Das EU-Projekt „Open Finance“ nimmt Formen an. Ende Juni hat die EU-Kommission einen Plan dazu vorgestellt. Open Finance soll für mehr Transparenz und Wettbewerb am Markt für Finanzdienstleistungen sorgen. Finanzprodukte könnten günstiger werden, einige Marktbeobachter rechnen sogar mit ganz neuen Produktformen.
Bei Zahlungsdienstleistungen gibt es das schon. Im Rahmen des Open Banking können Bankkunden bereits heute ihr Einverständnis erteilen, dass andere Anbieter einen Blick in ihre Zahlungsdaten werfen und diese für eigene Angebote nutzen. Ebenso können Drittanbieter im Kundenauftrag selbst Zahlungen veranlassen. Den Rahmen für Open Banking setzt die Zahlungsdiensterichtlinie PSD (Payment Service Directive) 2, die gerade zu PSD 3 weiterentwickelt wird.
Open Finance weitet den Wettbewerb aus: Auch alle anderen regulierten Finanzdienstleistungsanbieter, die Konten führen, werden einbezogen. Es geht nun also auch um Sparkonten, Depots, Hypotheken und Versicherungen. Der Rahmenplan der Kommission heißt Financial Information Data Access Regulation, kurz Fida, zu Deutsch Finanzdatenzugangsgesetz.
Open Finance – drei Arten von Teilnehmern
Die EU-Kommission unterscheidet mehrere Arten von Mitspielern im System Open Finance. Da sind zum einen die Kunden als Data Owner, Dateninhaber. Ohne ihr Einverständnis darf kein Dritter Einblick in ihre Konten nehmen. Zum anderen gibt es die Data Holder – die Kontoführer, zum Beispiel Depotbanken oder Versicherer. Und schließlich gibt es die Data User – findige Konkurrenten, die sich für die Kundendaten interessieren, weil sie darauf aufbauend selbst individuelle Angebote machen können. Dabei könnte es sich um eine optimierte Anlagestrategie handeln, neue Versicherungsverträge oder ein Kreditangebot.
Potenzielle Datennutzer sind nicht nur klassische Banken, Fondsgesellschaften oder Versicherer, sondern zum Beispiel auch Fintech-Unternehmen. Oder Big-Tech-Firmen wie Apple und Google. Immer vorausgesetzt, dass der Kunde dem Datenzugriff zustimmt. Die Datennutzer sollen eine Lizenz vorweisen müssen, in ihrem Gesetzesvorschlag hat die EU-Kommission einen neuen Lizenztyp ins Spiel gebracht.
Die Dateninhaber, also die Kunden, sollen ihre Zustimmung zur Dateneinsicht laut Plan ganz nach Belieben verteilen können. Sie können sie mehreren Anbietern gewähren oder auch nur einer einzigen anderen Bank, Versicherungsgesellschaft, einem Finanzdienstleister oder Tech-Unternehmen. Rudolf Siebel, Geschäftsführer beim deutschen Fondsverband BVI, spricht in dem Zusammenhang von Kunden-Cockpits (englisch Dashboards). Siebel ist Mitglied der Expertengruppe zum Europäischen Finanzdatenraum, die die EU-Kommission berät.
„Über Genehmigungscockpits können Kunden steuern, wem sie Zugriff auf ihre Daten gewähren wollen“, erläutert Siebel. Die Data Holder, also die kontoführenden Stellen, werden verpflichtet, Schnittstelle einzurichten, um den Zugriff überhaupt zu ermöglichen. Damit wird ein Batzen Arbeit auf die Finanzbranche zukommen. Im Fall der Schnittstellen zunächst einmal auf die Kontoführer, also Depotbanken, Fondsgesellschaften, die selbst Depots anbieten, Lebens- und Sachversicherer, Hypothekenanbieter, Wertpapierhandelsbanken.
Beim Versichererverband GDV zeigt man sich wenig begeistert: „Die benötigten Schnittstellen und Datenstandards verursachen hohe Kosten, ohne genau zu wissen, ob ein tatsächlicher Kundenbedarf vorhanden ist“, beklagt Hauptgeschäftsführer Jörg Asmussen. Die Unternehmen würden schlimmstenfalls an den Kundenbedürfnissen vorbeiinvestieren.
