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Von wegen Harmonisierung
Esma-Leitlinien für ESG-Fondsnamen könnten Regelchaos stiften
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Von wegen Harmonisierung Esma-Leitlinien für ESG-Fondsnamen könnten Regelchaos stiften

Farbeimer mit Pinsel für den grünen Anstrich
Farbeimer und Pinsel: Immer wieder geraten Fonds in die Kritik, die sich einen grünen Anstrich verpassen, in Wahrheit aber konventionell anlegen. | Foto: Imago Images / Pond5 Images

Die Europäische Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde (Esma) hat kürzlich Leitlinien zur Verwendung von Begriffen wie „nachhaltig“ oder „sozial“ im Namen eines Fonds vorgelegt. Damit sollen sich Anlegerinnen und Anleger bei der Geldanlage mit Fokus auf Kriterien wie Umwelt (E), Soziales (S) und Unternehmensführung (G) besser orientieren können. ‏Mit den Leitlinien möchte die Esma sicherstellen, dass Fonds, die ein ESG-Investment durch die Verwendung bestimmter Begriffe oder Abkürzungen nahelegen, fair, eindeutig und nicht irreführend benannt sind. Die Leitlinien sollen EU-weit für eine Harmonisierung bei der Benennung von Fondsnamen sorgen.

Zersplitterung droht

Allerdings stellen die Leitlinien die betroffenen Unternehmen in der Praxis vor eine große Herausforderung. Insbesondere nationale Alleingänge können das Ziel, die ESG-Fondsbenennung europaweit zu vereinheitlichen, stark konterkarieren. Die Esma-Leitlinien bieten nationalen Finanzaufsichtsbehörden die Möglichkeit, die Leitlinien eins zu eins umzusetzen. Eine Verpflichtung dazu besteht jedoch nicht. Es könnten auch nur Teile davon umgesetzt werden.

 

Im Endeffekt könnte jedes europäische Land die Benennung von ESG-Fonds anders handhaben. Dadurch droht eine große Zersplitterung. Nicht nur für die Fondsindustrie, sondern auch für international aufgestellte Investoren könnte dies zu einer großen Bürde werden.

‏Das Zeitfenster für die Umsetzung in nationale Vorgaben beträgt nur drei Monate ab Veröffentlichung der Leitlinien in allen offiziellen EU-Sprachen auf der Esma-Internetseite. Darin ist allerdings eine bis zu zweimonatige Frist für Rückmeldungen der nationalen Finanzaufsichtsbehörden an die Esma einzurechnen. Im ungünstigen Fall könnte die Fondsindustrie in Deutschland somit nur einen Monat Zeit haben, um finale Vorgaben umzusetzen.

‏Begriffe nicht umfassend definiert, Messbarkeit bleibt offen

‏Für Asset Manager bedeuten die Esma-Leitlinien vor allem, dass sich die Verwendung eines ESG- oder nachhaltigkeitsbezogenen Begriffs in den zugrundeliegenden Investments wiederfinden muss. Führt ein Fonds einen Begriff im Namen, der ESG- oder nachhaltigkeitsbezogen ist, müssen 80 Prozent der Investitionen des Fonds auch nachhaltige Merkmale beziehungsweise Anlageziele erfüllen. Dabei geht es jedoch nicht nur um eindeutige Begriffe wie „grün“ oder „nachhaltig“ (sustainable), sondern auch um Weitergefasstes wie „Impact“ oder „Transition“. Ein abschließender Begriffskatalog liegt seitens Esma jedoch nicht vor.

Die Vorgaben der Esma lassen einigen Interpretationsspielraum für die Fondsindustrie. Es stellt sich beispielsweise die Frage, wie das Erfüllen eines „Impacts“ oder einer „Transition“ im Sinne eines nachhaltigen Übergangs genau gemessen und überprüft werden kann. Auch gibt es viele Grauzonen bei Fondsnamen, etwa wenn ein Fonds den Begriff „Evergreen“ im Namen führt. Das könnte bei enger Auslegung („green“) eine nachhaltige Ausrichtung nahelegen könnte, faktisch aber nur auf eine unbestimmte Laufzeit des Fonds abzielen.

