AGI-Fondsmanager Thorsten Winkelmann

AGI-Fondsmanager Thorsten Winkelmann

Europäische Aktien: „SAP braucht sich vor Apple nicht zu verstecken“

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DAS INVESTMENT.com: Apple, Google und Amazon, alles US-Firmen. Schaut man als europäischer Growth-Manager bei solchen Unternehmen nicht neidisch nach Amerika?

Thorsten Winkelmann: Neid wäre ein schlechter Ratgeber, denn der führt ins Nichts. Der europäische Markt wird unterschätzt, das ist das Thema. Hier suchen wir die innovativen Unternehmen und finden Sie auch. Gerade seit der Krise ist Innovation gefragt. Die sich verschiebenden Einkommensstrukturen meistern Unternehmen wie Inditex und H&M brillant. Und auch SAP braucht sich vor Apple nicht zu verstecken.

DAS INVESTMENT.com: Was spricht derzeit für europäische Aktien?

Winkelmann: Viele europäische Unternehmen sind echte Kosmopoliten und daher weniger anfällig gegenüber regionalen Schwankungen in Wirtschaft und Politik. Zudem sind die Bewertungen im Vergleich zu Amerika deutlich niedriger.

DAS INVESTMENT.com: Was macht für Sie eine Wachstumstory einer Firma aus?

Winkelmann: Das Geschäftsmodell muss einem sehr soliden, dauerhaften Nachfragetrend entsprechen, es müssen klare Wettbewerbsvorteile erkennbar sein. Gleichzeitig sollte das Unternehmen einen hohen Gewinn auf das eingesetzte Kapital erwirtschaften, der mit überlegener Position im Wettbewerb und durch hohe Eintrittsbarrieren nachhaltig ist.

DAS INVESTMENT.com: In welchen Marktphasen hat der Growth-Stil sein Schwächen?

Winkelmann: Von Schwächen würde ich nicht reden. Wird die Suche nach Firmen mit viel Wachstumspotenzial diszipliniert und engagiert verfolgt, lassen sich in jeder Marktphase Unternehmen finden, die ein längerfristig überdurchschnittliches Gewinnwachstum haben. In besonders starken, sentimentgetriebenen Marktphasen wird der Growth-Stil vielleicht etwas hinter der Performance anderer Strategien zurückbleiben. Wir setzen aber lieber auf hohes und stabiles langfristiges Wachstum als auf extrem hohes, kurzfristiges Wachstum.

DAS INVESTMENT.com: In der Eurokrise wurde so ziemlich jeder und alles in Europa schlecht geredet. Was ist dran?

Winkelmann: Egal welche Zeitung sie in den vergangenen Jahre aufgeschlagen haben, alles in Europa war schlecht. Darunter viel zur Eurokrise oder dass beispielsweise Siemens Mitarbeiter entlässt. Wenn aber eine Firma wie Rational, unspektakulärer Hersteller von Groß- und Industrieküchengeräten, mit seinem Geschäftsmodell durch die Decke stößt und Mitarbeiter sucht, ist das keine Story wert. Da stimmt meiner Meinung nach etwas in der Berichterstattung nicht.

DAS INVESTMENT.com: Derzeit erleben wir einen Wettstreit um die schwächste Währung: Welche Unternehmen trifft das am wenigsten?

Winkelmann: Erfolgreich global aufgestellte Unternehmen sind meist sehr versiert im Umgang mit Währungen. Sie können Währungsunterschiede durch regionale Anpassungen mittelfristig ausgleichen.

DAS INVESTMENT.com: Warum ist für Sie das strukturelle Wachstum so viel wichtiger als das Gewinnmomentum?

Winkelmann: Für eine langfristige Investition sind auch langfristige Beobachtungen und Bewertungen erforderlich. Was in einem Jahr geschieht, ist dabei schon relativ kurzfristig. Nehmen Sie internationale Projekte. Die dauern wesentlich länger. Die Entwicklung des Konsums in Emerging Markets dauert länger. Mit dem Gewinnmomentum könnte man das so nicht erfassen. Ein Beispiel ist Hexagon, die vor drei Jahren Intergraph übernommen haben. Die daraus zu entwickelnden Synergien sind noch immer nicht alle erschlossen. Hier braucht es langfristige Markt- und Projekteinsicht.

DAS INVESTMENT.com: Gibt es Situation, wo das Bauchgefühl in Ihrem Beruf eine Rolle spielt?

Winkelmann: Emotionen sind wichtige Wegweiser für die rationale Erkenntnis. Ohne solche würde man auf gar keine gute Idee kommen. Man hätte auch nicht den Antrieb und das Durchhaltevermögen für größere Recherchen und lästige Rechenarbeiten. Insofern geht ohne Bauch gar nichts.

DAS INVESTMENT.com: SAP ist derzeit ihre größte Portfolio-Position. Warum gefallen Ihnen die Walldorfer so besonders?

Winkelmann: Ohne den Walldorfern zu nahe treten zu wollen, es ist in diesem Falle nicht die Schönheit dort, sondern das beeindruckende Geschäftsmodell mit den zuverlässigen Erträgen, die SAP für diese Top-Position qualifizieren. Das In-Memory-Produkt Hana ist hervorragend, das traditionelle Lizenzgeschäft wächst stabil und die Bereiche Mobile sowie Cloud bieten zusätzliche Wachstumsoptionen. Seit Jahren erzielt SAP beste Erträge auf das investierte Kapital bei niedriger Verschuldung.

DAS INVESTMENT.com: Wie viel Ihrer Zeit verbringen Sie eigentlich mit Unternehmensbesuchen?

Winkelmann: Reisen können rund 30 Prozent meiner Zeit ausmachen. Glücklicherweise kommen wegen der Bedeutung am Finanzmarkt viele Firmenlenker nach Frankfurt. Da kann man dann mal schnell ein Gespräch verabreden. Das spart Zeit. Besuche vor Ort ersetzt das jedoch nicht. Beispielsweise bekommt man dabei nicht nur Einblick in die Arbeit der obersten Ebene, sondern auch ins mittlere und untere Management. Das zeigt einem, ob alle Verantwortlichen einer Firma an einem Strang ziehen oder nicht.

DAS INVESTMENT.com: Wie würde Ihr perfekter Stadionbesuch aussehen?

Winkelmann: Beim 1. FC Köln mit den besten Freunden bei ein paar Kölsch und Stadionwurst auf der Gegentribüne gegen Liverpool oder Barca, wenn der FC in den nächsten Jahren wieder international spielt.

DAS INVESTMENT.com: Worüber haben Sie sich in jüngster Zeit so richtig geärgert?

Winkelmann: So richtig? Das fällt schwer. Mir geht es einfach gut.

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