Heinrich Hiesinger, Chef von Thyssenkrupp

Heinrich Hiesinger, Chef von Thyssenkrupp

Europa: Wetten auf die Zukunft

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Heinrich Hiesinger ist ein Manager nach Guy Scotts Geschmack. Hiesinger ist seit Januar 2011 Chef des deutschen Stahlveteranen Thyssenkrupp. Scott ist Co-Portfoliomanager und Aktienanalyst für Industriewerte bei der Investmentgesellschaft Janus Capital. „Der neue Vorstandschef von Thyssenkrupp ist sehr charismatisch. Wenn er spricht, haut er schon mal auf den Tisch“, sagt Scott.

Hiesinger sei pragmatisch und zielstrebig. Genau der Richtige für diesen Job. „Der Konzern will sein Stahlgeschäft loswerden, das nur noch ein Wertevernichter ist“, lobt Scott und nennt als eine Stärke das Fahrstuhlgeschäft. Es gebe nur vier Konkurrenten, und nach Installation eines Fahrstuhls habe man Wartungsaufträge für 20 Jahre.

Niemand will Value

Die Aktie von Thyssenkrupp ist ein Beispiel für das, was gerade an der Börse passiert: Die Menschen kaufen Hoffnungen, Perspektiven, Zukunft. Zugegeben, das machen sie eigentlich immer. Aber Investoren haben nach dem großen Krach zur Jahrtausendwende jahrelang darauf geschaut, was eine Aktie im Jetzt wert sein müsste und was sie tatsächlich kostet.

Dieser klassische Value-Ansatz interessiert aber kaum jemanden. Heute zählt die Frage, wie sich Unternehmen in der neuen Normalität zurechtfinden werden. Und die sieht im Vergleich zu vor zehn Jahren trist aus. Die überdurchschnittlichen Wachstumsraten in Europa und den USA sind vorerst vorbei.

Unternehmen, die künftig wachsen wollen, müssen in die Schwellenländer gehen wie die Bierbrauer, etwas Revolutionäres erfinden wie Apple oder eben eine firmeninterne Krise meistern wie Thyssenkrupp. Dessen Kurs-Gewinn-Verhältnis liegt für 2012/2013 bei 58 – der Durchschnitt des Dax liegt bei 16. Für das folgende Geschäftsjahr erwarten Analysten jedoch einen vervielfachten Gewinn, was das KGV auf 12,7 drücken würde. Wenn es denn klappt.

Peinliche Forderung der Wirtschaft

Die Kauflust, die manche Aktienkurse derzeit auf neue Rekordstände treibt, ist eine Mischung aus Zweckoptimismus, Hoffnung und Verzweiflung. Zweckoptimismus deshalb, weil es schon als eine tolle Sache gilt, wenn es in der Eurozone mal keine Katastrophe gibt. Wenn kein Staat die weiße Fahne hisst.

So schreibt Valentijn van Nieuwenhuijzen, Chefstratege bei ING Investment Management: „Die Wirtschaftsmeldungen aus den USA, Deutschland und Japan deuteten im Februar bis April lediglich auf eine leichte Schwäche hin und nicht etwa auf einen erneuten Abwärtstrend.“ Man freut sich über die kleinen Dinge. Nur sollte man dabei nicht vergessen, dass die Eurokrise noch lange nicht gelöst ist. Der Patient hat bisher nur Schmerzmittel bekommen. Operiert ist er immer noch nicht.

Experten sind sich einig, dass das Wirtschaftswachstum in den kommenden Jahren in Europa flach bleiben wird. Wobei die Wirtschaft sich selbst ein denkwürdiges Armutszeugnis ausstellt. Ohne weitere Ausgabenprogramme oder mit ausgeglichenen Staatshaushalten, so stellt sie klar, werde es kein Wachstum geben. Was im Umkehrschluss zeigt, woher die Wachstumsraten der fetten Jahre eigentlich kamen: aus den Soll-Konten der Staaten. Staaten sollen mehr Geld ausgeben, als sie einnehmen.

Unternehmen verlangen damit von ihnen wie selbstverständlich etwas, das sie selbst nie tun würden. Sie wollen ihr altes Länderschulden-Schneeballsystem zurück. Nur wird das die Eurozone nicht leisten können. Steigende Nachfrage findet sich allenfalls in den Schwellenländern. Wer dort gut aufgestellt ist, kann noch wachsen. Aktien solcher Unternehmen laufen derzeit besonders gut – und werden teuer.

Es wird sich wieder rächen


Der zweite Kurstreiber heißt Verzweiflung. Die Zinsen für Anleihen haben nie gesehene Tiefen erreicht. Aktien gelten als Ersatz, weil die Dividendenrenditen inzwischen höher sind als die Anleiherenditen desselben Unternehmens. Das alles ist nicht der Stoff, aus dem eine gesunde Aktien-Hausse entsteht. Gerade bei den Verzweiflungstätern baut sich eine enorme Enttäuschungsgefahr auf.

Sie drängen derzeit die bekannten Risiken in den Hintergrund, was sich schon immer gerächt hat. Früher oder später. Ganz ohne Aktien geht es nicht mit einem gut angelegten Vermögen. Nur sollten sich Anleger fragen, ob sie den Hoffnungen anderer hinterherrennen müssen. Oder ob sie wieder mehr auf das achten, was viele Jahre zählte: auf die Gegenwart und den Preis der Aktie. Günstige Titel gibt’s genug.

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