren fiskalischen Hilfen anschieben. Alleine im Zeitraum 2018 bis 2021 dürfte das Haushaltsdefizit der USA kumuliert mehr als 40 Prozent betragen. Die Eurozone kommt gemäß Schätzungen des IWF nur auf 15 Prozent, die im Wesentlichen Corona-bedingt sind.

Die Impfkampagnen eröffnen eine Perspektive zur baldigen Öffnung des öffentlichen Lebens wie es die Menschen vor Corona gewohnt waren. Dann werden auch endlich der Einzelhandel und Restaurants sowie Hotels wieder profitieren. Die Bürger haben in der Corona-Pandemie sehr viel Geld gespart. Das Statistische Bundesamt weist in einer aktuellen Studie für das dritte Quartal 2020 eine Sparquote von 16,3 Prozent aus. Zum Vergleich: Diese lag ein Jahr zuvor bei 10,9 Prozent. Einiges von dem zusätzlich gesparten Geld wird sicherlich in den nächsten Monaten wieder ausgegeben werden – spürbare Nachholeffekte sind absehbar.

Es herrschen also rosige Aussichten: Konjunkturerholung, steigende Unternehmensgewinne und überschüssige Liquidität an den Finanzmärkten dank anhaltender Käufe von Anleihen durch die Notenbanken. Hinzu kommt an den Aktienmärkten eine neue Käuferschicht, die den Börsen weitere Liquidität zuführt: die Generation Smartphone. Dank kostenlosem Trading und Abwicklung über eine App haben junge Menschen die Börse entdeckt. Grundsätzlich begrüßenswert, leider wird hier allerdings weniger die langfristige Kapitalanlage, sondern vor allem der schnelle Reichtum gesucht. Auf Dauer mit sehr geringen Erfolgsaussichten.

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