Europa: Nordlichter und Schlusslichter

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Selber schuld – treffender kann man Maud Olofssons Kommentar nicht umschreiben. Eine Geldspritze werde es von ihr nicht geben, lässt Schwedens Wirtschaftsministerin am 23. Juni verlauten. Was soll sie auch sonst sagen zu einem Konzern, der seit Jahren Autos baut, die keiner will, und der finanziell auf der Kriechspur ist: Saab. Soll sie etwa Staatsgeld und Energie für ein kaputtes Unternehmen opfern und sich dabei blamieren wie die Bundesregierung bei Opel? Ihre Antwort: „Saab hat die Verantwortung und muss selbst finanzielle Lösungen finden.“ Derzeit kann das Unternehmen nicht einmal mehr die Löhne seiner Beschäftigten zahlen. Olofssons menschlich zwar äußerst harte, wirtschaftlich aber umso schlauere Reaktion passt ins Bild, das die nordeuropäischen Länder Dänemark, Norwegen, Schweden und Finnland derzeit vermitteln. Ihre Regierungen fahren eine vernünftige Wirtschaftspolitik und können mit Geld offenbar besser umgehen als ihre Kollegen weiter südlich. Der Saab-Crash ist zwar ein Fleck auf der strahlenden Wirtschaftsweste der nordischen Musterknaben. Doch andere Unternehmen gehören aber zur weltweiten Elite: der Kleidungsproduzent H&M, der Haushaltsgerätehersteller Electrolux und natürlich das Möbelhaus Ikea. „Die Finnen erfinden, die Schweden finanzieren, die Dänen verkaufen, und die Norweger kaufen es“, so erklärte es Erik Friman, Chef des Aktienhandels bei SEB Enskilda Deutschland, gegenüber der „FAZ“. Öl schwemmt Schulden fort  Vor allem dem Erdölförderland Norwegen hilft derzeit der hohe Ölpreis beim Einkaufen. Umgerechnet 44 Milliarden Euro sollen die Ölexporte dieses Jahr bringen. Davon könnte Deutschland seinen Verteidigungshaushalt schultern und hätte noch 13 Milliarden Euro übrig. Dank seines Rohstoffschatzes in der Nordsee ist Norwegen – Soll und Haben verrechnet – sogar schuldenfrei. Damit bildet der Norden einen Gegenpol zu den südlichen Problemländern der Eurozone – Portugal, Italien, Griechenland und Spanien – denen Investmentbanker die wenig schmeichelhafte Abkürzung „Pigs“ (englisch: Schweine) aufgedrückt haben.  Es ist völlig egal, welche Wirtschaftsstatistik es ist, in allen sticht das Nord-Süd-Gefälle ins Auge – beim Wirtschaftswachstum, der Staatsverschuldung, der Arbeitslosenquote, selbst bei Bildung und Gesundheit. Wer die Vorgeschichte dazu sucht, sollte sich auch ein paar andere Auswertungen ansehen. Denn geht es darum, die Wirtschaft auf ein gesundes Fundament zu stellen, spielen auch hier die vier Nordischen vorn mit. Die Korruption ist niedrig. Es ist nicht schwer, ein Unternehmen zu gründen, es zu führen erstrecht nicht. Nur die Steuern gelten als vergleichsweise hoch. Das ist wiederum mit ein Grund für die stabilen Staatsfinanzen, die internationale Anleger inzwischen sehr schätzen. 14 Milliarden für Schwarzarbeit Anders im Süden: Hier sind zu hohe Steuersätze kaum ein Problem. Dafür nervt Unternehmer die ausufernde Bürokratie. Die hohe Korruption sorgt zudem dafür, dass die erhobenen Steuern häufig gar nicht beim Staat ankommen. Transparency International schätzt, dass der griechische Schwarzmarkt ein Drittel der Gesamtwirtschaft ausmacht und den Staat mindestens 14 Milliarden Euro im Jahr kostet. Ein durchschnittliches Schmiergeld an Staatsdiener betrug im vergangenen Jahr 1.492 Euro – in der Privatwirtschaft 1.623 Euro. Die Fallhöhe zwischen Nord und Süd hat auch an den Finanzmärkten Spuren hinterlassen. Die Erholung nach dem Crash 2009 haben die Aktienkurse noch in Eintracht vollzogen. Dann kam der Bruch, und die Nordkurse stiegen weiter – unterstützt von aufwertenden Währungen in Schweden, Norwegen und Dänemark. Für die Aktien der Südländer begann mit der Schuldenkrise auch das Leid.

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