Europäische Aktien Drei Gründe, warum Europas Börsen hinterherhinken

Bar und Wohnzimmer der 1. Klasse im Airbus A380. Der größte europäische Flugzeugbauer handelt mit einem deutlichen Abschlag gegenüber dem US-Konkurrenten Boeing. | © Getty Images

Bar und Wohnzimmer der 1. Klasse im Airbus A380. Der größte europäische Flugzeugbauer handelt mit einem deutlichen Abschlag gegenüber dem US-Konkurrenten Boeing. Foto: Getty Images

2017 herrschte großer Enthusiasmus an den europäischen Aktienmärkten. Die Wahl des reformeifrigen Emmanuel Macron zum französischen Präsidenten und die Wiederwahl von Angela Merkel, aber auch Anzeichen einer wirtschaftlichen Erholung in der Eurozone unterstützen zweistellige Zuwächse bei europäischen Aktien. Die Hoffnungen stiegen, dass europäische Märkte nach langer Zeit wieder besser laufen würden als der starke US-Bullenmarkt. Dieses Jahr sind sämtliche Hoffnungen auf eine Aufholjagd geschwunden. Vor allem drei Aspekte tragen zur ungleichen Entwicklung der internationalen Märkte bei.

Export-Europa trifft der Handelskrieg am stärksten

Das ist erstens die starke Exportorientierung der europäischen Volkswirtschaften. „Europa ist besonders anfällig für Handelsprobleme“, erklärt Robert Lind, Ökonom bei der Capital Group, und ergänzt: „Auch wenn sich die Schlagzeilen auf den Handelskonflikt zwischen den USA und China konzentrieren, so ist es doch Europa, das am meisten in einem Handelskrieg zu verlieren hat.“ Seiner Ansicht nach ist dies ein entscheidender Grund für die glanzlosen Erträge an den europäischen Aktienmärkten in diesem Jahr.

Zum Ende des dritten Quartals war der MSCI Europe auf US-Dollar-Basis zwei Prozent im Minus. US-Aktien hingegen erreichten mehrfach neue Höchststände und schafften ein Plus von fast 11 Prozent. Der Euro hat in der gleichen Zeit etwa 3 Prozent gegenüber dem US-Dollar verloren. Steigende US-Zinsen, eine brummende Konjunktur und der Trend zur Flucht in sichere Häfen haben die Kapitalflüsse in Richtung USA gelenkt.

Die europäische Politik bricht auseinander

Ein zweiter Grund für die diesjährigen schwachen europäischen Märkte ist die Politik, die die Stabilität der EU erneut auf den Prüfstand stellt. Die Kursrally in Europa, die nach der Wahl Macrons im Mai 2017 startete, ist langsam abgeklungen, als klar wurde, dass Macrons Wirtschaftsreformen auf starken Widerstand in Frankreich treffen. In Deutschland geriet Merkel unter Beschuss. In Großbritannien setzen sich die erbitterten Brexit-Verhandlungen fort. Und in Italien hat die neu gewählte populistische Regierungskoalition die Ängste um die Finanzpolitik von Europas drittgrößter Volkswirtschaft wieder entflammt. „Die europäische Politik bricht weiter auseinander. Populistische und nationalistische Bewegungen sowie andere kleinere Parteien machen ihren Einfluss auf dem ganzen Kontinent gelten“, konstatiert Talha Khan, Volkswirt bei der Capital Group.

Sein Blick aufs kommende Jahr ist nicht sonderlich optimistisch: „In Deutschland könnte es einen Regierungswechsel geben, in Großbritannien einen harten Brexit und in Italien politische und finanzielle Turbulenzen.“ Hinzu kommt, dass Mario Draghi im Oktober aus seinem Amt als EZB-Präsident ausscheidet. Es wird erwartet, dass die EZB im Dezember dieses Jahres ihr Anleihekaufprogramm beendet, erste Zinserhöhungen könnten Mitte 2019 oder im späteren Jahresverlauf erfolgen. „Das sind sehr viele Unsicherheiten für eine relativ kurze Zeitspanne“, meint Khan und erwartet mehr Volatilität an den Märkten.

Wachstumsstarke Tech-Unternehmen sind Mangelware

Ein dritter Grund für die ungleiche Kursentwicklung in den USA und Europa ist Europas Mangel an wachstumsstarken, technologieorientierten Unternehmen – zumindest im Vergleich zu den USA. Der seit 2009 währende US-Bullenmarkt wurde vor allem von den Sektoren Technologie und zyklischer Konsum angetrieben. Beide haben einen vergleichsweise geringen Anteil in Europa. Den US-Giganten Amazon, Apple, Facebook, Google, Microsoft und Netflix stehen in Europa lediglich SAP aus Deutschland und ASML aus den Niederlanden gegenüber. Die beiden zusammen machen knapp die Hälfte der Marktkapitalisierung des europäischen Tech-Sektors aus.

Die derzeitige Situation lässt Brad Freer jedoch nicht vor Europa zurückschrecken. „Die makroökonomische Lage muss sich nicht zwingend verbessern. Fundamental orientierte Investoren finden auch so verlockende, wachstumsstarke Unternehmen in der Region“, so der Portfoliomanager der Capital Group. Als Beispiel nennt er Airbus. Der Flugzeugbauer handelt seiner Ansicht nach mit einem deutlichen Abschlag gegenüber dem US-Konkurrenten Boeing. Ebenfalls angetan ist er vom Chipausrüster ASML und der britischen Bank HSBC, die in Asien stärkere Wachstumsmöglichkeiten sucht. „Auf Indexbasis waren europäische Aktien zwar enttäuschend. Aber es gibt in Europa einzelne Unternehmen, die einen deutlich attraktiveren Preis aufweisen als ihre US-Pendants“, so Freer.