Schnittstellen einrichten – ein Geben und Nehmen
Transparenz klingt immer gut. Kaum ein Unternehmen in Europa wollte sich wohl öffentlich dagegen aussprechen. Wo allerdings der Einblick in Daten gefordert wird, damit Drittanbieter konkurrierende Angebote unterbreiten können, geht den Kontoführern auch Exklusivität verloren. Schon in der Umsetzungsphase von PSD 2, ist aus der Branche zu hören, hätten Banken keine Eile an den Tag gelegt, die nötigen Schritte zu unternehmen – etwa standardisierte Schnittstellen einzurichten. Das Projekt habe sich dadurch enorm verzögert.
Mittlerweile scheinen die PSD-2-erfahrenen Banken der Datentransparenz aber durchaus etwas abgewinnen zu können. Immerhin müssen sie nicht nur Daten preisgeben, sondern können selbst auch als angreifende Wettbewerber auftreten. Der Fida-Vorschlag hätte ruhig noch etwas weiter gehen können, heißt es denn auch vom Bankenverband Deutsche Kreditwirtschaft (DK). Die EU-Kommission hätte auch Unternehmen jenseits des Finanzsektors erfassen sollen. „So könnten Banken beispielsweise ihren Kunden deutlich passgenauere Produkte anbieten, wenn sie Zugang zu Kundendaten in anderen Branchen hätten, wie beispielsweise Energie und Mobilität“, skizziert die DK in einer Stellungnahme. Das allerdings ist einstweilen nicht geplant.
In der Tat befinden sich die Banken beim Thema Open Finance in einer günstigen Ausgangsposition. „Banken haben jetzt den Vorteil, dass sie mit der PSD 2 die Infrastruktur für den automatisierten Datenzugriff schon geschaffen haben“, sagt Siebel. Aber auch, wer sein Geschäft vor allem digital betreibt, dürfte innerhalb der geplanten offenen Finanzdatenarchitektur im Vorteil sein. Das trifft naturgemäß auf hiesige Fintech-Anbieter, aber ebenso auf Tech-Riesen vom Schlage Google zu. „Schwierig kann es für Fondsgesellschaften werden, die sich allein auf die etablierten Vertriebskanäle verlassen“, meint Siebel.
Die Rolle des Vertriebs
Und wo bleibt in dieser Gemengelage der Finanzberater? Beim Projekt Open Finance hat der freie Finanzvertrieb auf den ersten Blick einen Nachteil. Denn formal haben Finanzanlagenvermittler, Haftungsdachpartner und unabhängige Vermögensverwalter mit den Kundendaten gar nichts zu tun. Die Daten liegen vielmehr bei Kontoführern wie den Depotbanken. Wollte der Kunde Dritten einen Einblick gewähren, so muss er das zunächst mit der Depotstelle regeln. „Der Vermittler muss darauf achten, dass er nicht durch eine digitale Lösung verdrängt wird“, warnt daher auch Siebel.
Hier kommen die Kundencockpits ins Spiel, über die sich der Datenzugriff steuern lassen soll. Ein Kunde kann solche Schaltstellen potenziell bei gleich mehreren Anbietern haben, zum Beispiel bei seiner Hausbank, seinem Lebensversicherer und seinem Hypothekenanbieter – denn alle Kontoführer müssen sie anbieten. In der Praxis dürfte es jedoch praktikabler sein, sich auf ein zentrales Cockpit zu beschränken.
