Seit fast drei Jahren befindet sich der Dax im Rallymodus. Seit dem zyklischen Tief im September 2022 hat sich das deutsche Standardwertebarometer ziemlich genau verdoppelt. Der M-Dax kann da bei Weitem nicht mithalten und bringt es im selben Zeitraum „nur“ auf ein Plus von circa 40 Prozent.
Das ist für sich genommen gar nicht schlecht und übertrifft die durchschnittliche Rendite, die Aktien in der Vergangenheit erzielt haben. Der Abstand zum Dax ist jedoch beträchtlich. Dementsprechend groß ist das Nachholpotenzial. Bei den großen Standardwerten ist dagegen mittlerweile Vorsicht geboten.
Auf Basis der geschätzten Gewinne der kommenden vier Quartale kommt der Dax mittlerweile auf ein Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 15,3, so der Konsens der Unternehmensanalysten. Damit ist der Index rund ein Viertel teurer als im Durchschnitt der vergangenen 20 Jahre. Eine Rally, die nicht primär auf dem Wachstum der Unternehmensgewinne, sondern vor allem auf einer Ausweitung der Bewertungen basiert, ist anfällig für Korrekturen.
Zwar kommt der M-Dax auf eine ähnlich hohe KGV-Bewertung. Diese liegt aber circa sieben Prozent unter dem Durchschnitt der zurückliegenden 20 Jahre. Das Kurs-Buchwert-Verhältnis (KBV) zeichnet ein ähnliches Bild. Dieses liegt beim Dax bei fast 1,8 und damit rund 20 Prozent über dem Zwanzig-Jahres-Durchschnitt. Das M-Dax bringt es beim KBV nur auf annähernd 1,5 – das sind circa zehn Prozent weniger als in den vergangenen 20 Jahren.
Wenige Aktien treiben die Dax-Rally
Was die Robustheit des Dax zusätzlich untergräbt, ist, dass seine Rally von vergleichsweise wenigen Aktien angetrieben wird. So ist das Dax-Schwergewicht SAP in den zurückliegenden drei Jahren um rund 200 Prozent gestiegen. Rheinmetall hat in dieser Zeit sogar um circa 860 Prozent zugelegt. Ohne diese beiden Werte sähe die Rally beim Dax schon ganz anders aus.
Als Argument für den Dax wird immer wieder gerne angeführt, dass die 40 größten in Deutschland börsennotierten Unternehmen mehr als 80 Prozent ihres Geschäfts im Ausland erwirtschaften. Die 50 Mitglieder des M-Dax kommen hier nur auf einen Anteil von rund 70 Prozent.
Geringes Auslandsgeschäft des M-Dax bringt auch Vorteile
Das geringere Auslandsgeschäft könnte sich demnächst als Vorteil erweisen. Denn die jüngst von den USA gegen Brasilien angedrohten Strafzölle von 50 Prozent zeigen, dass das Thema längst noch nicht vom Tisch ist. Die Tatsache, dass die Anleger einen Zollkrieg der USA gegen den Rest der Welt derzeit fast vollkommen auspreisen, könnte zum Bumerang werden.
Gleichzeitig beendet Deutschland seine jahrelange Sparpolitik. Die 500 Milliarden Euro für die Infrastruktur in den kommenden zwölf Jahren sowie die faktische Aufhebung der Schuldenbremse für die Verteidigungsausgaben stellen ein riesiges Konjunkturpaket dar. Die schwarze-rote Regierung wird beziehungsweise muss darauf achten, dass davon so viel Geld wie möglich im Inland ausgegeben wird.
Schließlich versteht sich Bundeskanzler Friedrich Merz als Mann der Wirtschaft. Erholt sich diese, dürfte sich das künftig bei den anstehenden Wahlen auszahlen. Die Stimmung in der deutschen Wirtschaft hat sich bereits spürbar gebessert. Der Ifo-Geschäftsklima-Index ist im Mai schon den fünften Monat in Folge gestiegen.
Auch europäische Nachbarländer sind für Investoren spannend
Anleger sollten sich jedoch nicht nur auf Deutschland fokussieren. Auch die europäischen Nachbarländer wollen deutlich mehr für die Verteidigung ausgeben. Davon profitieren nicht nur reine Rüstungsfirmen, die bereits in den vergangenen Monaten stark performt haben, sondern auch zahlreiche Zulieferer und Hersteller von Dual-Use-Produkten.
Seit Jahresbeginn schichten Anleger von amerikanischen in europäische Aktien um, vor allem aufgrund der hier günstigeren Bewertungen. Allerdings verfügen US-Unternehmen auch über eine deutlich stärkere Gewinndynamik. Das galt zuletzt insbesondere für die Magnificent 7, die trotz hoher Ausgaben für künstliche Intelligenz (KI) ihre Gewinne deutlich gesteigert haben.
Wall Street nicht abschreiben
In der Vergangenheit haben US-Unternehmen immer wieder gezeigt, dass sie ihre hohen Bewertungen rechtfertigen und in sie hineinwachsen. Am größten Aktienmarkt der Welt führt weiterhin kein Weg vorbei. Amerikanische Aktien gehören nach wie vor in jedes gut diversifizierte Depot.
Von der Outperformance europäischer Aktien gegenüber amerikanischen zum Jahresanfang ist nicht mehr viel übriggeblieben. Der Stoxx Europe 600 ist seit Jahresbeginn um etwas mehr als sieben Prozent gestiegen. Der S&P 500 schaffte in diesem Zeitraum ein Plus von knapp sieben Prozent und notiert auf Rekordniveau.
Dabei muss allerdings angemerkt werden, dass sich diese Entwicklung aus der Sicht von Anlegern aus dem Euroraum etwas anders darstellt. Denn der US-Dollar hat seit dem Jahreswechsel im Vergleich zum Euro um zwölf Prozent an Wert verloren. Das wiederum eröffnet für die zweite Jahreshälfte Erholungspotenzial, sodass wiederum gelten könnte: Die Verluste von gestern sind die Gewinne von morgen.
Über den Autor:
Thomas Buckard ist Gründungsmitglied und Vorstandssprecher des Vermögensverwalters MPF.

