Mark Mobius

Mark Mobius

„Es kann dauern, bis tief verwurzelte Vorstellungen umgekrempelt sind“

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Im Juni war ich zur Hochzeit eines Mitglieds unseres Mitarbeiterteams in Rumänien eingeladen – für mich eine willkommene Gelegenheit, mit dem glücklichen Paar zu feiern, einen anderen Teil Rumäniens zu besuchen und mich mit Einheimischen über das Leben dort zu unterhalten.
Die Feier veranschaulichte im Kleinen den Gegensatz zwischen dem Alten und dem Neuen in Rumänien. Ganz ähnlich erleben es Anleger im Zuge der Marktreform.

Wir flogen den rumänischen Flughafen Cluj-Napoca an. Cluj-Napoca (Klausenburg) ist die Hauptstadt des Kreises Cluj. Unser eigentliches Ziel Zalău (Zillenmarkt) ist die Hauptstadt des Bezirks Sălaj. Beide liegen in Siebenbürgen (Transsilvanien), das an Ungarn und die Ukraine angrenzt.

Ich fragte mich, warum wir nicht direkt nach Zalău fliegen konnten. Später erfuhr ich, dass es dort zwar eine Landebahn gab, doch das Land, auf der sie (während der kommunistischen Ceauşescu-Ära) angelegt worden war, von seinen früheren Eigentümern zurückgefordert worden war, sodass der Flugplatz stillgelegt werden musste. Heute ist er nur noch ein Feld.

Deshalb fuhren wir von Cluj-Napoca nach Zalău. Kurvenreiche Straßen führten uns durch üppig grünes Bergland. In den Tiefebenen zwischen den Gipfeln waren Bauernhöfe eingebettet. Angesichts des Waldreichtums der Gegend verstand ich, warum es hier einst viel Holzmöbelindustrie gegeben hatte.  

In Zalău kamen wir zwar gelegentlich an verfallenen Gebäuden vorbei, doch erstaunlicherweise auch an vielen neu errichteten Häusern und Wohnanlagen. Ich war daher einigermaßen erstaunt, dass hier nur 50.000 Menschen lebten. Wie es schien, hatten angesichts der großen Zahl von Häusern und Wohnungen alle der reichlich 50.000 Einwohner eigenen Wohnraum!

Vor der Trauung machten wir eine Stadtrundfahrt, die uns an einer Kathedrale und mehreren Kirchen vorbeiführte, und unterhielten uns mit unserem Fahrer angeregt über das Leben in Zalău. Er erzählte er uns, dass er zwei Sprachen spreche, Rumänisch und Ungarisch, da in der Stadt so viele Ungarn lebten. Sein Englisch war so gut, dass ich ihn auf drei Sprachen korrigieren wollte, doch er war zu bescheiden, um mir beizupflichten.

Als wir in das Industriegebiet kamen, war die erste große Fabrik, die wir sahen, im Zustand des Verfalls. Der Fahrer erzählte, das sei eine Textilfabrik gewesen, die aber aufgrund des Wettbewerbs aus China geschlossen worden sei.

Dann kamen wir zu einer riesigen Produktionsstätte für Lkw-Reifen, die zum globalen Netz eines großen französischen Reifenkonzerns gehörte. Sie erstreckte sich über mehrere Straßenzüge und ist inzwischen rund um die Uhr in Betrieb, mit drei Arbeitsschichten.

Wir sahen auch eine Öl- und Gasleitungsfabrik, die recht modern wirkte und gerade durch einen Neubau ergänzt wurde. Sie gehörte zum globalen Netz eines argentinischen Unternehmens.

Auf der Fahrt durch das Industriegebiet konnten wir in der Ferne zwei hohe Schornsteine erkennen. Das war das Kraftwerk der Stadt, das nicht nur Strom erzeugte, sondern auch Dampf und Warmwasser für den Winter. Gas stammte aus lokalen Quellen, aber auch von Gazprom aus Russland, ein Überbleibsel aus kommunistischer Zeit. Billig ist es aber nicht. Um ein großes Haus zu beheizen, so sagte man uns, müsse ein Durchschnittsrumäne in den Wintermonaten rund 400 US-Dollar pro Monat aufwenden.

Die Verschmelzung alter Traditionen mit neuen Entwicklungen


Das war die zweite Hochzeit, an der ich in Rumänien teilnahm, und ich genoss sie in vollen Zügen. Die Musiker verstanden ihr Handwerk. Nie zuvor hatte ich mitreißende Melodien mit anspruchsvolleren Tonfolgen gehört, die uns zum Tanzen animierten.

