Wohin mit dem Geld, wenn die Märkte unsicher bleiben? Im Mai gaben ETF-Anleger in Europa eine klare Antwort – nur fiel sie anders aus, als mancher erwartet hätte.

38,0 Milliarden Euro flossen im vergangenen Monat laut Morningstar in europäische börsengehandelte Indexfonds (ETFs) und Exchange Traded Commodities (ETCs) – etwas weniger als die 40,2 Milliarden Euro im April. Auf Jahressicht summierten sich die Zuflüsse damit auf 181,1 Milliarden Euro. Das verwaltete Vermögen im europäischen ETF- und ETC-Markt stieg auf knapp 3,2 Billionen Euro. Den Löwenanteil des monatlichen Zuwachses von rund 164 Milliarden Euro machten Kursgewinne aus, nicht Neugelder. Auf Aktienstrategien entfallen 74,4 Prozent des verwalteten Vermögens.

„Die jüngsten Bewegungen im ETF-Markt zeigen, dass sich Anleger im Moment selektiver positionieren“, sagt Stefan Kuhn, Leiter des ETF- und Indexvertriebs für Europa bei Fidelity International. „Während weiter neues Geld in den Markt fließt, reagieren Investoren stärker auf das makroökonomische Umfeld.“

US-Aktien zurück im Fokus

Aktien-ETFs sammelten im Mai 24,3 Milliarden Euro ein, nach 29,5 Milliarden Euro im April. In den ersten fünf Monaten des Jahres flossen damit insgesamt 139 Milliarden Euro in Aktienstrategien – das entspricht 77 Prozent aller ETF-Zuflüsse in Europa.

Das Rückgrat der Zuflüsse bildeten erneut globale Aktien-ETFs mit breiter Marktausrichtung: 12,3 Milliarden Euro flossen in diese Kategorie, die vor allem Fonds auf den MSCI World oder vergleichbare Indizes umfasst. Daneben wuchs das Interesse an reinen US-Investments deutlich. ETFs auf US-Large-Cap-Blend-Titel sammelten knapp 5,0 Milliarden Euro ein, auf US-Large-Cap-Wachstumstitel 2,2 Milliarden Euro.

Laut Morningstar schieben Anleger Konzentrationsbedenken beiseite und richten den Blick wieder auf Technologiewerte. Technologie-Sektor-ETFs verzeichneten Zuflüsse von 1,6 Milliarden Euro, Halbleiter zählten dabei zu den gefragtesten Themen. Auch der bevorstehende SpaceX-Börsengang stützte laut Morningstar die Nachfrage – der Vaneck Space Innovators ETF (ISIN: IE000YU9K6K2) gehörte zu den zehn zufluss­stärksten Aktien-ETFs des Monats.

State Street Investment Management verzeichnete für EMEA-domizilierte ETFs ähnliche Muster: Globale Aktien-ETFs sammelten rund 70 Prozent aller Aktienzuflüsse ein, US-Aktien zogen zusätzliche Mittel an. Auf Sektorebene blieb Technologie der dominante Treiber, gestützt durch die anhaltende Dynamik KI-getriebener Themenfelder.

Europa verliert den Anschluss

Die Kehrseite der US-Erholung war der Rückzug aus europäischen Investments. Laut Fidelity verzeichneten Europa-Aktien-ETFs im Mai Abflüsse von 2,4 Milliarden US-Dollar.

„Die unsichere Lage am Golf dämpft zwar die Risikobereitschaft bei europäischen ETFs“, so Kuhn. Allerdings komme die Region auch von einem hohen Niveau. „Auf 3- und 12-Monatssicht flossen immer noch mehr Gelder in Europa-ETFs als etwa in die USA – und das trotz zuletzt zwei eher mäßigen Monaten“, sagt er.

Auch Schweizer Aktien-ETFs standen unter Druck: Sie verzeichneten laut Morningstar Abflüsse von 1,2 Milliarden Euro. Die Rotation zurück in den US-Markt verringere den Bedarf, in defensiven Märkten wie der Schweiz Schutz zu suchen, so die Analysten.

