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„Bosco Verticale“ in Mailand Foto: imago images / Cavan Images

CO2-Emissionen

Europa beschleunigt im Rennen gegen den Klimawandel

Mark Lewis, BNP Paribas Asset Management

Das Vorhaben ist ambitioniert: Im Kampf gegen den Klimawandel sollen die Treibhausgasemissionen in der Europäischen Union (EU) bis 2030 um 55 Prozent im Vergleich zu 1990 sinken. Damit geht der neue Vorschlag der Europäischen Kommission vom September deutlich über die bisher anvisierten Minus 40 Prozent hinaus. Und das ist nur eine Etappe auf dem Weg zum großen Ziel: Bis 2050 klimaneutral zu wirtschaften.

Im Fokus der Bemühungen steht dabei der Energiesektor – schließlich macht die Verbrennung fossiler Energieträger den größten Anteil an den Treibhausgasemissionen in der EU aus.

Die ehrgeizigen Pläne sind genauso richtig wie wichtig. Schließlich häuften sich die klimabedingten Katastrophen in den vergangenen Jahren und fielen immer dramatischer aus. Man denke beispielsweise an die verheerenden Waldbrände in Australien und Kalifornien oder die ungewöhnlichen Hitzewellen und Tundrabrände in Sibirien.  

Energiesektor ist bereits grüner geworden

Es gibt jedoch Grund für Optimismus. Auch nachdem die aufgrund des Coronavirus eingeleiteten Einschränkungen des öffentlichen Lebens gelockert wurden, entschieden sich viele Menschen, öfter zu Hause zu arbeiten und weniger geschäftlich zu reisen. Dadurch reduzierten sich die Treibhausgasemissionen ebenso wie im Zuge der deutlichen Fortschritte bei der Dekarbonisierung des europäischen Energiesektors. Hier wurde bereits einiges erreicht und der Trend zu erneuerbaren Energien dürfte sich fortsetzen – nicht zuletzt, da die Kosten notwendiger Technologien gesunken sind. Batterien für die Speicherung von Solar- und Windenergie zum Beispiel sind effizienter und günstiger geworden.

Darüber hinaus dürfte grüner Wasserstoff eine immer wichtigere Rolle spielen. Denn die Dekarbonisierung lässt sich nicht allein auf Basis erneuerbarer Energiequellen erreichen. Daher hat die EU im Juli eine ambitionierte Wasserstoffstrategie verabschiedet. Sie schätzt, dass die Investitionen in erneuerbaren Wasserstoff in Europa bis 2050 insgesamt 180 bis 470 Milliarden Euro erreichen könnten.

Preis für CO2-Zertifikate könnte deutlich steigen

Die strengeren Zielvorgaben der EU bei der Emissionsreduktion werden sich auch auf den EU-Emissionshandel (ETS) auswirken. Dieser sogenannte Cap-and-Trade-Markt funktioniert auf Basis von Zertifikaten, von denen jedes zum Ausstoß von einer Tonne CO2 oder ähnlicher Klimagase pro Jahr berechtigt. Emittenten bestimmter Sektoren und Branchen erhalten jährlich eine begrenzte Menge („Cap“) von Zertifikaten, mit denen gehandelt („Trade“) werden kann. Den Preis bestimmen Angebot und Nachfrage. Von Jahr zu Jahr wird die Menge zur Verfügung stehender Zertifikate weiter reduziert, um die Unternehmen zur Umstellung auf umweltfreundlichere Technologien zu motivieren.

Die verschärften Klimaschutzpläne dürften zu einer deutlichen Deckelung der Zertifikate führen. Dies könnte den bereits nahe am Rekordhoch liegenden Kohlenstoffpreis weiter in die Höhe treiben – wodurch wiederum die Kosten des CO2-Ausstoßes steigen und der Druck auf Unternehmen zunimmt, weniger CO2-intensive Energiequellen zu nutzen. Für weiteren Aufwärtsdruck beim CO2-Preis sorgen Unternehmen, die Emissionsrechte nicht verkaufen, obwohl sie diese in diesem Jahr wahrscheinlich nicht benötigen. Der Grund: Die Unternehmen möchten für die Zukunft gewappnet sein, wenn noch weniger Zertifikate auf dem Markt sein werden.

In Anbetracht des gesellschaftlichen Fokus sowie der Investitionen in Infrastruktur und neue Technologien seitens der Politik dürfte die Energiewende einer der größten Investmenttrends der kommenden Jahre sein. Bis zum Jahr 2050 werden 29 Billionen US-Dollar in diesem Bereich fließen. Um die Gewinner dieser Entwicklung ausfindig zu machen, so unsere Überzeugung bei BNP Paribas Asset Management, ist der Fokus auf die Themen erneuerbare Energien – Wind, Sonne, Kohlenwasserstoff –, Energieeffizienz, Speicherung und Netzwerke sowie profunde Erfahrung in der Energiewirtschaft notwendig.

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