93,5 Milliarden Euro in zwei Monaten: Der europäische ETF-Markt hat im Januar und Februar 2026 so viel frisches Kapital angezogen wie noch nie in einem ähnlichen Zeitraum. Zum Vergleich: Im gesamten ersten Quartal 2025 flossen 91,3 Milliarden Euro in europäische ETFs und Exchange Traded Commodities – eine Marke, die 2026 bereits nach acht Wochen übertroffen wurde. Das zeigen Daten des Analysehauses Morningstar, das den europäischen ETF-Markt monatlich auswertet.
Allein im Februar 2026 sammelten europäische ETFs und ETCs 49,7 Milliarden Euro ein – nur knapp weniger als die 49,8 Milliarden Euro im Januar. Der Rhythmus ist bemerkenswert gleichmäßig, von einem Strohfeuer kann also keine Rede sein.
Hinter den Zahlen steckt eine Neubewertung, die in Asset-Management-Kreisen längst diskutiert wird, im Retail-Kapital aber erst jetzt sichtbar ankommt: Europas Anleger trauen dem Dollar und dem amerikanischen Wachstumsversprechen nicht mehr so bedingungslos wie noch vor einem Jahr.
Abkehr von der Wall Street
Die konkreteste Ausdrucksform dieser Skepsis findet sich bei den Nasdaq-100-ETFs. Die Kategorie US Large-Cap Growth, in der die gängigsten Nasdaq-Tracker angesiedelt sind, verzeichnete im Februar Abflüsse von 1,1 Milliarden Euro – die schlechteste Monatsbilanz innerhalb der gesamten Aktienkategorie-Tabelle. Der Invesco EQQQ Nasdaq-100 ETF (ISIN: IE00BFZXGZ54) verlor allein 431 Millionen Euro; den größten einzelnen Rückzug leisteten sich Anleger jedoch beim Vanguard S&P 500 ETF (ISIN: IE00BFMXXD54), dem mit 969 Millionen Euro das meiste Kapital abgezogen wurde.
Auffällig ist dabei weniger die absolute Größe der Abflüsse als die Selektivität, mit der Anleger vorgehen. Wer Amerika dennoch nicht gänzlich aufgeben wollte, wich auf gleichgewichtete S&P-500-Strategien aus. Der Xtrackers S&P 500 Equal Weight ETF (ISIN: IE00BLNMYC90) zog 1,71 Milliarden Euro an, der entsprechende iShares-Konkurrent weitere 1,25 Milliarden. Das zeigt: Das Vertrauen in die großen US-Technologiekonzerne als Renditegaranten hat spürbar nachgelassen. Die Konzentration im kapitalgewichteten Index gilt vielen inzwischen als Risiko, nicht als Vorteil.
Parallel dazu zieht sich das Kapital auch aus Dollar-denominierten Anleiheprodukten zurück. USD-Ultra-Short-Term-Bond-ETFs erlitten im Februar Abflüsse von 667 Millionen Euro. Wer in globale Staatsanleihen investierte – mit Zuflüssen von 525 Millionen Euro immerhin eine der stärksten Anleihe-Kategorien – tat dies mehrheitlich mit währungsgesicherter Dollar-Absicherung. Die Daten zeigen: Europäische Investoren sind nicht aus dem Dollar geflohen, aber sie haben aufgehört, das Risiko stillschweigend zu akzeptieren.
Europa als Gegengewicht
Die Umschichtung aus US-Wachstumswerten ist nur eine Seite der Bewegung; die andere zeigt, wohin das Geld stattdessen fließt. Globale Aktien-ETFs der Kategorie Large-Cap Blend sammelten im Februar 7,2 Milliarden Euro ein und führten damit die Zufluss-Rangliste an. Knapp dahinter: Schwellenländer-Aktien-ETFs mit 6,3 Milliarden Euro. Eurozonen Large-Cap-Strategien folgten mit 2,8 Milliarden Euro. Zusammen machen diese drei Kategorien mehr als 40 Prozent sämtlicher Aktienzuflüsse im Februar aus.
Ein genauer Blick lohnt sich auf Schwellenländer. Lokale Währungsanleihen aus Emerging Markets gehörten auch im Rentenbereich zu den Gewinnern – befeuert unter anderem durch die anhaltende Schwäche des US-Dollar, die lokale Schuldtitel relativ attraktiver macht. Das Muster, das sich in den Morningstar-Daten abzeichnet, ist das einer bewussten Diversifizierung weg von der Zentralität des amerikanischen Kapitalmarkts. Ob das eine dauerhaft strukturelle Verschiebung ist oder eine taktische Reaktion auf aktuelle Unsicherheiten, lässt sich noch nicht abschließend sagen – die Größe des Kapitalstroms spricht allerdings eher für ersteres.