Anleihen holen deutlich auf

Das stärkste Signal im Mai kam aus dem Anleihe-Segment. Anleihen-ETFs sammelten laut Morningstar 9,9 Milliarden Euro ein – nach 7,9 Milliarden Euro im April. In den ersten fünf Monaten 2026 flossen damit insgesamt 31,0 Milliarden Euro in Anleihe-ETFs, was 17 Prozent aller ETF-Zuflüsse entspricht. Fidelity-Daten zeigen das Ausmaß des Schwenks besonders deutlich: Die Anleihe-Zuflüsse lagen 108 Prozent über dem 3-Monats-Schnitt.

„Anleger bleiben verstärkt auf der Suche nach Stabilitätsankern für ihre Portfolios. Diese finden sie weiterhin bei Staatsanleihe-ETFs“, sagt Kuhn. Gleichzeitig bleibe Risiko im System – es werde aber gezielter eingegangen.

Morningstar zufolge verteilten sich die Zuflüsse breit auf Euro- und US-Dollar-Staats- sowie Unternehmensanleihen, ohne klaren Schwerpunkt. USD-Ultra-Short-Term-Bond-ETFs verzeichneten dagegen Abflüsse von 633 Millionen Euro – Morningstar führt das unter anderem auf die Aufwertung des US-Dollar zurück, die diese konservativen Produkte weniger attraktiv macht.

Konrad Kleinfeld, Leiter für Fixed Income Distribution EMEA bei State Street Investment Management, sieht im Rentenbereich eine differenzierte Positionierung: Investment-Grade-Unternehmensanleihen zogen 3,4 Milliarden US-Dollar an, High-Yield-Produkte 1,3 Milliarden US-Dollar. Auch die Nachfrage nach inflationsgeschützten Anleihen blieb mit 0,7 Milliarden US-Dollar intakt – ein Zeichen, dass Inflationsrisiken in der Portfolioallokation weiterhin eine Rolle spielten, so Kleinfeld.

Rohstoffe: Agrarrohstoffe überraschend gefragt

In Rohstoff-ETFs und ETCs flossen im Mai laut Morningstar 2,0 Milliarden Euro. Auffällig: Mehr als die Hälfte davon entfiel auf Agrarrohstoffe. Kleinfeld mahnt allerdings zur Vorsicht bei der Einordnung: Ein wesentlicher Teil dieser Allokation sei auf einzelne Produkte zurückzuführen und könne daher nur eingeschränkt als breiter Trend interpretiert werden.

Breit diversifizierte Rohstoffstrategien sowie Industrie- und Edelmetalle verzeichneten ebenfalls moderate Zuflüsse. Rohstoffe würden damit weiterhin strategisch als Diversifikations- und Inflationsschutzbaustein genutzt, schätzt Kleinfeld – auch in Phasen kurzfristig schwächerer Preisentwicklung.

Aktive ETFs knacken 100-Milliarden-Marke

Aktive ETFs sammelten im Mai 4,1 Milliarden Euro ein, nach gut 3,0 Milliarden Euro im April. Ihr Anteil an den Gesamtzuflüssen stieg auf 10,7 Prozent. Kumuliert über die ersten fünf Monate 2026 flossen 15,0 Milliarden Euro in diese Produkte – 8,3 Prozent aller Zuflüsse. Das verwaltete Vermögen überschritt erstmals die Marke von 100 Milliarden Euro und lag zum Monatsende bei 101 Milliarden Euro, was 3,2 Prozent aller in europäischen ETFs investierten Gelder entspricht.

Nach zwei Monaten mit Schroders an der Spitze kehrte J.P. Morgan auf Platz eins bei den aktiven ETF-Anbieter zurück und sammelte knapp eine Milliarde Euro ein. Invesco folgte mit 730 Millionen Euro, getragen von der Nachfrage nach USD- und Euro-CLO-ETFs.

iShares dominiert den Anbietermarkt

Im Gesamtmarkt dominierte iShares mit Zuflüssen von 10,9 Milliarden Euro und einem Marktanteil von 40,2 Prozent. Dahinter folgen Xtrackers mit 4,9 Milliarden Euro und Vanguard mit 4,7 Milliarden Euro. Am anderen Ende der Rangliste standen Pimco, Fideuram und Franklin Templeton mit den höchsten Abflüssen.

„Trotz geopolitischer Unsicherheit bleibt der ETF-Markt bemerkenswert stabil“, sagt Kuhn. „Die Frage ist weniger, ob neues Geld in den Markt fließt, sondern wohin.“