Was Trade Republic, Scalable Capital und ihre Mitstreiter in wenigen Jahren aufgebaut haben, spottet dem Vergleich mit den meisten Banken. Einfache Apps, keine Papierwüsten, keine Schaltergebühren — und plötzlich spielen Millionen Deutsche die Börse, die früher dachten, das sei nur etwas für Männer mit Lederkrawatten. Das ist eine echte Leistung.

Aber von Lob allein kann man nicht leben. Das wissen die Neobroker selbst am besten.

Ihr Problem ist altbekannt, nur akuter als je zuvor: Das „Payment for Order Flow“, jene hübsche Einnahmequelle, bei der Handelsplätze brav für die Weiterleitung von Kundenorders zahlten, läuft ab Mitte 2026 aus. Verboten. Vorbei. Und wovon soll das Wachstumsmodell nun leben? Sparpläne allein zahlen keine Server, keine Ingenieure, keine Marketingkampagnen („Bauch, Beine, Depot“, wie gut ist das bitte? Das nur so nebenbei).

Also schaut man sich um. Was liegt näher, als dort zu suchen, wo das große Geld ist?

Bei ETFs liegt es. Europäische Anleger steckten allein 2025 über Sparpläne 22,7 Milliarden Euro in börsengehandelte FondsDeutschland ist der größte Markt. Die Neobroker sind mittendrin, vermutlich sogar vorn. Trade Republic meldet keine Zahlen, was in dieser Branche meistens bedeutet, dass sie entweder so beeindruckend oder so schlecht sind, dass man sie nicht teilen will. 

Nun also die Idee, über die „Fonds Professionell zuerst berichtet: Bestandsprovisionen von den ETF-Anbietern kassieren. Blackrock zahlt, Amundi zahlt, Vanguard zahlt — dafür, dass ihre Produkte in den Depots der Neobroker-Kunden liegen und bleiben.

Die Broker würden also an der Verwaltungsvergütung der ETF-Anbieter beteiligt, womöglich auch an Einnahmen aus der Wertpapierleihe.

Neu und entscheidend daran ist die Abhängigkeit vom Volumen — je mehr Kundengelder in einem ETF stecken, desto mehr fließt an den Broker. Das ist kein Marketing-Deal, wie er schon heute üblich ist, wenn ETF-Anbieter für kostenlose Sparpläne zahlen. Das wäre eine laufende, stille Beteiligung am Geschäft des Kunden. „Revenue Share“ nennt man das auf Englisch — weil „Provision“ auf Deutsch nach dem klingt, was es ist.

Und damit kommen wir zum Problem.

ETFs sind deshalb so günstig, weil sie keine Provisionen zahlen. Das ist nicht nur ein Detail, das ist das Prinzip. Der aktiv verwaltete Fonds kostet gut und gerne 1,5 bis 1,8 Prozent pro Jahr, davon fließen bis zu einem halben Prozent an Banken und Broker — als Belohnung fürs Verkaufen und Behalten. Der ETF kostet dagegen 0,05 bis 0,5 Prozent. Das ist möglich, weil niemand zwischendrin die Hand aufhält.

Wenn diese Logik kippt, kippt das Produkt. Nicht sofort, nicht dramatisch — aber langsam, im Verborgenen.

Genau das ist der Punkt, der einem sauer aufstößt. Nicht die Idee an sich. Von irgendwas müssen die Neobroker ja leben, das ist kein Vorwurf, das ist Ökonomie. Wer einen Dienst nutzt, der irgendwo bezahlt werden muss, sollte sich nicht wundern, wenn der Anbieter nach Wegen sucht. Wer denkt, ein Girokonto ohne Gebühren sei ein Naturgesetz, hat die letzten zwanzig Jahre verschlafen.

Nein, was stört, ist die Methode.

Hintenrum. Leise. Ohne dass der Kunde weiß, warum er plötzlich weniger gut dran ist als gedacht. Die Bafin hat das Problem bereits erkannt und macht deutlich, dass solche Zahlungen als Zuwendungen gelten — mit allen Konsequenzen: offenlegen, begründen, nachweisen, dass die Qualität gestiegen ist. Vor Vertragsschluss, unmissverständlich, für jeden Kunden lesbar.

Was antworten die Beteiligten? Trade Republic „kommentiert Details zu vertraglichen Vereinbarungen nicht“. Scalable Capital verweist auf „umfangreiche Maßnahmen“, um das Geschäft transparent „im Einklang mit allen einschlägigen Gesetzen und Regulierungen erbringen zu können“. Finanzen.net betont, Transparenz habe „Priorität“. Das sind Sätze, die so gebaut sind, dass man nichts Falsches sagen kann — und nichts Wahres.

Was mich daran stört: Es wäre gar nicht nötig. Die Neobroker haben bewiesen, dass sie Kunden gewinnen können. Echte Gebührenmodelle, klar kommuniziert, haben in anderen Märkten funktioniert. Wer jahrelang mit dem Versprechen des günstigen Investierens gewachsen ist, sollte dieses Versprechen nicht still und heimlich aufweichen.

Denn am Ende ist das einzige Kapital, das zählt, das Vertrauen der Kunden. Und das lässt sich nicht über Revenue Share refinanzieren.

Dies ist ein persönlicher Kommentar, der ausschließlich die subjektive Meinung und Sichtweise des Autors widerspiegelt. Die hier dargestellten Ansichten, Interpretationen und Schlussfolgerungen repräsentieren nicht notwendigerweise die Position oder offizielle Haltung des Unternehmens.