Gold verliert an Glanz
Die vielleicht überraschendste Zahl des Monatsberichts betrifft Gold. In einem Marktumfeld, das von geopolitischen Spannungen, Dollar-Skepsis und Zinsunsicherheit geprägt ist – also exakt jenen Bedingungen, unter denen das Edelmetall historisch glänzt – verloren Gold-ETCs allein im Februar 3,2 Milliarden Euro. Im laufenden Jahr 2026 summieren sich die Abflüsse aus Edelmetall-ETCs auf inzwischen 4,3 Milliarden Euro. Das ist kein Rauschen; das ist eine Entscheidung.
Eine mögliche Erklärung: Anleger, die Gold 2024 und Anfang 2025 als Absicherung aufgebaut hatten, realisieren schlicht Gewinne. Hinzu kommt, dass direkte Aktieninvestitionen in europäische und Schwellenländergesellschaften als attraktivere Alternative gelten dürften, solange die Aktiendynamik in diesen Regionen trägt. Gold bleibt dennoch ein gewichtiger Faktor im europäischen ETC-Markt: Real Assets halten insgesamt 227 Milliarden Euro verwaltetes Vermögen – knapp 8 Prozent des gesamten europäischen ETF-Marktes.
3 Billionen in Sicht
Beim verwalteten Vermögen steuert der europäische ETF-Markt auf eine psychologisch bedeutsame Marke zu. Ende Februar 2026 lagen die Assets under Management bei 2,94 Billionen Euro – nach 2,84 Billionen im Januar. Der monatliche Zuwachs von rund 100 Milliarden Euro wurde nach Morningstar-Angaben überwiegend durch Nettozuflüsse getrieben, nicht durch Marktperformance allein. Ob die 3-Billionen-Grenze bis Ende März 2026 erstmals überschritten wird, hängt stark davon ab, wie stabil die Märkte nach einem unruhigen Monatsbeginn in Folge des Iran-Kriegs bleiben.





Der Marktführer iShares dominiert das Feld mit einem verwalteten Vermögen von 1,19 Billionen Euro und einem Marktanteil von 40,4 Prozent; allein im Februar zog der Blackrock-Ableger 16,9 Milliarden Euro an frischen Mitteln an. Amundi folgt mit 12,7 Prozent Marktanteil und 373 Milliarden Euro AUM. Xtrackers, die ETF-Plattform der DWS, hält einen Anteil von 10,4 Prozent. Das Oligopol an der Spitze bleibt damit stabil – wobei Invesco mit einem Monatsminus von rund einer Milliarde Euro im Februar eine spürbare Schwäche zeigte.
Aktive ETFs stocken
Ein Segment, das 2025 noch als Wachstumsgeschichte galt, kämpft derzeit mit einem Momentum-Problem. Aktive ETFs sammelten im Februar 2,3 Milliarden Euro ein, nach 2,7 Milliarden im Januar. Ihr Anteil am gesamten ETF-Kapitalstrom lag in den ersten beiden Monaten 2026 bei lediglich 5,3 Prozent – klar unter dem Jahresdurchschnitt 2025 von 7,4 Prozent. Das verwaltete Vermögen aktiver ETFs in Europa beträgt 85,2 Milliarden Euro, knapp 3 Prozent des Gesamtmarkts.





Der Wettbewerb unter den Anbietern aktiver ETFs hat sich dennoch verschärft. J.P. Morgan war im Februar mit 450 Millionen Euro zwar der stärkste Einzelanbieter, liegt im Jahresverlauf aber hinter iShares und Goldman Sachs Asset Management. Das deutet darauf hin, dass aktive ETFs kein Nischenprodukt mehr sind – aber auch noch kein Massenphänomen. Für eine Branche, die den aktiven ETF als nächste Wachstumsphase des Segments gehandelt hat, sind die Zufluss-Quoten der vergangenen Wochen ein Dämpfer.
Möglicherweise liegt es schlicht daran, dass passive Strategien in einer Marktphase, in der Regionen-Allokation wichtiger ist als Stock-Picking, ihren strukturellen Vorteil voll ausspielen. Wer von Europa überzeugt ist, kauft einen Eurozone-Large-Cap-Index-ETF – die sind günstig, transparent, liquide. Aktive Manager müssen in diesem Umfeld überzeugend darlegen, welchen Mehrwert ihre Titelauswahl gegenüber einem schlichten Breiten-Engagement bringt. Dafür fehlt bei vielen Produkten noch der entsprechende Track Record.

