Ethereum, die zweitgrößte Kryptowährung der Welt, hat nach einer langen Durststrecke – im April war ihr Wert auf bis zu 1.471 US-Dollar gefallen – die psychologisch wichtige Marke von 4.000 US-Dollar zurückerobert und befindet sich nahe an einem neuen Allzeithoch. Im gleichen Zuge wurde auch Vitalik Buterin, einer der Gründer von Ethereum, wieder zum Dollar-Milliardär, zumindest wenn man seinen Bestand von rund 240.000 Ether (dem Token von Ethereum) in Dollar umrechnet. 

Angetrieben wird die aktuelle Rally von einer knapper werdenden Liquidität an Krypto-Börsen, milliardenschweren Zuflüssen über Spot-ETFs, Investitionen von Ethereum-Treasury-Firmen und Zukäufen institutioneller Investoren. Hinzu kommt ein Vorstoß der Trump-Regierung, der erstmals Investitionen von Pensionsfonds in Krypto in den USA erlaubt. Marktakteure wie Tom Lee, CEO des Mining-Konzerns Bitmine, sehen Ethereum sogar auf Kurs, Bitcoin zu überholen. Was steckt noch hinter der aktuellen Entwicklung?  

Linea – die Antwort auf Ethereums Umsatzproblem?

Um diese Frage zu beantworten, muss man zunächst einen Blick auf die grundlegende Funktionsweise von Ethereum und die darauf aufbauenden Blockchains, die sogenannten Layer-2-Netzwerke werfen. Denn jenseits jeglicher Kursfantasie läuft im Ethereum-Ökosystem eine strukturelle Entwicklung, die für den langfristigen Wert entscheidend sein könnte – und sich am besten mit einer Autobahn erklären lässt.

Ethereum ist dabei wie eine vielbefahrene Schnellstraße: Hohe Auslastung führt zu Staus und steigenden (Maut-)Gebühren. Hier setzen die Layer-2s an – Expressspuren wie Arbitrum, Polygon oder Base, die Transaktionen schneller und günstiger abwickeln, aber weiter auf Ethereums bewährte Sicherheit setzen. Bereits über 85 Prozent aller Ethereum-Transaktionen – vom Handel bis zu NFTs – laufen heute über diese Layer-2s.

Das Problem: Weil Layer-2s tausende Transaktionen bündeln und dafür Gebühren einnehmen, fließen weniger direkte Gebühren an Ethereum selbst. Seit dem großen Dencun-Upgrade im März 2024, das die Datenverarbeitung für Layer-2s drastisch billiger machte, sind deren Gewinne explodiert – während Ethereum kaum mehr verdient. Base, eine Ethereum-kompatible Sidechain der Krypto-Börse Coinbase, erreichte 2025 eine Gewinnmarge von 98 Prozent und rechnet mit über 70 Millionen US-Dollar Jahreserlös.

Um dieses Ungleichgewicht zu adressieren, bringt Ethereum-Entwickler Consensys nun sein eigenes Layer-2-Netzwerk Linea in Stellung. Das neue Projekt soll drei Dinge erreichen:

  • Das Erhalten von Rewards mit Ether ermöglichen: Wenn Sie Ihren Ether (ETH) zu Linea übertragen, können Sie ihn bald staken (Kryptowährung sperren, um das Netzwerk zu sichern) und Belohnungen verdienen, ohne ihn in einen anderen Token umzuwandeln oder Apps von Drittanbietern verwenden zu müssen. Das würde die Nachfrage nach ETH stärken und somit auch Ethereum als Ganzes. 
  • Ethereum stark halten: Linea wird 20 Prozent seiner Transaktionsgebühren im Ethereum-Mainnet „verbrennen“. In der Welt der Kryptowährungen bedeutet das „Burnen“, dass Token dauerhaft aus dem Umlauf genommen werden, was ebenfalls dazu beitragen kann, den Wert der verbleibenden Token zu steigern, indem sie knapper werden.
  • Faire Token-Verteilung: Anders als viele Krypto-Projekte, die den Großteil ihrer Token an Insider oder Investoren – also frühe Unterstützer mit großem Einfluss – vergeben, stellt Linea 85 Prozent ihrer Token gezielt für Nutzer, Entwickler und die breite Ethereum-Community bereit. Dadurch bleibt das Netzwerk dezentraler und gemeinschaftsorientierter, weil mehr Menschen aktiv teilhaben und mitbestimmen können. 

Gelingt dieser Ansatz, könnte Ethereum nicht nur auf der Kurs-, sondern auch auf der Einnahmenseite dauerhaft auf der Überholspur bleiben – und, um erneut die Metapher des „Highway des Web 3“ zu nutzen, sich um eine profitablere Expressspur erweitern. Ein weiteres, langfristiges Kurswachstum könnte die Folge sein.


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Über den Autor

Adrian Fritz verantwortet als Head of Research die Forschungsabteilung von 21.co. Das Unternehmen ist die Muttergesellschaft von 21 Shares, einem Emittenten von Krypto-ETPs.