Das glaubt etwa Andreas Beys, Vorstand beim Kölner Dachfondsanbieter Sauren. „Es wird wohl darauf hinauslaufen, dass der Kunde sich für ein Cockpit entscheidet – bei einem Finanzdienstleister, dem er das größte Vertrauen entgegenbringt und der alle Themen rund um Geldanlage, Versicherungen, Finanzierungen und Immobilieninvestments abdeckt“, meint Beys. „Die Stelle oder die Person, bei der alle Informationen zentral gebündelt werden, wird einen großen Einfluss auf den Kunden ausüben können.“
Open Finance – wer schnell ist, hat Vorteile
Für Berater dürfte es somit sinnvoll sein, sich schnell in die Pole Position zu bringen. BVI-Geschäftsführer Siebel rät: „Freie Finanzvermittler könnten mit den Fondsplattformen, mit denen sie zusammenarbeiten, ein gemeinsames Beratungsangebot entwickeln.“ Fondsgesellschaften hätten schon signalisiert: „Wer als Erster in der Lage ist, sich als der digitale Berater des Kunden zu positionieren, wird einen Vorteil haben.“
Sauren-Vorstand Beys verweist in diesem Zusammenhang auf die oft enge Bindung zwischen Kunde und Vermittler: Wer es geschickt anstelle, könne durch Open Finance zum umfassenden Dienstleister seiner Kunden werden. Beys glaubt: „Wer als Vermittler den Kunden ganzheitlich betreut und eine breite Palette von Produkten und Leistungen anbietet, der erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass der Kunde ihn auch als generellen Ansprechpartner auswählt.“ Das Praktische daran: Der Vermittler bekäme die Kundendaten voll automatisiert zugespielt. Immer vorausgesetzt, dass die Data Holder sich auch kooperativ zeigen.
Aber sind hier nicht einmal mehr die Big-Tech-Unternehmen im Vorteil – die auf einem ganz anderen Level mit Daten hantieren? Beys glaubt: „Bei Standardfällen könnten Unternehmen wie Google oder Apple zu einem großen Konkurrenten für die etablierten Anbieter werden.
Sie werden vor allem günstigere, einfach umsetzbare und ausreichend gute Finanz- und Versicherungsdienstleistungen anbieten können.“ Je spezieller jedoch die Kundenbedürfnisse werden, desto eher könnten menschliche Vermittler ihre Stärken ausspielen. Der Regulierungsvorschlag der EU-Kommission zu Open Finance beziehungsweise Fida liegt nun vor. Als Nächstes werden Ministerrat und EU-Parlament darüber beraten. Die Trilogpartner müssten sich noch vor den kommenden EU-Parlamentswahlen im Juni 2024 einigen, sonst würde sich das Projekt um viele Monate verzögern und müsste im ungünstigsten Fall neu angestoßen werden.
Zwei Kometen im Anflug: Im Schatten der EU-Kleinanleger-Strategie nähert sich ein noch größerer Brocken
Der Entwurf sieht vor: Wenn die Gesetzesakte verabschiedet und im EU-Amtsblatt erschienen sind, haben Vertreter von Dateninhabern, Datennutzern und Verbrauchern 18 Monate Zeit, um gemeinsam die wesentlichen Vertragsbedingungen für den zukünftigen Datenaustausch festzulegen. Sie sollen auch in Eigenregie die Art der Schnittstellen bestimmen und sich über Haftungsregeln verständigen.
Open Finance – was über den Erfolg entscheidet
In diesem Sommer ist vor allem die EU-Kleinanleger-Strategie in aller Munde, mit dem Dauerthema Provisionen im Finanzvertrieb. Andreas Beys warnt: „Im Vergleich zur Kleinanleger-Strategie ist Open Finance für Finanzdienstleister der größere Einschnitt.“ Beys entwirft das Bild eines Meteoriten, in dessen Schatten sich ein noch viel größerer Brocken nähert (Grafik oben). „Open Finance wird die Finanzwelt auf den Kopf stellen“, schätzt er.
Das EU-Vorhaben hat jedoch einen Faktor, der zentral über Erfolg oder Misserfolg entscheiden wird: „Wenn Kunden ihre Daten nicht großflächig freigeben, wird die Wirkung von Open Finance limitiert bleiben“, sagt Rudolf Siebel. Allerdings hält der BVI-Geschäftsführer gerade die jüngeren, digitalaffinen Generationen für empfänglich für das Thema. „Ich kann mir vorstellen, dass die neuen Möglichkeiten zumindest in Teilbereichen schnell angenommen werden“, glaubt Siebel.
Der Finanzvertrieb sollte sich mithin am besten jetzt schon auf das neue EU-Großprojekt nach der Kleinanleger-Strategie einstellen.