‏Unklar ist bis dato auch, ob offene Immobilienfonds ebenfalls von den Esma-Leitlinien betroffen sind. Denn grundsätzlich differenzieren die Leitlinien nicht zwischen einer Anwendung auf Wertpapierfonds einerseits und Immobilienfonds andererseits. Zwar legen Ausführungen der Esma nahe, dass die Leitlinien primär für Wertpapierfonds gelten. Doch eine Klarstellung durch die Esma wäre hier wünschenswert, um Rechtssicherheit zu schaffen.

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Bafin ist am Zuge – geringe Umsetzungsfrist für Asset Manager

‏Die nationalen Finanzaufsichtsbehörden haben nach der Veröffentlichung der Esma-Leitlinien in ihrer Landessprache zwei Monate Zeit, um der Esma zu bekunden, ob sie die Leitlinien ganz oder gegebenenfalls nur in Teilen anwenden möchten. Aktuell steht die Veröffentlichung in den jeweiligen Landessprachen noch aus. In den nächsten Wochen dürfte jedoch damit zu rechnen sein. Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) hat betont, dass sie nach Veröffentlichung der Esma-Leitlinien ihre eigene Verwaltungspraxis unter Berücksichtigung der Leitlinien anpassen wird. Es bleibt jedoch zum jetzigen Zeitpunkt offen, wie die Bafin die Esma-Leitlinien konkret umsetzen wird.

‏Für Asset Manager könnte die Frist zur Umsetzung der nationalen Vorgaben sehr kurz ausfallen. Da die Leitlinien drei Monate nach ihrer Veröffentlichung in den Landessprachen Geltung haben, könnte bei Ausschöpfen der vollen Zwei-Monats-Frist für die Rückmeldung an die Esma nur noch ein Monat Zeit für die Fondsindustrie verbleiben, um die nationalen Vorgaben umzusetzen. Es gilt: Je eher die BaFin aktiv wird und klare Vorgaben macht, desto mehr Zeit bleibt der Fondsindustrie. 

‏Verringerung von Fonds mit ESG-Bezeichnung absehbar

‏Aktuell tragen laut Esma knapp 6.500 Fonds in der EU einen nachhaltigkeitsbezogenen Begriff im Namen. Darunter sind 1.700 Alternative Investmentfonds (AIFs) und 4.800 Ucits-Fonds. In Deutschland dürften weit über 1.000 Fonds mit einem ESG-relevanten Begriff benannt sein.

Die Anzahl der Fonds mit ESG-Bezug im Namen könnte sich zukünftig verringern. Viele Asset Manager könnten künftig bewusst auf eine solche Benennung verzichten – eben weil die Auslegung der Richtlinie teilweise noch unklar sei. Um sich nicht ansatzweise dem Vorwurf des Greenwashings auszusetzen, könnten viele Fondsanbieter zunächst auf eine ESG-Benennung verzichten, bis Unklarheiten beseitigt sind.

Die Esma möchte künftig Klarheit haben, dass dort, wo ESG draufsteht, auch ESG drin ist. Doch umgekehrt könnte es dann auch häufiger vorkommen, dass, wo ESG nicht draufsteht, trotzdem sehr viel ESG drin ist. Die Bafin ist  im Zugzwang, für mehr Klarheit in der nationalen Auslegung zu sorgen.

Ob die Esma-Leitlinien zu der gewünschten besseren Orientierung bei Anlegerinnen und Anlegern führen werden, wird sich zeigen. Unabhängig von den Fondsnamen-Leitlinien dient die bereits bestehende EU-Offenlegungsverordnung (SFDR) mit der Kategorisierung in Artikel-9- und Artikel-8-Fonds als Richtschnur, zu welchem Grad ein Fonds als nachhaltig anzusehen ist.


Über den Autor:

Daniel Lühmann ist Partner im Bereich Financial Services, Regulatory & Investment Funds bei der internationalen Kanzlei Simmons & Simmons.

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