Zwei Anleger, beide investieren 10.000 Euro in denselben Markt, beide erzielen vor Kosten 6 Prozent Rendite pro Jahr. Nach 30 Jahren hat der eine rund 52.700 Euro auf dem Konto, der andere nur knapp 36.400 Euro. Der Unterschied: Der eine zahlt jährlich 0,3 Prozent Gebühren, der andere 1,6 Prozent.
Dass das kein Extrembeispiel ist, sondern der tatsächliche Unterschied zwischen den durchschnittlichen Gesamtkostenquoten von Aktien-ETFs und klassischen Aktienfonds, zeigt eine Auswertung von Vanguard. Der Asset Manager hat im Rahmen des „Vanguard Portfolio Check 2026“ 166.600 Anlegerdepots der Portfolio-Tracker-Anbieter Extra ETF, Getquin und Parqet analysiert. Die Untersuchung gibt damit einen seltenen Blick auf das, was Selbstentscheider in Deutschland tatsächlich halten.
Teure Fonds verlieren Boden
Der Datensatz zeigt einen klaren Trend: Klassische Investmentfonds verlieren in den Depots der beobachteten Anleger kontinuierlich an Gewicht. Bei Portfolios bis zu 5.000 Euro sank ihr Anteil laut Vanguard zwischen Mitte 2023 und Mitte 2025 von rund 29 auf 23 Prozent. Über alle Portfoliogrößen hinweg nahm die Bedeutung aktiv gemanagter Fonds in diesem Zeitraum ab.
Warum das so ist, lässt die Untersuchung offen. Denkbar wäre, dass die untersuchten Anleger bewusst auf günstigere Produkte umsteigen. Möglich ist aber auch, dass ETFs im Beobachtungszeitraum besser abgeschnitten haben als teurere Fonds – was deren Anteil am Gesamtportfolio automatisch sinken lässt.
So oder so ist der Gebührenunterschied zumindest in den untersuchten Portfolios erheblich. Aktien-ETFs kosteten im analysierten Datensatz im Schnitt rund 0,3 Prozent jährlich, klassische Aktienfonds dagegen rund 1,6 Prozent. Das sind 1,3 Prozentpunkte Unterschied – jedes Jahr, auf das gesamte investierte Kapital. Bei einem monatlichen Sparplan von 100 Euro ohne Einmalanlage würde dieser Kostenunterschied über 30 Jahre bei einer angenommenen Wertentwicklung von 6 Prozent vor Kosten zu einer Renditedifferenz von rund 19.000 Euro führen, wie die Experten von Vanguard vorrechnen.
Hinzu kommt: Wer von Anfang an auf kostengünstige Produkte setzt, spart nicht nur laufende Gebühren. Er vermeidet auch Ausgabeaufschläge, Transaktionskosten und steuerliche Nachteile, die bei einer späteren Umschichtung entstehen können.
Zur Wahrheit gehört allerdings auch: Theoretisch können aktive Fonds auch besser performen als der Markt und ihre höheren Kosten so wieder reinholen. Dem „European Active/Passive Barometer“ von Morningstar zufolge gelingt das allerdings nur äußerst selten – gerade bei längeren Zeiträumen und in liquiden Märkten. Auf Zehnjahressicht schafften es laut der jüngsten Untersuchung so gerade einmal 13,5 Prozent der aktiven Aktienfonds-Manager, besser als ihre passiven Pendants abzuschneiden
Der Pechvogel — und was er trotzdem richtig macht
Das Beispiel zeigt die Relevanz von Kosten. Ein zweiter Faktor ist allerdings mindestens genauso wichtig: Selbst wer beim Einstiegszeitpunkt dauerhaft Pech hat, kann langfristig erheblich mehr Vermögen aufbauen als jemand, der sein Geld auf dem Sparkonto lässt.
Vanguard hat das anhand eines hypothetischen Szenarios durchgerechnet. Der Ausgangspunkt: Ein Anleger investiert seit 1997 insgesamt siebenmal Geld in einen Indexfonds auf den Weltaktienmarkt – und trifft dabei jedes Mal den denkbar schlechtesten Zeitpunkt, nämlich kurz vor einem historischen Kurseinbruch. Er startet kurz vor der Asienkrise 1997, legt erneut kurz vor dem russischen Staatsbankrott 1998 an, kauft vor dem Platzen der Dotcom-Blase, vor der globalen Finanzkrise 2007/2008, vor dem pandemiebedingten Einbruch 2020, vor dem Ukraine-Krieg 2022 und schließlich vor den US-Zollankündigungen im Dezember 2024. Insgesamt zahlt er dabei rund 45.000 Euro ein — in sieben Tranchen zu je ungefähr 6.429 Euro.
Das Ergebnis nach knapp 30 Jahren: Aus den 45.000 Euro wurden bis Ende Februar 2026 rund 199.000 Euro – ein Wertzuwachs von rund 340 Prozent. Wer dieselben Beträge zu denselben Zeitpunkten auf ein Sparkonto eingezahlt hätte, hätte bei einem durchschnittlichen Einlagenzins von rund 1,8 Prozent pro Jahr knapp 60.000 Euro angespart. Der Unterschied zwischen dem Pechvogel-Depot und dem Sparkonto beträgt damit rund 139.000 Euro.
Dabei gilt: Der hypothetische Anleger hat zu keinem Zeitpunkt verkauft. Genau das ist der entscheidende Punkt. Nicht perfektes Timing, nicht der günstigste Einstiegskurs, sondern das Dabeibleiben hat den Unterschied gemacht. Die Rechnung enthält keine Kosten oder steuerlichen Auswirkungen und basiert auf der vergangenen Wertentwicklung des FTSE All-World Index; sie ist daher ausdrücklich als Illustration zu verstehen, nicht als Prognose.
Was beides zusammen bedeutet
Kosten drücken auf die Rendite – das ist mathematisch unausweichlich. Disziplin kann Fehler beim Einstiegszeitpunkt ausgleichen – das zeigt das Rechenbeispiel eindrücklich. Wer kostengünstig investiert und investiert bleibt, hat demnach strukturell bessere Chancen als jemand, der teure Produkte hält oder bei Marktschwankungen verkauft. Auch wenn teurere Fonds im Einzelfall sicherlich höhere Renditen liefern können, die den Kostennachteil ausgleichen.
Für Berater heißt das: Das Kostengespräch und das Disziplingespräch gehören zusammen. Wer Kunden erklärt, warum 1,3 Prozentpunkte Gebührenunterschied über Jahrzehnte zehntausende Euro ausmachen, sollte im selben Zug erklären, warum Durchhalten auch dann richtig ist, wenn der Einstieg ungünstig war. Beides sind Hebel, die Anleger selbst in der Hand haben und mit denen sie ihren Anlageerfolg maßgeblich beeinflussen können.