Es traten auch traditionelle Volkstänzer in Trachten auf, die unglaublich schwierige Schritte und Sprünge vollführten. Der Mischung aus Tradition und Modernität in Rumänien trug übrigens eine moderne Band Rechnung, die sämtliche großen westlichen Hits spielte.

Während der traditionellen Musikeinlagen sang ein berühmter Bassbariton Lieder über das Leben und die Liebe, deren Texte (die mir von meinem Tischnachbarn übersetzt wurden) jeden Dichter und Denker beschämt hätten. „Vergiss nie, dass du auf dieser Welt nur zu Gast bist. Die Welt mag dir zu Füßen liegen und unermessliche Reichtümer schenken, doch bedenke, dass du nicht unsterblich bist…”

Auf der Rückfahrt nach Cluj fuhren wir durch alte traditionelle Dörfer, in denen schwarz gekleidete Frauen mit Kopftüchern zur Kirche gingen. Manche schützten sich mit Schirmen vor der strahlenden Sonne.

Orthodoxe Kirchen mit silbrig glänzenden Kuppeln und Dächern lagen verstreut in der Landschaft wie Leuchtfeuer zwischen den dunkelbraunen Holzhäusern mit ihren verwitterten rotbraunen Ziegeldächern. Wir sahen auch Kühe auf der Weide stehen.

Wir erfuhren, dass die traditionellen dunkelbraunen Tiere einst nicht nur Milch lieferten, sondern auch Pflüge zogen. Inzwischen wurden sie jedoch von Traktoren aus China und Milch aus dem Laden verdrängt. In der Stadt gab es ein paar zeitgemäße westeuropäische Lebensmittelgeschäfte, die zeigten, dass die moderne Lebensmitteldistribution die hintersten Winkel des Landes erreicht hat.

Der Weg zur Reform

Reform und Wandel verlaufen nicht immer reibungs- oder problemlos. Es kann dauern, bis tief verwurzelte Vorstellungen umgekrempelt sind. In wirtschaftlicher Hinsicht wurde Rumänien durch eine Rezession in der Eurozone belastet, doch für dieses Jahr wird aktuell positives Wachstum prognostiziert.

Die IWF-Prognose geht von 1,6 Prozent[1] aus und verschiedene Wirtschaftsforscher rechnen für 2014 mit einer weiteren Verbesserung. Die rumänische Zentralbank hat das Ihre zur Wachstumsförderung beigetragen, indem sie die Leitzinsen im Juli auf ein historisches Tief von 5 Prozent gesenkt hat, was der Wirtschaft entgegenkommen könnte.

Rumänien gehört wohlgemerkt zu den Ländern, die die vom IWF nach der Finanzkrise von 2008 empfohlenen makroökonomischen Reformen am erfolgreichsten umgesetzt haben – trotz der diversen Probleme, die Reformen gewöhnlich mit sich bringen.

Es ist dem Land gelungen, sein Haushaltsdefizit für 2012 deutlich – auf unter 3 Prozent – zu drücken und die Leistungsbilanz verzeichnet im laufenden Jahr bislang einen Überschuss. Ermutigend ist auch, dass die Regierung am Ball bleiben will und eine neue Stand-by-Vereinbarung mit dem IWF plant, um dringend nötige Strukturreformen weiter voranzutreiben, auch in Staatsbetrieben.

Im Erfolgsfall könnte Rumänien unserer Ansicht nach zu einer der wachstumsstärksten Volkswirtschaften in der EU avancieren. Voraussetzung dafür ist natürlich, dass die Regierung in der Lage ist, die nötigen Reformen umzusetzen.

Die Regierung bemüht sich zwar nachweislich um die Stabilisierung der makroökonomischen Indikatoren des Landes, doch wir glauben, dass Rumänien noch mehr Reformen braucht, um wettbewerbsfähig zu bleiben und das Wachstum wieder anzufachen.

Aus unserer Sicht ist verstärkte Privatisierung gefragt, da der Staat in vielen Wirtschaftssektoren noch Mehrheitseigentümer ist und die nötigen Investitionen aus dem staatlichen Haushalt allein nicht finanzierbar sind. Ein anderer wichtiger Schritt zur weiteren Stärkung der rumänischen Wettbewerbsfähigkeit ist eine robuste IPO-Pipeline, die die unterentwickelten lokalen Kapitalmärkte ankurbeln und Mittel für notwendige Investitionen beschaffen sollte.

Gleichzeitig sind fortgesetzte Strukturreformen und Umstrukturierungen staatlicher Unternehmen wesentlich für die Konsolidierung des bisher Erreichten, was unseres Erachtens wiederum Rumäniens Position als attraktives Ziel für ausländische Anlagen bestätigen könnte.


[1] Quelle: © 2013 International Monetary Fund, World Economic Outlook, April 2013.

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